1941
Seriennummer: 4911

Vorbemerkung:
Dieses Modell wurde günstig auf einer Online-Plattform als Direktkauf angeboten. Die Marke machte mich neugierig. Noch nie hatte ich vorher von Hersteller „Erres“ gehört.
Da der Preis erstaunlich niedrig und mein Wissensdurst groß war, schlug ich zu. Also fuhr ich in den Berliner Bezirk Schöneberg und klingelte an der Wohnungstür des Anbieters. Ein junger Mann machte mir auf und er erzählte, dass dieses Radio sogar noch spielte. Zum Beweis steckte der den Stecker in die Steckdose und schaltete ein.
Schon beschlich mich so ein seltsames Gefühl. „Hast Du das schon einmal vorher ausprobiert?“, wollte ich wissen. Er schaute mich mit treuen Augen an und schüttelte den Kopf. Aber er sei sich sicher, dass es funktionieren müsse. Bevor ich etwas sagen konnte stieg auch schon schwarzer Rauch auf.
„Sofort ausschalten!“, rief ich, „Stecker raus!“ Er reagierte ziemlich schnell und schaute etwas konsterniert der schwarzen Wolke nach, die langsam zur Zimmerdecke emporstieg.
Ich nahm das Gerät trotzdem mit und hoffte, dass nicht allzu viel Schaden entstanden war.
Das hoffe ich immer noch, denn ich hatte es nicht wieder aufgemacht, geprüft und auch noch nicht restauriert. Es ist als Deko-Objekt sehr ansprechend und es stand lange Jahre oben auf meinem Radioregal im heimatlichen Büro.
Das Radiomodell:

Natürlich versuchte ich nach dem Kauf etwas über die Marke „Erres“ herauszufinden. Dass die Suche in Richtung der Niederlande gehen würde, wusste ich bereits nach einem Blick auf die Skalenscheibe. Es gab hier zwei fest eingestellte Sender, die direkt per Wellenschalter angewählt werden konnten, nämlich „NED. PROG.I“ und „NED.PROG. II“. Und Berlin wird „Berlijn“ geschrieben.

Also ja, Erres war in den Niederlanden ein bedeutender Hersteller von Radios. Und dieses Model hier wurde im Zeitraum von 1941 bis 1942 gebaut.
Ich stand vor der rätselhaften Frage, wie ein NL-Radio aus der Kriegszeit wohl seinen Weg nach Berlin gefunden haben mochte. Leider vergaß ich, nach dem aufregenden Einschaltversuch, den Vorbesitzer zu der Vorgeschichte seines Radios zu befragen. Aber er schien mir auch noch zu jung zu sein, um diese Frage beantworten zu können, falls es kein Familienerbstück war.
Dem Rätsel auf die Spur kam ich erst sehr viel später, als ich mir die Zeitumstände näher ansah. Dazu mehr im Kapitel „Das Gerät in seiner Zeit“.

Erst einmal ein Blick auf dieses Radio. Ist es nicht wunderschön? Sehr aufwändig hergestelltes glänzend poliertes Edelholzgehäuse. Unverwechselbar mit schwer zu fertigenden Rundungen an der Front die eine plastische Tiefe vermitteln.

Ungewöhnlich ist die obenliegende Skalenanordnung. So etwas gab es zwar auch bei einigen deutschen Geräten der Zeit, war aber eher selten anzutreffen. Bei diesem Radio ist alles perfekt verarbeitet. Qualitativ macht es einen sehr hochwertigen Eindruck.

Lange dachte ich, das KY 417 wäre 1941 das Flaggschiff der Firma gewesen. Bis ich etwas später noch das KY 418 fand, das wohl nur in winzigen Stückzahlen hergestellt wurde.
Inzwischen gibt es in den Niederlanden viele Sammler, die sich mit der eigenen nationalen Radioherstellung beschäftigen und so konnte ich herausfinden, wie hoch die Produktion des KY 417 wohl gewesen sein mochte. Die dortigen Quellen berichten von etwa nur 4.808 Stück dieses Models. Sogar die Seriennummern sind bekannt. Vergeben wurde sie von Nr. 1014 bis 5822. Dieses hier hat die Nummer 4911 und dürfte damit in den letzten Produktionszyklus, also wahrscheinlich Ende 1941/Anfang 1942 produziert worden sein.
Im Innern fand ich noch das Etikett „Philips Licentie Nederland“ am Chassis. Tatsächlich bestanden immer enge Geschäftsbeziehungen zwischen Erres und dem Branchenriesen Philips. 1930 hielt Philips sogar einen 50%-Anteil an Erres. Nach internen Querelen verkaufte Philips zwar seinen Anteil wieder, aber dennoch blieben die Beziehungen weiterhin sehr eng und es kam sogar zu einer Art Kartellbildung zwischen beiden Herstellern in den Niederlanden.

Dementsprechend sind hier auch Philips-Röhren verbaut. Man findet zweimal die ECH21 und einmal die EBL21. Weiter die Philips-Röhre 1823. Das ist ein Zweiweg-Gleichrichter mit einem Vier-Pin-Sockel. Zuständig für die Stromversorgung.
Und dann gibt es da noch ein echtes technisches Highlight. Nämlich die Röhre 4662. Was ist das denn?

Davon hatte ich noch nie gehört. Es ist eine Neon-Glimmstab-Anzeige. Sie hat eine langgezogene Stabform und besteht aus einer Kathode, einer Zündanode, mit der das im Glaskolben befindliche Neongas entzündet wird und einer Hauptanode.
Hieran wird die Signalspannung angekoppelt. Nun gibt es hier eine Lichtabdeckung über den langgezogenen Glaskolben. Diese ist am größten, wenn die Spannung an der Hauptanode am höchsten ist. Was wir hier vor uns haben, ist also eine Feldstärkenanzeige.

Auf der Rückseite des Chassis habe ich noch einen Drehschalter mit einer Schlitzschraube gefunden, mit der Aufschrift „NEON“. Was es damit auf sich hat, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist dies ein regelbarer Widerstand, um die Leuchtröhre zu kalibrieren.
Jedenfalls haben wir hier eine, soweit ich recherchieren konnte, von Philips entwickelte Alternative zu einem „Magischen Auge“, das es damals auch schon gab.

Oben links ist in der Skala ein kleiner Sehschlitz. Das wird das Arbeitsfeld des Feldstärkenlichtstrahls sein.
In der Rückschau kann festgestellt werden, dass sich diese Konstruktion nicht gegen die Anzeigeröhren durchsetzen konnte und eine technische Episode blieb. Aber eine sehr interessante.

Auf der Rückseite findet man noch einen Umschalter von 127 V auf 220 V und einen Kippschalter, um vom Radiobetrieb in den Grammophonbetrieb zu wechseln.

Ein sehr spezielles Radio und optisch noch ziemlich gut in Schuss. Das Holz hat nur auf der Oberseite eine kleine Lack-Unpässlichkeit und erstrahl im Übrigen in feinstem edlen Glanz.
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist es doch ein echtes Schwergewicht. Eben sehr solide gebaut.

In einer Übersichtsseite, auf der alle Erres-Modelle des Jahrgangs 1940-1942 aufgelistet sind, wurde dieses Modell mit einem Preis von „f 230.- angegeben. Das „f“ dürfte in diesem Falle für das alte Symbol des ehemaligen Niederländischen Guldens stehen.
Das Gerät in seiner Zeit:

Wenn wir hier mit einer Zeitmaschine in das Jahr 1941 zurückspringen, sollten wir uns warm anziehen. Denn wir landen dann direkt mitten im Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Wehrmacht feierte einen Sieg nach dem anderen. Am 22. Juni 1940 war dann auch Frankreich besiegt. Paris und der Norden Frankreichs waren nun deutsches Besatzungsgebiet und der Reststaat im Süden wurde „État Francaise“ genannt. Die dortige Vichy-Regierung kollaborierte auf vielen Gebieten mit dem NS-Regime. Zuvor war das Deutsche Reich dort in kürzester Zeit zum Erfolg gekommen.
Nach dem Überfall auf Polen hatte der Bündnispartner Frankreich am 03. September 1939 dem Deutschen Reich, wie im Beistandspakt mit Polen vereinbart, den Krieg erklärt. Dann überschritten französische Soldaten die Grenze und einige deutsche grenznahe Ortschaften wurden besetzt. Das war es zunächst einmal. Als sich dann die Wehrmacht wieder nach Westen wandte, war Frankreich im Rahmen eines so genannten „Blitzkriegs“ nach nur wenigen Tagen besiegt.
Die Niederlande blieb nach dem Angriff auf Polen jedoch neutral. Das half nichts. Die Wehrmacht marschiert auch hier ein und besetzte das Land, nachdem die Niederlande am 17. Mai 1940 ebenfalls kapitulierte.
Zunächst bemühten sich die Besatzer um ein gutes Verhältnis zu der niederländischen Bevölkerung. Die Niederländer wurden von den deutschen Machthabern als „Brudervolk“ betrachtet. Dennoch kam es im Laufe der Zeit zu immer häufigeren Protesten und Streiks. Angehörige der niederländischen Regierung und das niederländische Königshaus konnten einen Tag vor der Kapitulation in letzter Minute auf einem englischen Kriegsschiff nach Großbritannien flüchten und hatten anschließend dort eine Exilregierung gebildet.
Mit Erlaubnis der Engländer durften sie in London einen eigenen Radiosender betreiben, das „Radio Oranje“. Die Eröffnungsansprache bei der ersten Sendung am 28. Juli 1940 hielt die niederländische Königin Wilhelmina persönlich. Später gab es noch einen weiteren Sender für die Niederlande, betrieben durch die BBC mit dem Namen „Radio Brandaris“, der am 06. Mai 1941 seinen Sendebetrieb aufnahm. Beide Sender fusionierten später und waren von Anfang an auf die niederländischen Verhältnisse und natürlich gegen die Besatzer ausgerichtet.
Das NS-Regime war sich der politischen Gefährlichkeit dieser Programme wohlbewusst, verwendeten sie die mediale Kriegsführung doch selber nur zu gerne. Als Reaktion wurde der Verkauf von Radios und der Handel mit Radioempfängern Anfang 1942 in den Niederlanden dann komplett verboten.
Allerdings musste das Unternehmen Erres weiterhin Radios produzieren. Diese waren nun aber nicht mehr für den heimischen Markt, sondern für den Export nach Deutschland bestimmt. In Deutschland war die gesamte Industrie – und damit auch die Radioindustrie – inzwischen auf Kriegsprodukte umgestellt. Daher herrschte ein eklatanter Mangel an neuen Radiogeräten für den zivilen Gebrauch. Dieser Bedarf sollte nun durch eine Auslandsproduktion in den besetzten Gebieten gedeckt werden.
Die Stimmung vor Ort verschlechterte sich im Frühling 1943 weiter, als es zu umfangreichen Streiks kam. Die Besatzer machten jetzt das, was die deutsche Bevölkerung ihrerseits 1945 durch die russischen Besatzer erlitt. Alle Niederländer wurden im Frühling 1943 aufgefordert, ihre Radios abzugeben. Niemand durfte mehr ein Radio besitzen. Das betraf ca. 850.000 Geräte, die nicht rechtzeitig versteckt werden konnten. Ein Teil wurde eingelagert. Den anderen Teil versendete man in die inzwischen schon teilweise zerbombten deutschen Städte, zur Versorgung der Bevölkerung mit Radiogeräten. Weil alles akribisch dokumentiert wurde, sind sogar genaue Zahlen erhalten geblieben. Von dem Gerät Erres KY 417 wurden 1943 insgesamt 406 Stück konfisziert.
Anhand der Seriennummer haben wir schon feststellen können, dass dieses Exemplar wohl Ende 1941 / Anfang 1942 gebaut wurde. Nun könnte es sein, dass es schon unter die Auflage der Auslandsversorgung für Deutschland fiel. Das dürfte sogar überwiegend wahrscheinlich sein, denn schon Anfang 1942 war der Verkauf von Radios in den Niederlanden untersagt worden. In diesem Falle wäre es bereits von der Firma Erres direkt für den deutschen Markt produziert worden. Oder, etwas weniger wahrscheinlich aber nicht unmöglich: es wurde noch vor dem Handelsverbot an einen niederländischen Käufer übergeben und fiel dann unter den Abgabezwang oder war Lagerware und gehörte zu den 406 von den Besatzern konfiszierten Erres KY 417.
Jedenfalls wäre das eine plausible Erklärung für das Erres Radio in der damaligen Reichshauptstadt und später für meinen Kauf des Geräts in Berlin-Schöneberg, fernab seines Herstellungsorts. Was für eine Geschichte!
Zurück zur Liste der Radios
