1953
Seriennummer: 377338

Vorbemerkung:
Hier habe ich mir das Kaufdatum endlich einmal aufgeschrieben. Wir schreiben das Jahr 2011, am 20. Tag des 11 Monats. Ja, es war ein grauer Novembertag und der kommende Winter warf schon seine dunklen Schatten voraus. Zeit also für ein Winterprojekt im Keller. Wenn die Tage nicht mehr hell werden, kann man seine Freizeit auch „unter Tage“ verbringen. Warum also nicht die dunkle Jahreszeit mit einem neuen Restaurierungsprojekt starten?
Eine gefährliche Kombination, mit dieser Grundeinststellung den Berliner Flohmarkt an der Straße des 17. Juni zu besuchen. Auf Anhieb wurde ich allerdings nicht fündig. Auch hier wurden alte Holzradios bereits zu echten Raritäten. Damit war der „Kaufdruck“ verflogen und erleichtert wollte ich den Heimweg antreten, als ich wieder an dem kleinen Blaupunkt-Radio vorbeikam. Ja, ich hatte es natürlich schon bei meiner ersten Runde entdeckt, aber Irgendwie passte das Gerät nicht wirklich in mein Beuteschema der frühen 50ger Jahre. Es hatte schon das bald gängige Einheitsdesign und die unvermeidlichen weißen Tasten zur Sendewahl. Trotzdem bannte es meinen Blick. Das Gesamtkonzept seines Designs wirkte ausgesprochen harmonisch und die Verwendung von zwei verschiedenfarbigen Holzarten ergaben ein gewisses eigenständiges Auftreten. Unter diesem Aspekt war es – auf den zweiten Blick – schon fast wieder etwas Besonderes.
Meine Unschlüssigkeit brachte mich so kurz vor Marktende ungewollt in eine vorteilhafte Verhandlungsposition. Der Händler wollte es unbedingt noch schnell loswerden. So recht konnte ich mich aber nicht entschließen. Das stachelte ihn nur noch mehr an. Mein Zögern, das wirklich nicht gespielt war, versuchte er mit immer weiteren Preisnachlässen zu überwinden. Als er nach vielen „letzten Preisen“ am Ende bei 12.- EUR angekommen war, konnte ich nun wirklich nicht mehr nein sagen. Und so kramte ich in meiner Tasche nach Kleingeld.
Das Radiomodell:
Gut, also wurde es ein Blaupunkt-Projekt. Zu Hause angekommen, freute ich mich auf die sofortige Erforschung dessen, was ich da eben erlegt hatte. Klar, ein Radio der Marke Blaupunkt. Die erste genauere Sichtprüfung ergab ein paar optische Mängel, die aber größtenteils zu beseitigen waren.

Holz und Stoff sahen noch sehr schön aus. Nur vorne schien es, als ob zwei Riemen in die Front eingeschnitten hätten. Das Gehäuse war an diesen kleinen Stellen entlang der Kante leicht beschädigt. Jetzt wurde es spannend. Wie sah das Innenleben aus. Würde sich eine Restaurierung wirklich lohnen?
Alle Röhren waren jedenfalls vorhanden, das Potentiometer gangbar und auch der Skalenantrieb okay. Bei erster Durchsicht konnte ich keine fehlenden Teile oder offensichtliche Beschädigungen bzw. Defekte feststellen. Der Staub hatte sich schön gleichmäßig verteilt und auf den ersten Blick ließen sich auch keine Verbastelungen erkennen. Das sah alles prima original aus, was ich als eine positive Überraschung wertete. Also beschloss ich eine optische und technische Auffrischungskur.
Bevor wir zum Restaurationsbericht kommen, an dieser Stelle noch ein paar Worte zum Radio selber.

Obwohl ich subjektiv der Meinung war, mich mit Röhrenradios schon einigermaßen gut auszukennen, lag ich mit dem Modelljahr nach erster Einschätzung falsch. Dem Erscheinungsbild und später auch der technischen Ausstattung gemäß, hätte ich es auf Mitte 50ger oder sogar fortgeschrittene 50ger Jahre verortet. Bis zu dem Zeitpunkt, als ich im Inneren einen Stempel mit dem Datum 22. September 1953 fand. Also doch eher frühe 50ger und damit am Ende sogar in meinem bevorzugten Sammelbereich. Es wurde übrigens bis hinein ins Jahr 1954 angeboten.

Das Erscheinungsbild dieses kleinen Radios war schon verblüffend, denn auch die Röhrenbestückung ist ausgesprochen fortschrittlich. Hatte mein anderes Blaupunkt (Pastorale F 535 WH, link), Modell 1952, aber gefertigt etwa Januar 1953, noch eine wilde Röhrenversammlung aus nicht weniger als vier unterschiedlichen Serien, so haben wir hier schon eine Auswahl, die zukünftig zum üblichen deutschen Standard zählen sollte.

Keine Rimlocks mehr, wie sonst zu dieser Zeit noch üblich, sondern durchweg bereits Miniaturröhren der 80er Reihe. Sogar eine kräftige EL84 als Endröhre wurde serienmäßig verbaut – und das bei dem kleinen Radio! Als Feldstärkenanzeige dient eine EM 80. Die hat eine längliche Form. Auffällig ist, dass die Messingblende ursprünglich noch für die ältere Form eines runden Magischen Auges gestaltet war.
Wir finden hier zusätzlich noch die EC92, zwei Mal EF85, EABC80. Zusammen also sechs Röhren, sechs Kreise AM und acht Kreise FM.

Separat anzusteuernde Soundbereiche für Höhen und Tiefen darf man in dieser Preisklasse und Zeit natürlich nicht erwarten. Selbst Blaupunkt konnte nicht zaubern.

Es gibt vielmehr eine Klangblende mit der anschaulichen Bezeichnung „Hell“ und „Dunkel“. Für denjenigen, der das Prinzip des kleinen Hebels nicht auf Anhieb versteht, gibt es zusätzlich in der Mitte noch den Hinweis „drehen“, mit entsprechenden Pfeilen nach links und rechts.
Sehr viel mehr Einstellmöglichkeiten gibt es nicht. Dafür eine Wellenauswahl wie ein Großer. Empfangen werden können sowohl Lange-, Kurze- Mittelwelle und UKW. Und das sogar ab Werk ohne ein notwendiges separates UKW-Empfangsteil. Der Empfänger war also ein vollwertiges Gerät auf der Höhe seiner Zeit. Eine weitere Taste ist reserviert für den Tonabnehmer, der damals sehr wahrscheinlich ein Plattenspieler gewesen sein dürfte.

Der konnte auf der Rückseite mit eigner Buchse angeschlossen werden und zusätzlich gab es noch eine weitere Anschlussmöglichkeit für einen zweiten 5 Ohm-Lautsprecher.

Werfen wir einen Blick auf die Senderskala. Wenig überraschend ist, dass der Pfeil bei diesem „Westgerät“ in Richtung Westen gerichtet ist. Dennoch finden wir dort auch „Ostzone“, „Berlin-Ost“, Leipzig und Beograd, Brasov und viele andere Ostblocksender. Natürlich fehlen hier auch die alliierten West-Soldatensender nicht. Insgesamt können wir der hier ausgewählten Senderübersicht eine recht ausgewogene politische Balance bescheinigen.
Bei „Europ Service“ dürfte es sich um einen BBC-Sender gehandelt haben. Nur: was zum Kuckuck ist „Hamar“? Nähere Recherche ergibt eine Stadt im Südwesten Norwegens. Wer mag wohl auf die Idee gekommen sein, den dortigen Stadtsender hier auf die Senderskala zu drucken? Noch ein Wort zur Modellbezeichnung. Italien wurde zu dieser Zeit der Sehnsuchtsort der Deutschen im Westen und vielleicht auch im Osten. Ein Ziel, so weit entfernt und doch irgendwann einmal erreichbar, wenn die Alpen in Richtung Süden mit dem ersten eigenen Kabinenroller einmal bezwungen worden sind. Zumindest für die Bundesbürger. Bei den Namen Italienischer Orte bauten sich sofort die Assoziationen von warmen Stränden, dem glitzernden Ozean und rotem Wein auf. Wer Rudi Schurickes Lied der „Capri-Fischer“ im Radio hörte, der sah vor seinen Augen ganz deutlich die rote Sonne romantisch im Meer versinken. Dass dieses Lied schon in der späten Kriegszeit der 40ger Jahre aufgenommen wurde, tat dem kultigen Erfolg in den deutschen 50ger Jahren keinen Abbruch. Was lag also näher, als dieses hübsche Radio nach der italienischen Hauptstadt Rom zu benennen.
Allerdings begann Blaupunkt bei den 1953/1954ger Modellen auch andere internationale Städtenamen zu verwenden. Natürlich durfte London nicht fehlen und auch nicht Paris. Es gab Florenz und München. Einzig das Model „Nairobi“ verblüfft mit dem gewählten Namen.
Hinter der Bezeichnung „Roma“ für unser Modell findet sich noch die kryptische Buchstaben-Zahlen-Kombination „H1153“. Das „H“ steht für das Gehäuse in Holzausführung, also für „Holzmodel“. Die beiden folgenden Ziffern bescheinigen den „Rang“ innerhalb des Blaupunkt-Radioprogramms. Mit „11“ also eher im unteren Bereich, der sich beim Modell „London“ bis „40“ hochschraubt. Die letzten beiden Ziffern „53“ bezeichnen das Erscheinungsjahr, also 1953.
Eine letzte technische Anmerkung: bei diesem Modell – sehr praktisch für den heutigen Betrieb – kann man die Spannung auf 240V einstellen. Was will man also mehr? Eigentlich nur, dass es wieder funktioniert. Nun also der Restaurierungsbericht.
Die Restaurierung:
Ich nahm mir also vor, es wieder für den täglichen Gebrauch herzurichten und natürlich sollte es so sicher wie möglich wieder gebrauchsfertig werden. Aber der Reihe nach:

Neugierig wie ich war, hatte ich es an den Trenn-Regeltransformator angeschlossen und dann geduldig in langsamen Zwischenschritten die Spannung erhöht. Ein Lämpchen brannte. Auf allen Wellen konnte ich einzelne Sender empfangen, aber alle nur flüsterleise und auch nur bei voll aufgedrehtem Potentiometer. Dazu ein noch akzeptabler, aber eben doch vorhandener Brumm. Zusammenfassend konnte ich feststellen: es hatte mindestens einen bereits jetzt erkennbaren Defekt.
Also machte ich mich an die Teerkondensatoren, die erfahrungsgemäß an Kapazität eingebüßt oder verändert haben und auch nicht mehr sicher sind. Berüchtigt sind die dicken „WIMA-Bomben“, die auf jeden Fall immer getauscht werden müssen, wenn man einen sicheren Betrieb ermöglichen möchte. Insgesamt hatte ich 27 Kondensatoren inklusive Elektrolyten und natürlich auch die Sieb- und Ladeelkos im Becher durch neue Exemplare ersetzt. Dann noch die Skalenbirnchen erneuert.
Leider war die eingebaute Feldstärkenanzeige EM 80 komplett verbraucht und leuchtete nur noch kaum wahrnehmbar. Das ließ auf einen langzeitigen Gebrauch des kleinen Radios schließen. Ich ersetzte sie durch eine 6BR5 aus russischer Produktion. Hierbei war eine Umsockelung nicht erforderlich. Zur Qualität dieser Russen-Röhren gibt es sehr unterschiedliche Erfahrungen im Netz. Ich kann nur sagen: meine leuchtet wunderbar hell und funktioniert einwandfrei. Der einzige Unterschied zur originalen EM 80 ist das etwas hellere Grün in ihrem Leuchtschein. Aber das würde nur einem echten Experten und dann auch nur im direkten Vergleich auffallen.

Am Ende waren alle Messwerte in Ordnung. Ein erster Probelauf war allerdings enttäuschend. Der Empfang blieb weiterhin schwach und nur sehr leise. Mit einem Bastlerfreund saßen wir im Keller etwas ratlos vor dem „heiseren“ Gerät. Irgendwie gingen uns gerade die Ideen aus, woran das liegen könnte. Dann gab es einen lauten Knall, der uns zusammenzucken ließ und anschließend spielte es einwandfrei mit korrekter Lautstärke und gutem Empfang. Was war das Problem? Das wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben. Jedenfalls war ich anschließend natürlich etwas skeptisch, aber der korrekte Betrieb des Radios hält seit über 10 Jahren ohne Beanstandungen bis heute an. Es steht nun im Untergeschoss und wird von Zeit zu Zeit einmal eingeschaltet.

Das Holzgehäuse machte nicht viel Arbeit. Eine gründliche Reinigung mit spezieller Lackbehandlung zauberte die wunderbar strukturierte Holzverkleidung mit den beiden unterschiedlichen Farben wirkungsvoll wieder zu Tage. Die Politur der Kupferplättchen auf den beiden Drehschaltern an der Front rundeten das aufgefrischte Erscheinungsbild dann noch ab.
Und wie klingt es? Ich würde sagen: angemessen. Obwohl die technischen Voraussetzungen vielversprechend klingen, darf man bei dem kleinen Lautsprecher und dem Gehäusevolumen keine Wunder erwarten. Sicher spielt auch die billige Tonblende eine Rolle. Der Klang ist okay, aber mehr auch nicht. Wirklichen Soundgenuss vermittelt es nicht. Aber das war wahrscheinlich auch gar nicht das Ziel der Entwickler. In dieser Preisklasse erwartete man einen ordentlichen Empfänger, der sich für die täglichen Nachrichten, die Hörspiele und ein wenig Schlagermusik eignete. Und das erledigt dieses Radio tadellos.
Das Radio in seiner Zeit:
Das hübsche Blaupunkt mit seiner Breite von 48,5 cm wurde von 1953 bis 1954 gebaut und kostete im Laden 289,- DM. Damals nicht wenig, aber auch keine utopische Summe. Wer auf einen VW Käfer sparte, das war der Wagen, der inzwischen überall das Straßenbild im Westen prägte, der konnte nun im Vergleich zum Jahr 1952 200,- DM sparen und hatte damit schon fast das Geld für das Blaupunkt-Radio übrig. VW hatte tatsächlich wegen der überwältigenden Nachfrage den Preis für das Fahrzeug 1953 um 200,- DM auf 4.400,- DM senken können.
Drei Monate und ein paar Tage bevor dieses Radio das Licht der Welt erblickte, fand am 17. Juni 1953 im Osten der Aufstand gegen das DDR-Regime statt, der dort blutig niedergeschlagen wurde. Da auch nach dem Tod von Stalin keine Verbesserungen in der DDR zu erwarten waren, verließen immer noch tausende Deutsche heimlich die DDR über die innerstädtische Berliner Sektorengrenzen, was damals noch möglich war und später zum Bau der Mauer führte.
Überhaupt waren die Verwüstungen des letzten Kriegs noch überall zu sehen und bei den Menschen auch noch zu spüren. Man sehnte sich nach Normalität und Anerkennung, die Deutschland international verspielt hatte. Allerdings nahm die Isolierung Deutschlands langsam ab. Sogar Messen wurden wieder mit Ausstellern anderer Länder bestückt. Im März öffnete die 36. Internationale Automobilausstellung in Frankfurt am Main ihre Tore und wurde zu einem Publikumsmagnet. Auch wenn der Kauf eines eigenen Autos für die Fahrt in den Süden in beiden Deutschlands für die meisten noch ein unerfüllbarer Traum blieb.
Hoffnung gab das Ende des Korea-Kriegs am 27. Juli 1953. Denn jetzt standen wieder mehr Rohstoffe für die Produktion von Konsumgütern und damit auch von Radios zur Verfügung.
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