Ares Romanze 68/54W

1954

Seriennummer: 010880

Vorbemerkung:

Wir kommen hier zu einem meiner DDR-Exoten. Wer kennt schon die Marke „ARES“ als Hersteller von Rundfunkgeräten? Ich kannte ein Radio aus diesem Stall jedenfalls nicht, war aber lebhaft daran interessiert, als mir jemand in der Nachwendezeit, also kurz nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, ein ARES für ein paar Mark anbot. Als ich hinfuhr gab es noch einen Siemens Standardsuper C8 obendrauf, den ich eigentlich gar nicht haben wollte. Aber da er mir ausschließlich im genannten Paketpreis von insgesamt 12,- DM angeboten wurde, wollte ich den Verkäufer von seiner Last befreien und nahm beide mit nach Hause. Da musste ich erste einmal stöbern, was mir hier gerade ins Netz gegangen war. ARES? Eine spannende Geschichte. Aber dazu später.

Das Radiomodell:

Wir sehen hier einen sehr seltenen ARES Romanze 68/54W. Machen wir uns zunächst einmal an die Entschlüsselung des Namens. „ARES“ war zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch ein privates Unternehmen in der DDR. Kurz nach Einführung des Sozialismus war so etwas noch möglich. Inhaber war Herr Arno Reimann aus Sedlitz.

Wir nehmen also das „A“ von Arno und das „RE“ von Reimann und dann noch das „S“ von Sedlitz und schon haben wir die Bezeichnung „ARES“. Mit vollem Namen hieß die Firma in sperriger Form: „ARES Radio-Elektrotechnik-Gerätebau A. Reimann, Sedlitz“.

Bleibt noch die Modellbezeichnung. Zu „Romanze“ muss ich nicht viel sagen. Im Radiobau der 50er Jahre ein nicht unbekannter Mode-Name, den auch westliche Hersteller gerne für ihre Produkte verwendeten. „Romanzen“ gab es bei Blaupunkt, bei Kaiser (link), bei Philips und auch beim Ostdeutschen Hersteller REMA. Der Name ließ angenehme Assoziationen aufblühen, besonders bei den potentiellen Käufern.

Bei den nun folgenden Ziffern 68/54 wird es wieder sachlicher. Die „6“ steht für die Anzahl der Röhren, die zweite Ziffer für die 8 AM-Kreise. Die 54 nach dem Querstrich ist nicht schwer zu erraten. Das ist das Erscheinungsjahr des Modells, nämlich 1954. Unter diesem Namen war es auch 1955 noch zu haben. Der letzte Buchstabe „W“ verrät uns, dass es ein Wechselstromgerät ist.

Das Radio in seinem Eingangszustand

Die erste Inspektion des Radios zeigte, dass es in einem eher mäßigen Zustand war. Das Gehäuse hatte schon einige Erfahrungen mit der unbarmherzigen Welt da draußen gesammelt. Dabei hat das Furnier etwas gelitten. Es gibt Kratzer und vorne rechts oben ist ein Stück herausgebrochen. Aber auch das ließe sich mit etwas Geschick und Mühe wieder hinbekommen, ohne gleich eine komplette Neulackierung in Angriff zu nehmen.

Selbst in diesem Zustand beeindruckt das tadellose und sehr hochwertige Furnier, das ARES hier verwendet hat. Damit nimmt es eine Sonderstellung ein in den vom Werkstoffmangel geprägten ersten Jahre der DDR. Es wird deutlich, dass Herr Reimann mit seinem Produkt auf eine solvente Käuferschicht zielte, die sich trotz oder gerade wegen der neuen Diktatur des Proletariats etwas Nobles ins Wohnzimmer stellen wollten. Und das gleich mit einem Hingucker, der mit seinen Dimensionen nicht zu übersehen war. Mit einer Breite von 61 cm und einer Höhe von 41 cm nahm der den Raum für sich ein.

Das Radio nach einer optischen „Erfrischungskur“

Im Innern war ich verblüfft, wie aufgeräumt und professionell Chassis und Bauteile angeordnet sind. Alles macht konstruktiv und von seiner Gesamtanmutung einen verblüffend hochwertigen Eindruck.

Leider ist bei diesem Gerät schon auf den ersten Blick erkennbar, dass hier ein Schaden entstanden ist. Einer der Vorbesitzer muss es wohl unbedarft ans Netz gegeben haben, oder es war die altersbedingte Beanspruchung. Jedenfalls hat es den Becher-Elektrolytkondensator auf der Sekundärseite des Trafos erwischt. Teile des ausgelaufenen Inhalts waren noch zu sehen. Da alles schon fest eingetrocknet war, als ich mir das nach erstem Öffnen der Rückwand ansah, musste das Desaster schon vor längerer Zeit passierte sein. Ob durch diese Havarie weitere Bauteile Schaden genommen haben, hatte ich noch nicht überprüft. Von diesem Fauxpas abgesehen, sah im Übrigen alles technisch komplett und gleichmäßig verstaubt aus.

Nach einer Reinigung des Gehäuses sieht er auch wieder etwas ordentlicher aus, auch wenn die Narben im Furnier noch nicht ganz geheilt sind.

Dem Volumen seines Auftritts nach könnte es sich um einen Großsuper handeln. Mit Blick auf die Technik, belassen wir ihn aber lieber in der Mittelklasse. Über die in dieser Zeit schon häufig anzutreffenden Tasten verfügt er noch nicht. Empfangen werden können nur Kurzwelle, Langwelle und Mittelwelle. Der Wellenschalter befindet sich an der rechten Seite des Gehäuses. Klanglich gibt es noch die Besonderheit eines Bass-Oktavschalters.

Zum UKW-Empfang reicht es noch nicht. Jedenfalls noch nicht serienmäßig. Es gab aber ein hauseigenes ARES-UKW-Empfangsteil, für das die Romanze 68/54W schon vorbereitet war. Der UKW-Einbautuner hatte die Bezeichnung „UVS49/55W“ und kostete extra.

Die Röhrenbestückung orientiert sich noch an der guten alten Zeit und besteht aus der historischen 11er-Serie. Da wären die EF11, ECH11, EBF11, das „Magische Auge“ EM11, die Leistungsendröhre EL11 und die AZ11 als dicke Gleichrichterröhre.

Eine Seriennummer direkt am Chassis konnte ich nicht erkennen. Rechts an der Seitenwand fand ich innen aber einen Stempelaufdruck, der da lautet: „No. 010880“. 

Auch wenn die Form schon die künftige Einheitsgestaltung vorwegnimmt, besitzt es doch ein eigenständiges Erscheinungsbild. Es macht einfach was her. Die wuchtigen Formen suggerieren Solidität und die Gesamtgestaltung, mit den vorne tiefliegenden Drehknöpfen und der hohen und breiten „Lautsprecherstirn“ sind ein Statement in Sachen Design. Die Skalenscheibe zeigt uns schon das UKW-Band, das aber, wie bereits erwähnt, nur durch ein zusätzliches Vorschaltgerät empfangen werden konnte.

Auf der Skalenscheibe finden wir mit einem zu erwartenden Ost-Drall die Sendernamen. Wir entdecken „USSR“, Leningrad und staunen über den Sender „Stalino“. Das war eine Senderkennung der ostukrainischen Stadt Donezk, die von 1924 an bis 1961 zu Ehren von Josef Stalin diesen Namen verpasst bekam.

Die noch bis 1945 deutschen Städte sind hier bereits mit ihren neuen polnischen Namen verzeichnet. So heißt es zum Beispiel nicht mehr Stettin, sondern Szczecin. Dagegen finden wir Mähren noch in deutscher Bezeichnung. Die amerikanischen Soldatensender AFN (American Forces Network) werden dagegen verschwiegen. Immerhin bekommt der West-Sender „NWDR BLN“ ein eigenes Fenster. Den NWDR hatten die britischen Besatzer bereits 1945 gegründet. Es war ein Zusammenschluss aller verfügbarer Sender der unter britischer Militärherrschaft stehenden Besatzungszonen. Das Berliner Sendehaus befand sich entsprechend im Britischen Sektor von Berlin.

Im Kölner Sendehaus des NWDR arbeiteten so illustre Personen wie der kommunistische Intendant Max Burghardt und Chefredakteur war Karl Eduard von Schnitzler. Der letztere erlangte später in der DDR eine dubiose allgemeine Fernseh-Bekanntheit als „Sudel-Ede“. Mit seinem legendären „Schwarzen Kanal“ verbreitete er im staatlichen SED-Auftrag gegen den „Westen“, also speziell gegen die Bundesrepublik Deutschland gerichtete, diffamierende Desinformationen. Allerdings so offensichtlich verdreht und ungeschickt hetzerisch, dass ihn nur wenige wirklich ernst nehmen konnten. Ich selber hatte von West-Berlin aus noch das Vergnügen, mir die ein oder andere seiner unglaublichen Sendungen zeitgenössisch im Original anzusehen. Am Anfang hatte es noch einen gewissen skurrilen Unterhaltungswert. Nach ein paar Folgen wurde es dann aber doch etwas dröge. Immerhin waren die Herren Burghardt und Schnitzler in ihrer Haltung konsequent genug, 1947, nach ihrem Rauswurf aus der britischen Sendeanstalt, dem verhassten „Westen“ den Rücken zu kehren um in der DDR als Edelkommunisten (v. Schnitzler standesgemäß im BMW und Porsche) Karriere zu machen.

Als dieses Ares-Radio auf den überschaubaren DDR-Markt kam, endete allerdings auch schon die Berliner Dependance des NWDR. Natürlich konnte das Herr Reimann nicht vorhersehen, als er sein Radio vorstellte. Der Sender bekam ab 1954 nun den neuen Namen „Sender Freies Berlin“ (SFB). Dann zu sehen auf vielen kleinen Fensterchen der Skalenscheiben nachfolgender westdeutscher Röhrenradios.

Wenn ich darüber nachdenke, wäre es schön, wenn alle Senderfensterchen auch bei diesem Ares wieder erleuchtet wären und man das Radio mal in Aktion hören könnte. Allerdings wartet da einiges an Arbeit.

Das Gerät in seiner Zeit:

Schauen wir uns einmal das Wirtschaftsleben in der DDR um 1954 an. In Ostdeutschland gab es mehrere Enteignungswellen, denn Privatbesitz, besonders der von Produktionsmitteln oder gar Kapital, war im Sozialismus toxisch. Schon 1945 bekamen es die Großbauern und Adligen zu spüren, die noch unter der Sowjetischen Militäradministration ihre Herrenhäuser und Ackerflächen verloren. Alles über 100 Hektar wurde entschädigungslos eingezogen und die Besitzer bei rigorosen Aktionen manchmal erschossen. Jede Art von Privatinitiative war nicht gern gesehen, was schließlich dazu führte, das viele Inhaber von Firmen und Fabriken in den Westen flüchteten und dort wieder oft erfolgreiche Unternehmen gründeten. Deshalb gab es auch bei den Rundfunkherstellern eine Reihe von Modellen, die kurz nach dem Krieg sowohl in der DDR als auch im Westen unter gleicher Marke hergestellt wurden, bevor Produktionsstätten in der DDR schließlich neue „volkseigene“ Bezeichnungen erhielten. Viele kleine Privatunternehmer wurden schikaniert, überwacht und oft auch unter fadenscheinigen Vorwänden inhaftiert, damit der Betrieb leichter in „Volkseigentum“ überführt werden konnte.

Arno Reimann gehörte zu denjenigen, die unmittelbar nach dem Krieg den dringenden Bedarf an Rundfunkempfängern erkannten und dabei auch eine Chance für den eigenen wirtschaftlichen Aufschwung sahen. In der Radiotechnik kannte er sich aus. Schon früh in den 20ger Jahren gehörte er zu den Pionieren die sich für den neuartigen Rundfunk interessierten. Anfang der 30er Jahre war er Inhaber eines Radiogeschäfts im Örtchen Sedlitz in der Niederlausitz, das heute ein Ortsteil von Senftenberg im Landkreis Oberspreewald-Lausitz ist.

Etwa zwei Jahre nach Kriegsende versuchte er sich als Radioproduzent. Dabei entwarf er alle Schaltungen und Geräte in eigener Kompetenz. Als sich ein gewisser Erfolg zeigte, versuchte er eine vernünftige Fabrikationsstätte für eine größer aufgezogene Produktion zu erhalten. Als Selbständiger war er aber schon auf der schwarzen Liste der Volksgenossen, die ihm eine entsprechende Anmietung untersagten. Also improvisierte er weiter. Man glaubt es kaum, aber alle ARES-Radios entstanden zu Hause in den Privaträumen seines Einfamilienhauses. Auch dieses so professionell erscheinende Radio mit dem Namen Romanze. Man kann sich vorstellen, dass die Fertigungszahlen unter diesen Umständen nicht besonders groß gewesen sein konnten.

Zwei Jahre später, 1956, war es dann auch den staatlichen Behörden zu viel. Sie verlangten von ihm eine „freiwillige“ staatliche Beteiligung an seinem Geschäft. Das war noch das mildere Mittel. Eine Enteignung, so wie es vielen seiner Kollegen passierte, wäre noch schlimmer gewesen. Sein Betrieb wurde in eine sogenannte Kommanditgesellschaft (KG) im sozialistischen Sinne umgewandelt. Was ist darunter zu verstehen?

Der Ministerrat der DDR fasste Anfang 1956 den Beschluss, dass eine staatliche Beteiligung an privaten Unternehmen in der DDR möglich sein soll. Letztlich war es eine Art Enteignung „light“. Zwar kam man nun einfacher an die Zuteilung von Produktionsmitteln. Allerdings hatte jetzt der staatliche Kommanditist das Sagen. Er bestimmte was produziert werden durfte und die staatlichen Planvorgaben galten nun auch für diesen Betrieb. Die Inhaber ihrer Unternehmen blieben immerhin als „Geschäftsführer“ symbolisch erhalten und waren bei diesem System noch nicht völlig ausgeschaltet. Kräftig ausgeschaltet wurde erst 1972, als knapp 12.000 mittelständische Privatbetriebe mit mehr als 10 Mitarbeitern endgültig in der DDR enteignet und verstaatlicht wurden.

Als Arno Reimann im Jahre 1961 starb, gab es trotz Kommanditist keinen Nachfolger für die nun halbstaatliche Firma. Die Produktion wurde kurzerhand komplett eingestellt. Die Marke ARES war damit erloschen.

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