Blohm A56 WP

1952

Seriennummer: 420 / 78

Das Radio in seinem ziemlich maroden Eingangszustand

Vorbemerkung:

Es ist manchmal kaum zu glauben, welchen Lebensweg alte Radios im Laufe der Zeit durchschreiten müssen. Dies ist eine seltsame Geschichte eines extrem seltenen DDR-Modells. So selten, dass kaum ein Hinweis zu seiner Existenz zu finden ist.

Nach der Wende, also nach der Öffnung der DDR-Mauer, gab es kein Halten mehr. Zum ersten Mal waren Westprodukte nun auch für den Durchschnittsbürger im vormals real existierenden Sozialismus auf einem freien Markt zu erwerben. Auf Schutthalden und in Sperrmüllhaufen konnte man sie dann finden: die alten DDR-Radios, die nun bei den Bürgern keinen Stellenwert mehr hatten.

Mit der Beseitigung der alten DDR-Produkte wollten viele die vergangene Zeit hinter sich lassen und sich dem vermeintlich „goldenen“ Westen zuwenden. Der Tausch gegen ein billiges Transistorgerät aus fernöstlicher Produktion erwies sich im Nachhinein nicht immer als besonders schlaue Strategie. Denn oftmals war die Klangqualität der alten Röhrengeräte besser, voluminöser und angenehmer als die der billigen kleinen Transistorradios.

Wie dem auch sei, dieses Radio landete offenbar nicht direkt auf dem Müll, sondern hatte seinen Auftritt als Requisite in einer Diskothek. Vielleicht an einer Deckenbefestigung neben einem Stroboskop-Licht. Jedenfalls muss es irgendwo angeschraubt worden sein, denn an den Seiten fanden sich Löcher im Holzgehäuse, die vermutlich zur Befestigung an einem externen Gestell gedient haben könnten.

Nachdem der Laden pleiteging, wurde die Ausstattung des Tanzschuppens verhökert und so fand ich das Angebot für dieses Gerät als Schottpreis von unter 10 DM in einer Annonce in Berlin. Selten habe ich ein so heruntergekommenes Radio gesehen. Aber es war geheimnisvoll.

Blohm Radio? Nie davon gehört. Deshalb war ich interessiert. Auch jetzt sind die Geheimnisse zu diesem Gerät noch nicht alle gelüftet. Ich versuche es einmal im letzten Kapitel weiter unten.

Das Radiomodell:

Im Rahmen der Möglichkeiten aufgehübschtes Gehäuse

Geht es nach der Literatur und dem Internet, dann existiert dieses Radio nicht. Es steht aber deutlich vor mir, lässt sich anfassen und die Schalter rasten ein, so dass einiges für die Wahrscheinlichkeit spricht, dass es tatsächlich vorhanden ist. Ein Grund mehr, es sich einmal näher anzuschauen.

Ja, es sieht mitgenommen aus. Aber wer wäre das nicht, wenn er am Ende seines Lebens in einer Disco aufgehängt würde. Trotzdem ist alleine wegen seines Seltenheitswerts der Erhalt ein schönes Projekt. Das Holz sieht lädiert aus, die Stoffbespannung ist fleckig, die Skalenscheibe hängt etwas schief. Alles das macht einen eher traurigen Eindruck. Deshalb habe ich es erst einmal weggestellt. Für diese Fotos kam es wieder zum Vorschein und ich es ein wenig „geschminkt“.

Wegen seiner Besonderheit möchte ich es gerne vorstellen. Und mit etwas Phantasie ist alles vielleicht gar nicht so schlimm. Denn es scheint vollständig zu sein. Die Schalter sind alle vorhanden, auch innen ist alles an seinem Platz. Seine neue Karriere im Tanzgeschäft begann offenbar, bevor sich ein Bastler an seinen Innereien zu schaffen machen konnte. Alles das lässt hoffen. Auch die Rückwand ist erhalten, was die Identifizierung wesentlich erleichterte. Der Modellname steht außerdem am Typenschild.

Im Internet gibt es zwei Geräte mit einem ähnlichen Aussehen und einer ähnlichen Bezeichnung. Ähnlich bedeutet in diesem Falle: anders. Denn das „Blohm A56 WPB“ ist ein „Phonosuper“, also ein Radio, bei dem die Oberseite aufgeklappt werden kann und dann ein Plattenspieler zu Vorschein kommt. Im Gegensatz dazu, ist dies hier ein „reines“ Radio, ohne diesen Zusatz Daher auch die kürzere Bezeichnung „A56 WP“ und sonst nichts. Dieses Modell ist nicht einmal im großen Online-Radiomuseum zu finden. Vielleicht werde ich mein Gerät einmal als neues Gerät zur Aufnahme in diese Chronik vorschlagen.

Auch das Entstehungsdatum ist nicht komplett gesichert. Da das A56 WPB, das grundsätzlich die gleiche Gestaltung aufweist, einen ähnlichen Namen hat und aus dem Jahre 1952 stammt, dürften wir auch hier von 1952 ausgehen. Ein Nachfolgegerät mit Bezeichnung A57 W wird in der Literatur für 1953 geführt. Es spricht also vieles für das Jahr 1952.

Besonders auffällig ist seine wuchtige Form, Diese wird gestützt durch seine beeindruckende Größe und dem Fehlen von vorderen Tasten. Das lässt die Schallwand noch größer erscheinen.

Eine vordere Tastenreihe war in der DDR zu dieser Zeit noch nicht verbreitet. Das Modell sieht massiv aus und ist es auch, denn es hat ein beachtliches Gewicht. Die Formgestaltung finde ich sehr ansprechend mit seinen Schaltern auf vorgelagerten Holzelementen, die dem Ganzen einen abwechslungsreichen gestalterischen Spannungsbogen verleihen.

Interessant ist auch die Beschriftung der Skalenscheibe. 1952 war man bereits mitten im kalten Krieg zwischen Ost und West. Dass es sich hier nicht um ein staatlich-sozialistisches Produkt handelt, kann man dort ablesen. Es finden sich die amerikanischen Soldatensender AFN (American Forces Network), die bei „volkseigenen“ Produkten der DDR gerne vergessen wurden, sowie BFN (British Forces Network). Im Bereich der langen Wellen sehen wir Sender wie „Vatikan“ (bei Kommunisten nicht so beliebt), „Boston“ und „Cincinnati“. Letztere Station habe ich bei anderen Radios kaum einmal entdecken können. Auch bei den Sendern Frankfurt, Hamburg, NWDR, Nürnberg, Hilversum, Mailand, Turin, ist eine erstaunliche Westorientierung zu beobachten.

Der Originalzustand: eine Symphonie in Staub

Die originale Röhrenbestückung orientiert sich noch an der alten 11er-Serie, mit Ausnahme des Röhrengleichrichters EZ12. Die Feldstärkenanzeige ist die in Ost und West zu jener Zeit verbreitete EM11 und als Endröhre dient die ebenfalls bekannte EL11.

Hier wurde schon fleißig umgesockelt

Ein Blick hinter die Rückwand zeigt neben dem Staub aus gefühlt tausend Jahren, dass bei diesem Exemplar schon ordentlich auf neuere Röhren umgesockelt wurde.

Empfangen werden konnten die Frequenzen der Lange- Mittel- und Kurzwelle. Ein UKW-Empfang war zu dieser Zeit in der DDR noch nicht möglich. Die Anstrengungen zielten in der DDR auf das Jahr 1953 für die Errichtung der ersten UKW-Sender. Die Nummer eins wurde in Ost-Berlin Anfang 1953 mit einer Sendeleistung von 250Watt in Betrieb genommen. Ihm folgte Leipzig zur fahnenschwingenden Feier des 1. Mai 1953. Erst danach wandte man sich der Fertigung von ersten DDR-UKW-Empfängern zu.

Das Gerät in seiner Zeit:

Ein wenig Zeitgeschichte habe ich mit der DDR-UKW-Entwicklung schon vorweggenommen. Noch spannender erscheint mir aber eine Beschäftigung mit der Marke Blohm. Im Gegensatz zu vielen anderen Produktionsstätten wurde hier nicht auf eine Vorkriegsproduktion aufgesetzt, sondern es handelte sich um eine echte Nachkriegsgründung. Diese geht zurück auf den Ingenieur Heinz Blohm aus Plauen im Vogtland. Seine Firmengeschichte ist ein geeignetes Anschauungsbeispiel sozialistischer Wirtschaftspolitik.

Der Fachmann Blohm stammte zwar ursprünglich aus Hamburg, fand aber eine Arbeit bei der Vogtländischen Maschinenfabrik Plauen (VOMAG), die bekannt für ihre Lastwagenproduktion war. Während des Krieges erreichten die Mitarbeiterzahlen neue Höhen und Ingenieure waren besonders gefragt. Nun wurden verschiedene Rüstungsprodukte hergestellt. Der Jagdpanzer IV wurde hier entworfen und auch produziert. Dadurch geriet Plauen in den Fokus der alliierten Bomber, die eine Last von fast 5.000 Tonnen Bombensprengkraft über dem Ort entluden.

Nach dem Krieg und den verheerenden Zerstörungen war auch mit diesem Betrieb nicht mehr viel anzufangen. Was für ein Niedergang. Nachdem man vorher Jagdpanzer hergestellt hatte, versuchte man sich nun an Handwägelchen und Schubkarren. Ingenieur Blohm war dafür deutlich zu Überqualifiziert.

Im Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit, versuchte jeder, sich so gut wie möglich über Wasser zu halten. Wohl dem, der ein Handwerk gelernt hatte oder in der Lage war, Gebrauchsdinge zu repariere oder gar herzustellen. Ingenieur Blohm gehörte zu diesen Menschen. Mit Tatkraft und der Unterstützung von Kollegen produzierte er zunächst Haushaltsgeräte und Elektrokocher in einem kleinen selbständigen Handwerksschuppen.

Das dürfte im Rahmen von Tauschhandel gegen Lebensmittel und andere Dinge des Bedarfs erfolgreich gewesen sein, denn seine wenigen Mitarbeiter bezogen 1947 ein kleines Fabrikgebäude mit den Ziel, nun ernsthaft Elektroprodukte herzustellen.

Wegen des chronischen Materialmangels war eine professionelle Radioproduktion zu diesem Zeitpunkt kaum zu bewerkstelligen. Erste bescheidene Versuche erfolgten erst ab 1948. Hierzu wurde verwendet, was noch irgendwie zu beschaffen war. Alte Wehrmachtsröhren aus Kriegsproduktion waren noch als Restbestände in brauchbaren Stückzahlen vorhanden. Gerne wurden diese und besonders die vielseitig verwendbare legendäre RV12P2000 (weitere Infos zur RV12P2000 hier), eine Universalpentode mit ganz eigener Sockelkonstruktion, in erste Notradios verbaut.

Herr Blohm war nicht nur ein kreativer Ingenieur, er hatte das, was im Sozialismus besonders verhasst war: eigene Ideen und Unternehmenskraft. Bald baute er so unterschiedliche Produkte wie Musikverstärker, Elektroorgel und Blitzgeräte für Fotoapparate. Nun stieg er auch erfolgreich in die Radioproduktion ein. Die ersten Überlagerungsempfänger entstanden um 1950. 1952 traute er sich mit dem hier vorgestellten Modell schon an großvolumige Geräte, die alle Bedürfnisse der damaligen Kunden in vollem Maße abdeckten. Auch anspruchsvolle Musikschränke, als tönende Möbelstücke für das schicke Wohnzimmer, waren nun bei ihm erhältlich. Inklusive Plattenspieler und Tonabnehmer, die er auch produzieren konnte, wie die wenigen erhaltenen Modelle mit eingebautem Phonosystem beweisen.

Im Jahr darauf, also 1953, erschien sogar ein Großsuper mit nicht weniger als 12 Röhren. Die Firma schien einer leuchtenden Zukunft entgegen zu gehen. Die Mitarbeiterzahlen stiegen weiter an.

Wirtschaftlicher Erfolg privater Unternehmer scheint in sozialistischen Systemen jedoch immer suspekt zu sein. So wie vielen risikobereiten und erfolgreichen „DDR-Start-ups“ nach dem Kriege, erging es auch Herrn Blohm als Inhaber dieser erfolgversprechenden Unternehmung. Unter dem hierfür beliebten staatlichen Vorwurf der „Steuerhinterziehung“ wurde gegen ihn vorgegangen. Diese Anklage war das gängige Mittel zur Enteignung privater Unternehmen.

Gleich im Jahr nach der Vorstellung des hier gezeigten Radios, also unmittelbar nach Einführung des luxuriösen 12-Röhren-Großsupers 1953, wurde er schließlich verhaftet. Als er nach einem Jahr Gefängnis wieder freikam, packte er schnellstens seine Sachen und flüchtete mit all seinen Familienangehörigen in den Westen. Sein Betrieb wurde von staatlichen Stellen enteignet und firmierte anschließend unter dem Namen „VEB Elektronik Plauen“.

Ein kleines, etwas altmodisches Allstromgerät unter dem rückblickend vielleicht etwas zynisch klingenden Namen „Freundschaft“, kam noch in den Verkauf von 1955 bis 1956. Danach wurde die Radioproduktion eingestellt. Die DDR freute sich über den Erfolg seiner Orgelkonstruktionen und seine Blitzgeräte wurden in der DDR noch bis zum Ende der sozialistischen Herrschaft produziert. Danach wurde auch dieser Betrieb „abgewickelt.“ Die Fabrikationsstätte wurde nach der Wende abgerissen.

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