EAK Super 64/50 GWHS

1950

Seriennummer: 076726

Vorbemerkung:

In den 90er Jahren, nicht lange nach der Wiedervereinigung Deutschlands, lud mich eine Freundin zum Besuch ihres wunderbaren Heimatorts Havelberg ein. Die besondere Attraktion war dort, neben der immer vorhandenen idyllischen Lage und dem historischen Ortskern, der einmal jährlich stattfindende Pferdemarkt.

Ignorant wie ich war, interessierten mich nicht so sehr die angebotenen Vierbeiner, sondern eher die Offerten des angeschlossenen Flohmarktes. Elektronische Nutztiere sind in der Regel deutlich pflegeleichter und lassen sich mit Strom abspeisen. Vom geringeren Platzbedarf einmal ganz abgesehen.

Ins Auge fiel mir ein scheinbar unrettbares Exemplar eines völlig desolaten Sachsenwerks. Trotzdem sprach mich die Form so sehr an, dass ich es haben musste. Als ich mich sehr viel später zu der „Mission Impossible“ entschloss, das Radio zu restaurieren, musste ich die fehlende Röhre EF12 besorgen. Das erwies sich als ausgesprochen herausfordernd, denn sie war nirgends aufzutreiben.

Dann endlich fand ich in einer Zeitungsannonce die Auflösung einer Röhrensammlung. Die begehrte EF 12 war dabei. Also fuhr ich ins Land Brandenburg und traf auf einen älteren Herrn, der seinen Bastelkeller aufräumte und mir bei dieser Gelegenheit neben der EF 12 anbot, doch gleich auch alle seine Drehkondensatoren, Röhren, Schalter, Trafos, prähistorischen Kopfhörer und auch noch zwei Kleinempfänger zu übernehmen. Die letzteren waren von der Kellerwand kaum noch zu unterscheiden. Wir wurden uns trotzdem einig und zu Hause erforschte ich dann meine reiche Beute.

Teil dieses Konvoluts war dieses EAK Super 64/50 GWHS, wie es mit vollem Namen heißt.

Das Radio in seinem Eingangszustand

Das Radiomodell:

Das Gehäuse vom Schmutz vieler Jahrzehnte befreit

Die Modell-Bezeichnung verrät schon etwas über seinen Charakter. „Super“ bedeutet, dass wir es hier mit einem Überlagerungsempfänger (Superheterodyne) zu tun haben. Die „6“ im ersten Zahlenblock vermittelt, dass es ein Sechskreiser (AM) ist. Ein späterer Neunkreiser von EAK hatte eine „9“ vorneweg. Was die „4“ als zweite Ziffer im ersten Zahlenblock bedeutet, hat sich mir leider noch nicht erschlossen. Die Anzahl der Röhren ist es jedenfalls nicht, denn es besitzt derer nur drei.

Der zweite Zahlenblock nach dem Schrägstrich ist das Erscheinungsjahr, also „50“ für 1950. GW zeigt uns an, dass es ein Allstromer ist, der für Gleichstrom (G) und für Wechselstrom (W) gleichermaßen geeignet ist. Kurz nach dem Krieg gab es Haushalte mit Wechsel- und auch noch mit Gleichstrom. Dieses Gerät konnte beide Varianten verdauen. Dabei ist es elektronisch aber anders aufgebaut als ein reines Wechselstrom-Modell und bei der Instandsetzung delikater. Daher habe ich mich nur auf Wechselstromgeräte konzentriert und das EAK passte nicht wirklich in meine Sammlung.

Die Bezeichnung „HS“, sagt uns, dass es sich um das Gerät mit einem Holzgehäuse handelt. Das Pressstoff-Modell hätte an dieser Stelle ein „P“.

Schauen wir uns das kleine Modell einmal näher an. Trotz seiner Zierlichkeit, knapp 32 cm breit, wirkt es keineswegs zerbrechlich, sondern eher massiv. Würde man es vergrößern können, dann wäre es ein echter Hingucker im Raum. Die Skala ist oben angebracht und die Bedienung erfolgt, wie oft noch bei einem Vorkriegsdesign anzutreffen, mittels seitlicher Drehknöpfe.

Dieses kleine DDR-Radio ist in ziemlich großer Stückzahl hergestellt worden. Allerdings überwiegend als Bakelit-Modell. Die deutlich seltener anzutreffende Holz-Ausführung ist daher schon wieder etwas Besonderes.

Also versuchte ich das stark verschmutzte Gerät vom Tribut der Jahrzehnte zu befreien, was mir einigermaßen gelang. Bei der Skala hatte ein Vorbesitzer seine Lieblingssender mit einem Buntstift markiert, der sich allerdings hartnäckig meinen Reinigungsversuchen wiedersetzte.

Der obere Teil der Rückwand ist etwas ausgefranzt

Die Rückwand ist weiter oben etwas angefressen. Dies war vermutlich jedoch kein Nager. In diesem Bereich ist auch das obere Holzteil ein wenig verzogen. Schauen wir einmal unter den Deckel.

Dort finden wir den Heißleiter für den Heizkreis und einen dicken Vorwiderstand. Und die heizen sich richtig auf. Das versuchte man zwar serienmäßig durch einen dämmenden Metallstreifen unmittelbar unter dem Holzdach in den Griff zu bekommen. Aber seine Spuren am Gehäuse hatten sie trotzdem hinterlassen.

Die Drehschalter konnte ich wieder gangbar machen und auch sonst sah es komplett und unverbastelt aus. Alle Röhren sind vorhanden (UBF11, UCH11 und UEL51).

Auch hier zeigt sich schon die Notwendigkeit zum Improvisieren. Denn es gab dieses Modell parallel auch mit der Endröhre UCL11, je nachdem, was gerade zur Verfügung stand.

Es empfängt vier Kurzwellenbänder, Langewelle und Mittelwelle. An einen UKW-Empfang war hier noch nicht zu denken. Alle Drehknöpfe sind vorhanden und in gutem Zustand. Senderverstellung, Potentiometer und Wellenschalter ließen sich nach der Reinigung wieder bewegen und, soweit vorgesehen, rasten diese satt ein.

Die Skala bietet eine kleine Überraschung, gerade wenn wir die Zeit 1950 und den Ort, die kürzlich neugegründete DDR, betrachten.

Natürlich sind alle Ost-Sender zu sehen und auch die wichtigsten West-Sender. Erstaunlich bei einem Ostdeutschen Radio aus dieser Epoche ist die Beschriftung des Sendeplatzes für den amerikanischen Soldatensender American Forces Network (AFN). Das habe ich bei DDR-Geräten aus dieser Zeit selten gesehen. Also, ein interessantes, hübsches Modell.

Ein versierter Gleichstrom-Bastler könnte das Radio sicher wieder hinbekommen. Auch die fehlende zweite Querstrebe vor der Stoffbespannung könnte durch ein passend gebeiztes Balsaholz-Element problemlos ergänzt werden. Diese Zierteile vor der Frontbespannung sind bei dem hier beschriebenen Modell aus Holz gefertigt. Vermutlich waren Metall-Teile gerade nicht zu besorgen. Es gab nämlich auch Ausführungen mit Metall-Leisten.

Solche Unregelmäßigkeiten bei der Produktion habe ich auch bei anderen DDR-Geräten feststellen können. Die Ausstattung war oft von der jeweiligen Erreichbarkeit des gerade vorhandenen Materials abhängig. Und da musste man in der Produktion zwangsläufig flexibel sein.

Das Gerät in seiner Zeit:

Springen wir also in das Jahr 1950. Wenige Monate vorher, am 07. Oktober 1949, rief die provisorische Volkskammer die Deutsche Demokratische Republik aus. Die sowjetische Besatzungsmacht hatte bekanntermaßen keinerlei Ambitionen, das eroberte Ostdeutschland wieder freizugeben. Stalin saß fest im Sattel und bestimmte auch die DDR-Innenpolitik. Der vergangene Krieg warf immer noch seine langen Schatten über das Land, das weiterhin angestrengt versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. In Ostdeutschland war dieses Vorhaben umso beschwerlicher. Große Teile der ehemaligen Industrie fielen der Zerstörung oder Demontage der Sieger zum Opfer. Alles musste neu geregelt werden. So auch hier.

Der Ursprung der Radioproduktionsstätte dieses Radios hatte die abenteuerliche Biografie eines ehemaligen AEG Werks.

Ab 1941, also mitten im Krieg, wurde der AEG die Fabrik eines lettischen Radioherstellers zugesprochen. Als die Rote Armee drei Jahre später auf die Hauptstadt zu rückte, versuchte man, die Betriebsstätte in Richtung Deutschland, also in eine vermeintlich sichere Zone, zu verlagern. Die dortige Demontage erfolgte 1944, durch die vorrückende Front getrieben, ungeordnet und überstürzt. Dadurch kamen nicht alle der beladenen Eisenbahnwaggons im Chaos des Krieges wie vorgesehen am neuen Zielort in Thüringen an. Die Räumlichkeiten waren zwar nun vorhanden, aber es fehlten viele der benötigten Maschinen.

Die Zeit und die Ereignisse überschlugen sich. NS-Deutschland war inzwischen untergegangen und hier rückten zunächst die amerikanischen Streitkräfte ein, bevor sie im Juli 1945, wie vorab zwischen den Alliierten vereinbart, das Territorium den Sowjettruppen überließen.

Wie so häufig nach dem totalen Untergang des kurzlebigen tausendjährigen Reichs, lief zunächst eine primitive Produktion von einfachen Gebrauchswaren wie Besteck oder Schaufeln an. Dann kam den Russen die Erkenntnis, dass eine Produktion von Reparationsgütern vielleicht besser als eine Demontierung der nur teilweise eingerichteten Fabrik sein könnte. So wurde die Betriebsstätte in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) umgewandelt.

Diese Rechtsform hatte natürlich rein gar nichts mit einer an der Börse gehandelten AG zu tun. Es wurde schlicht ein sowjeteigener Betrieb. Eine „SAG“. Das musste in dieser Epoche kein Nachteil sein, denn Produktionsmaterial und Maschinen waren nun leichter zu bekommen. Schließlich wollten die Besatzer Ergebnisse sehen.

Der neue SAG-Betrieb wurde „EAK“ genannt. Das bedeutet „Elektro-Apparatefabrik Köppelsdorf“. Nun wurden auch wieder Radios produziert, meist aus noch vorhandenen Material-Altbeständen des Deutschen Reichs. Zum Einsatz kamen die legendären Wehrmachtsröhren RV 12 P 2000 (weitere Infos dazu hier), von denen noch reichliche Exemplare aufgefunden wurden. Angeblich sollen die allerersten Geräte noch unter dem alten Markennamen „AEG“ gefertigt worden sein.

Bald darauf wurde das ehemalige Telefunken-Röhrenwerk in Erfurt wieder flottgemacht, und nun standen auch wieder neue E- und U-Röhren für die Radiofertigung zur Verfügung. Diese – also U-Röhren für Allstromgeräte – sind in unserem Modell von 1950 eingebaut.

Die SAG-Zeit endete schon 1952. Dann wurde in einem formalen Akt die „Aktiengesellschaft“ der Sowjets an das „DDR-Volk“ zurückgegeben. Der neue Name lautete jetzt „VEB Sternradio Sonneberg“.

Wer 1950 die geforderten 237,- Ost Mark aufbringen konnte und das Glück hatte, eines der begehrten 64/50 zu ergattern, durfte jetzt mit einem echten Überlagerungsempfänger statt der nationalsozialistischen der neuen sozialistischen Propaganda lauschen. Möglicherweise gaben einige Angehörige des ausgebluteten Volks eher der Musik den Vorzug.

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