AEG 1062 WU
1952
Seriennummer: 349048

Vorbemerkung:
Wieder wurde es Winter, die Tage kürzer und das Jahr 2008 neigte sich dem Ende entgegen. Ausnahmsweise hatte ich einmal Zeit und Muße, mich meinem Röhrenradio-Hobby zu widmen und das Angebot eines AEG-Radio in dem Berliner Anzeigenblatt „Zweite Hand“ kam mir gerade recht. Also fuhr ich durch die Straßen von Berlin zu einem etwas am Rande liegenden Stadtbezirk im Norden und übernahm das hier vorgestellte Gerät aus solidem Familienbesitz. So ein ähnliches Modell von Telefunken hatte ich schon, kam aber damals nicht an seine Lagerstätte auf dem Dachboden meiner 700 km entfernt wohnenden Eltern. Die Optik und die Gestaltung des Gehäuses besaßen für mich einen besonderen Reiz und ich freute mich, einmal in winterlicher Ruhe sein Inneres zu studieren.
Das Radiomodell und seine Restaurierung:
Ja, der AEG-Konzern war wirklich sehr vielseitig. Nicht nur Haushaltsgeräte und spezielle Elektrotechnik wurden hier produziert, sondern das Angebotsportfolio umfasste sogar einmal Kraftfahrzeuge.
Hier wollen wir uns aber der Radioproduktion zuwenden und insbesondere dem Modell 1062 WU. Warum „1062“? Gute Frage. Die Produktbezeichnungen für die Röhrengeräte sind nicht immer leicht nachvollziehbar. Auch im selben Jahrgang 1952 ist für mich keine wirkliche Systematik zu erkennen. Einzig die erste Ziffer scheint eine Art Aufzählung zu sein, denn Nachfolgemodelle aus dem Jahrgang 1953 hatten eine „2“ vorangestellt. Klar ist jedoch, dass es sich bei dem hier gezeigten Modell um eines aus der Spitzenklasse der Firma handelte. „WU“ bedeutet Wechselstrom mit eingebautem UKW-Empfänger. Zu dieser frühen Zeit der Ultrakurzwelle war das noch besonders erwähnenswert. Dieses Modell gab es auch noch als Allstromgerät, obwohl diese Spezies in West-Deutschland durch die fortschreitende Vereinheitlichung auf ein bundesweites Wechselstrom-Netz langsam vom Aussterben bedroht war. Da das Allstromgerät sowohl Gleich- als auch Wechselstrom vertrug, hieß es entsprechend 1062 GWU.

Das Radio gefiel mir. Zwar funktionierte es nicht, wie auch die Vorbesitzer gleich zugaben, aber es schien grundsätzlich vollständig zu sein, alle Schalter ließen sich drehen und die Tasten rasteten ein. Auch die Skalenscheibe war in einem guten Zustand. Zwar hatte der Lack an einigen Stellen etwas gelitten, aber das ließ ich als angemessene Patina noch durchgehen.
Bei näherer Untersuchung entdeckte ich auch gleich einige Mängel: Die Metalleinlagen in der Mitte des vorderen rechten Drehschalters fehlten, das „AEG“-Typenschild mit Zierstreifen auf der Querstrebe unter der Skalenscheibe fehlte ebenfalls und im Inneren fand ich einen sehr seltsamen Defekt. Der Spannungswähler war entfernt worden und die Kabel wurden durchtrennt. Wer macht so etwas und warum? Das ließ mich staunend zurück. Es überrascht mich immer wieder, was einige Zeitgenossen so mit den alten Radios anstellen.

Auf dieser Basis entschloss ich mich, dem netten Gerät wieder Leben einzuhauchen. Also baute ich das Chassis aus und begann mit der Restaurierung.

Bei der Wiederherstellung des Spannungswählers ermittelte ich den richtigen Spannungsbereich per Widerstandsmessung und lötete die Kabel wieder korrekt an. Die beiden 50 Mikrofarad Elektrolytkondensatoren (Lade- und Siebelko) tauschte ich vorsichtshalber gegen neue Exemplare, die ich unter dem Chassis befestigte. So blieb zumindest auf der sichtbaren Oberseite des Chassis der originale optische Zustand erhalten. Dann tauschte ich natürlich alle alten Teerkondensatoren. Für den Ersatz eines abgeschirmten Kondensators, der in dieser Form als Neuteil nicht mehr zu erhalten war, umwickelte ich einen neuen regulären Ersatz gleicher Kapazität mit Alupapier und wickelte einen Draht herum, den ich entsprechend erdete. Natürlich reinigte ich alles vorsichtig und fuhr nach entsprechenden Messungen, die Spannung am Regeltrenntrafo langsam hoch.

Siehe da, die ersten Sender meldeten sich klar und deutlich. Auch die Klangregelung funktionierte wieder ausgezeichnet. Hier erfolgt die Klangeinstellung nicht mittels simpler Klangblende, sondern mit unabhängigen Schaltungen, getrennten Reglern und deutlichem Effekt.
Überhaupt verfügt dieses Modell über interessante Details. Es ist ein Siebenröhren-Gerät mit 8 AM und 9 FM-Kreisen. Empfangen werden kann neben UKW auch Mittel- Lange- und Kurzwelle. Wunderbar ist auch seine sogenannte „Kurzwellenlupe“. Damit konnte man die Bandbreite im Kurzwellen-Empfangsbereich variabel einstellen und bei Bedarf noch viel mehr Sender detektieren. Allerdings, wie üblich bei diesen Einstellungsmöglichkeiten, zum Preis eines gewissen Qualitätsverlusts. Es hat eine Bestückung mit zwei Lautsprechern und macht mit einer Breite von immerhin 61 cm auch optisch einen soliden Eindruck. Also durchaus beachtlich. Die Gehäusegestaltung gefiel mir sofort. Es ist ein Radio mit Stil. Noch nicht so überladen, wie manche Mid-50er-Modelle, aber auch nicht mehr so karg, wie die Radios aus den späten Nachkriegs-Notzeiten. Es blieb als Zieldurchgang bei der Wiedergeburt von 1062 WU also nur noch die optische Erneuerung.
Anfangs hatte ich es nicht für möglich gehalten. Aber im Netz fand ich recht schnell die passenden Drehschalter mit den innenliegenden Kupferblättchen als Alt-Teile, die ich wieder schön auf Glanz polieren konnte. Die schnelle Entdeckung dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass dieses erfolgreiche Modell offenbar in größeren Stückzahlen produziert worden ist. Unglaublich auch, dass ich tatsächlich ein Angebot für den fehlenden AEG-Schriftzug aus Kunststoff fand, der exakt in die dafür vorgesehenen Befestigungslöcher passte. Am Ende war das Gerät auch optisch wiederhergestellt.

Und wie klingt es? Mit fehlender Bescheidenheit und in Anerkennung der technischen Leistung des Herstellers muss ich sagen: das war eines meiner erfolgreichsten Projekte und eines, das mich ehrfürchtig staunen ließ. Denn ein solch klarer, warmer und glockenreiner Senderempfang auf UKW hätte ich einem Gerät aus dem Jahre 1952 vorher niemals zugetraut. Es empfängt auf allen Wellenbereichen und das mit einer kraftvollen Lautstärke. Gibt man etwas Bass hinzu, glaubt man kaum, es hier mit einem Radio aus den frühen 50ern zu tun zu haben. Es ist auch heute noch allen Transistorgeräten mindestens ebenbürtig und als täglich verwendetes Radio auch in unserer modernen Zeit absolut tauglich. Aufgrund seiner enormen Empfangsleistung macht es einen Höllenspaß auf Kurzer Welle mit der „Lupe“ auf Senderjagt zu gehen. Besonders im Winter und nachts, wenn die Ionosphäre besonders gut reflektiert, kann man bei jeder Einstellung schier unbegrenzte Stationen aus entfernten Kontinenten empfangen. In riesiger Höhe, etwa 200 bis 1000 Kilometer über der Erdoberfläche beginnt die oberste Schicht der Ionosphäre, die aufgrund ihrer Elektronendichte Kurzwellen besonders gut spiegelt. Und die bildet sich nur in der Nacht. Selbst in unserer modernen Zeit mit Internet und grenzenloser Kommunikation, hat das etwas von einem Abenteuer, wenn plötzlich russische oder chinesische Sender ihr Jingle ertönen lassen. Tatsächlich steht dieses Radio seit seiner Restaurierung bei mit im Wohnbereich und dient mir seitdem als „Daily-Driver“. Über eine entsprechende Verbindung vía rückseitigem Phono-Eingang, kann ich auch Internetradio oder Musik über einen CD-Player durch Nutzung der Niederfrequenz-Verstärker-Sektion mit gutem Klang genießen.

Das Gerät in seiner Zeit
1952 war Deutschland, egal ob Ost oder West, noch längst nicht so, wie man es sich vielleicht heute vorstellt. Die Narben des Krieges lagen überall noch offen sichtbar. Trotz anstrengender Aufbauarbeiten, fuhr man mit seinem klapprigen Fahrrad an Häuserruinen und Schuttbergen vorbei. Noch immer suchten Angehörige nach verschollenen Familienmitgliedern und noch lange vegetierten tausende deutsche Männer in fremder Kriegsgefangenschaft. Nur sechs Jahre zuvor durchlitt die Bevölkerung noch eine schwere Hungersnot. Doch niemand mochte wirklich zurückblicken. Erste Sonnenstrahlen zeigten sich wieder am grauen Horizont. Erfreuliche Entwicklungen, die Strahlkraft der demokratischen und wirtschaftlichen Freiheiten im Westen sowie technische Innovationen, wie dieses exzellente Radio und die langsame Durchsetzung der revolutionären Frequenzmodulation, also des UKW-Empfangs, machten Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Nun experimentierte man sogar schon wieder mit dem Fernsehen. Schon wieder, weil es bereits in den 30er-Jahren im Deutschen Reich entsprechende Geräte, besonders mit Blick auf die Olympischen Spiele 1936, zu kaufen gab. Nun aber sollte ein Fernsehen für alle etabliert werden. Das aber klang noch nach Science-Fiction, auch wenn just 1952, über das wir hier sprechen, der erste Fernsehsender seine jungfräulichen vorsichtigen Schritte in Westdeutschland unternahm. Kaufkraft, Programmangebot und Akzeptanz sollten aber noch einige Jahre benötigen.
Ein weiterer Schritt in die Zukunft wurde aber schon genommen. Nämlich der UKW-Funk, der vor etwas über zwei Jahren eingeführt wurde. Nun war es möglich, in nie zuvor gekannter Klangqualität Rundfunksendungen zu empfangen. Ein echter technologischer Sprung, der Westdeutschland ein wenig später an die Spitze der Radioproduzenten weltweit führen sollte. 1952 war auch die Schaltungstechnik soweit fortgeschritten, dass die Vorzüge des neuen Mediums vollständig genutzt werden konnten. Das alte UKW-Pendelaudion, mit dem UKW wie Mittelwelle klang, war inzwischen überholt.
Eine gewisse Ähnlichkeit mit Telefunken-Radios war kein Zufall (ggf. Link zu Telefunken) Schon vor dem Krieg gab es eine enge Kooperation zwischen AEG und Telefunken.
399,- DM waren eine Stange Geld. Das war mehr als das durchschnittliche Monatseinkommen eines westdeutschen Berufstätigen, das bei 321,- DM lag. Dies ist ein Durchschnittswert, der natürlich nichts zu der jeweiligen individuellen Finanzsituation sagt. Einige lagen drüber, aber viele auch noch deutlich unter diesem Wert. Es zeigt aber, dass der Erwerb dieses Radios keine schnelle Sache war und es sich viele schlicht nicht leisten konnten, unter Berücksichtigung der weiteren anfallenden Lebenshaltungskosten. Dem Erstbesitzer dieses wunderbaren Radios aber war das erhoffte Glück vergönnt.

