Graetz Super 154 W

1950

Seriennummer: 124489

Vorbemerkung:

Der sonnige Wintertag im Februar 2023 führte mich zurück zu meinen längst vergessen geglaubten Wurzeln. Hier war ich schon Jahrzehntelang nicht mehr. Den größten Teil meines Lebens verbrachte ich in davon weit entfernten Regionen Deutschlands und der Welt. Dabei war mir dieser Ort durchaus sehr vertraut. Denn hier bin ich als Kind und Jugendlicher zur Schule gegangen. Jeden verdammten Schultag bin ich diesen Weg entlanggelaufen. Gleich gegenüber dem Schulzentrum lag das Haus, dessen neue Bewohner den Graetz 154 W inseriert hatten. Was für ein eigenartiger Zufall.

Nun stand ich im Wohnzimmer und schaute mir diese technische Antiquität an. Eigentlich entsprach dieses Radio nicht unbedingt meinem Beuteschema. Das Design ist eher banal. Irgendwie auch hübsch. Aber eben typischer Mainstream aus Mitte/Ende der 50ger Jahre. Allerdings …

Dieses recht edle aber wenig spektakuläre Äußere hat es in sich.

Man möchte sein Alter kaum glauben, aber der Empfänger ist ein über 70 Jahre alter Methusalem. Dabei sieht er deutlich moderner aus. Und er hat noch eine weitere Besonderheit technischer Natur zu bieten, wie im Abschnitt weiter unten beschrieben wird.

Ausschlaggebend für mein Interesse war hier – neben diesen Besonderheiten – auch der absolut exzellente Zustand. Sehr viel besser dürfte er auch bei seiner Auslieferung an den stolzen Erstbesitzer nicht ausgesehen haben. Das edle Furnier des Gehäuses verstrahlt immer noch seinen tiefen Glanz mit den wunderbaren natürlichen Strukturen. Der Lack glänzt auch jetzt noch intensiv, selbst ohne Politur und ich fand nicht einen Kratzer oder einen dieser heimtückischen Blumenvasenränder.

Noch ein Highlight: sämtliche Verkaufsunterlagen nebst originaler Bedienungsanleitung, Garantiekarte (dürfte abgelaufen sein) und das zeitgenössische Webeprospekt von 1950 sind noch vorhanden.

Verkauft wurde das gute Stück vom Enkel des Besitzers. Großvater war gestorben. Sein Enkel hatte das Radio als Nachlass zwar übernommen, aber keine wirkliche Verwendung mehr dafür. Das Haus, das er mit seiner Frau bewohnt, war in einem sehr modernen und sachlichen Bauhaus-Stil gehalten. Der Graetz wäre selbst als Deko-Stück ein Fremdkörper in diesem Ambiente.

Also verließ er zum ersten Mal seine angestammte Familie und fand nun bei mir ein neues liebevolles Zuhause.

Das Radiomodell:

Wer aufgrund der Bezeichnung denkt, „154“ könnte eine Art Einser-Reihe aus dem Jahre 1954 sein, denkt durchaus logisch. So könnte es tatsächlich sein. So ist es aber nicht.

Die Eins am Anfang steht für …, tja, wofür auch immer. Jedenfalls hatten alle Graetz Radios ab 1950 eine Eins in der Bezeichnung bis sie ab 1954 modische Namen wie „Polonaise“ oder „Belcanto“ bekamen. Die beiden folgenden Ziffern scheinen eine Kombination aus Weiterentwicklung und Rang des Modells innerhalb der Angebotspalette zu sein. Beginnend 1949 mit „51“ und endend 1953 mit „78“.

Der 154W dürfte in seinem Modelljahr das Flaggschiff aus dem Hause Graetz gewesen sein. Jedoch nicht 1954. In Wirklichkeit kam dieses Radio schon im Jahre 1950 auf den Markt und es verblüffte die potentielle Kundschaft mit einigen Besonderheiten.

Die sehr viel später typische Radiogestaltung aller folgenden deutschen 50ger-Jahre Geräte hatte sich bei Erscheinen des Graetz, gerade einmal fünf Jahre nach Kriegsende, noch nicht als Leitlinie durchgesetzt.

Die Form mit Lautsprecherbespannung oben, darunter dann die breite Skalenscheibe mit den davor gesetzten Drehknöpfen rechts und links, war 1950 noch etwas Besonderes. Niemand konnte ahnen, dass es kurz darauf praktisch verbindlicher Gestaltungsgrundsatz bei fast allen deutschen Radios werden würde. Hier war der 154 W also zweifellos noch ein Pionier. Mit diesem Design wurde ein Standard gesetzt, der über die gesamte Dekade und darüber hinaus aktuell blieb.

Einzig die fehlenden Stationstasten, der Wellenschalter an der rechten Seitenwand sowie der Klangregler an der linken Seitenwand verraten, dass es aus den frühen 50gern stammen könnte. Manche Radios, insbesondere aus der DDR, hatten diese Ausstattung aber noch bis tief in die 50ger Jahre hinein beibehalten.

Schauen wir uns einmal die Technik an. Das hier ist ein richtiger Großsuper, der den klammen Nachkriegsmarkt betrat und der auf eine kleine, feine, wohlhabende Klientel zielte.

Es waren Kunden, die ein absolutes High-Tech Gerät haben wollten, in dem alles steckte was technisch in der noch in Trümmern liegenden, gerade einmal ein Jahr alten Bundesrepublik Deutschland möglich war. Und diese Kundschaft besaß auch schon wieder das nötige Kleingeld dafür. Oder den Optimismus, den dafür aufgenommenen Kredit abbezahlen zu können.

Erst ein Jahr zuvor wurde in Deutschland der UKW-Empfang ermöglicht. Es gab aber praktisch keine Radios, mit denen man die frequenzmodulierten Wellen einfangen und in Töne umwandeln konnte.

Hierzulande hatte man noch kaum Erfahrung mit den Ultrakurzwellen gesammelt. Vielmehr fürchteten sich sogar Teile der Bevölkerung vor UKW. Vor wenigen Jahren noch hatten die Amerikaner Hiroshima und Nagasaki ausgelöscht und langsam wurde die verheerende Wirkung der radioaktiven Strahlen bekannt. War es hier vielleicht ähnlich? Auch Radioaktivität konnte man nicht sehen, spüren oder riechen. Aber sie war doch da und zerstörte langsam und unaufhaltsam die Gesundheit derer, die mit ihr in Berührung kamen. Wer wusste schon, welches Schicksal einem bei diesen neuen Ultrakurzwellensendern drohte?

Die Gegenbewegung versuchte solche pessimistischen Befürchtungen mit lustigen Werbekampagnen zu entschärfen. Sie nannten UKW die neue „Welle der Freude“. Dabei war die Einführung von UKW eine kreative Antwort auf die gezielte Benachteiligung Deutschlands bei der Wellenkonferenz 1948, wie weiter unten kurz angerissen wird. Jedenfalls machte man erste Versuche und 1949 ging zum ersten Mal ein UKW-Sender in Betrieb, ohne weiteren Bevölkerungsschaden anzurichten. Das geschah am 28. Februar 1949 beim Bayerischen Rundfunk in München.

Die ersten technischen Empfängerschaltungen waren nicht besonders befriedigend und unterschieden sich zumindest in der Klangqualität nicht auffällig von den bekannten Unzulänglichkeiten amplitudenmodulierter Kurz-, Lang- und Mittelwellen. Es fehlten außerdem brauchbare Radios mit UKW-Tunern im Handel, um solche Sendungen überhaupt empfangen zu können.

In die Geschäfte kamen bald UKW-Einbausätze zum Nachrüsten oder externe UKW-Vorsatzgeräte. Im Jahr darauf, also 1950, gab es nach meiner Kenntnis nur sehr wenige Geräte als innovative Vorreiter, die einen modernen UKW-Tuner serienmäßig eingebaut hatten. Und eines dieser Pioniergeräte war dieser Graetz 154 W. Er besaß eine brauchbare Demodulation per Ratiodetektor und eine echte UKW-Vorstufe. Insgesamt werden hier acht Röhren bemüht, Er hat 7 AM und 8 FM-Kreise. Damit konnte man schon etwas anfangen.

Verbaut sind überwiegend die in der frisch gegründeten Bundesrepublik Deutschland neuerdings verbreiteten Rimlock-Röhren der 40ger-Serie, aber auch schon erstmals eine Novalröhre, die EBF 80, als Niederfrequenz-Vorstufe, für die Regelspannung und als AM-Demodulator.

Endröhre ist die gerne verbaute EL 41 und als Magisches Auge fungiert eine EM 34. Als Gleichrichter dient entweder eine AZ 11 als neunte Röhre, oder – wie in diesem Falle – ein Trockengleichrichter.

Die beiden EF 42 sind einmal der FM Oszillator und Mischer und einmal die UKW Vorstufe. Eine einsame EB 41 hat einzig die Aufgabe, die FM-Signale zu demodulieren.

Aus der Röhrengarantiekarte ergibt sich als Auslieferungsdatum 10. Oktober 1950.

Erstaunlich, dass bereits knapp zwei Jahre später die ersten Röhren getauscht werden mussten. Die ECH 42 und die EB 41 am 19. Mai 1952 und der Ersatz für die EBF 80 war am 6. Juni 1952 fällig, wie die vollständige Dokumentation verrät. Alles erfolgte sorgfältig bei der „Deutschen Philips GmbH, Servicestelle Köln“. Bei Lieferung des Radios noch im Jahre 1950 war dieses Exemplar mit Blick auf den Ultrakurzwellenempfang also ein frühes Pilotprojekt, der Vorreiter einer neuen Ära. Nämlich die der modernen UKW-Empfänger, deren Prinzip im Analogempfang bis heute der allgemein gültige Standard ist. Mit der Einführung von UKW entstand bei moderner Schaltungstechnik ein überwältigender Qualitätssprung, der Deutschland kurz darauf unerwartet schnell zum weltführenden Radioexporteur aufsteigen ließ.

Aber zurück zum Jahr 1950 und zu diesem Modell.

Wie die Bedienungsanleitung erläutert, ist bei diesem Gerät „… ein UKW-Bereich organisch in die Schaltung eingefügt. Auf diese Weise kann in der Wellenschalterstellung Q der frequenzmodulierte Ultrakurzwellenrundfunk im 3 m Band empfangen werden.“

Es bietet, wie es einem Großsuper geziemt, zusätzlich die Möglichkeit, die Bandbreite im AM-Bereich manuell variabel einstellen zu können. Dazu dient der Klangregler an der linken Seitenwand in zusätzlicher Zweitfunktion. Diese variable Bandbreiteneinstellung ist interessant, wenn man sich den gegebenen Empfangslagen anpassen möchte, den Sender also entweder qualitativ angenehm hören will oder auf Kurzer Welle lieber möglichst bandbreit auf Senderjagd gehen möchte und dabei Abstriche bei Klang und Trennschärfe in Kauf zu nehmen bereit ist.

Nach einem Blick hinter die Rückwand wurde der positive Erhaltungseindruck noch einmal bestätigt. Selten habe ich nach dem spannenden Entfernen der rückwärtigen Abdeckung ein so sauberes Inneres vorgefunden. Dabei machte es nicht den Eindruck, erst kürzlich gereinigt worden zu sein. Es lag nur sehr moderat Staub auf den internen technischen Komponenten. Kein Vergleich zu Dachboden-, Keller- oder manchen Flohmark-Radios, die ich schon auf dem Tisch hatte. Auch scheint noch die erste originale Röhrenbestückung mit den Valvo-Röhren vorhanden zu sein.

Leider hat es einen Schaden, den mir der Enkel fairerweise vor dem Kauf mitteilte. Sein Bruder habe es als Kind durch rabiates Spielen mit dem Gerät geschafft, das Potentiometer zu zerstören. So jedenfalls wurde mir das grausige Ereignis geschildert. Das ist kein gutes Zeichen. Besonders, da es sich bei diesem Potentiometer nicht um ein einfaches Standardbauteil handelt.

Es hat noch eine weitere Funktion, die 1950 von großer Bedeutung war und aktuell vielleicht wieder wird: das Eingehen auf den Energiemangel. Strom war 1950 noch ein kostbares Gut. Zieht man den Potentiometerknopf nach vorne heraus, reduziert sich die die Wattleistung von 60 W auf nur noch 35 W.

Das spart Strom, auch wenn die Leistung dabei abnimmt. Wie umfangreich hier die Zerstörung eingetreten ist, muss ich mir noch näher ansehen. Jedenfalls schwingt der Poti-Knopf und alles was dahinter angebracht ist, verdächtig leichtgängig und lose im Chassis herum.

Das Radio in seiner Zeit:

„Hurra, wir leben noch“, freuten sich diejenigen, die 1945 mit ihrer puren Existenz der Auslöschung durch Krieg, Elend und Verfolgung entkommen waren. Einige freuten sich jedoch zu früh. Es begann nach all den Kriegsgräueln nun für manche Menschen erneut eine fürchterliche Zeit. Eine Zeit der Heimatvertreibung, Obdachlosigkeit, Verschleppung, Hunger, Folter und Elend. Nie war es wichtiger als zu dieser Zeit, lieber nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Nie waren die Startbedingungen in die neue Zeit so ungleichmäßig verteilt. Deportation, Festnahme, Enteignung, Tod und Willkür standen Glück, Chancen, und unerwartetem Erfolg auf der anderen Seite gegenüber. Während zerlumpte Kriegsgefangene die schimmelige dünne Suppe aus alten Kartoffelschalen schlürften und hoffen, auch den nächsten Tag noch irgendwie zu überleben, gründeten andere Deutsche schon wieder erste private Unternehmungen. Die Nachkriegsordnung war noch lange nicht festgeschrieben.

So erging es auch den Gründern und Mitarbeitern der Firma Graetz, deren Zentrale sich in Berlin-Treptow befand und sich damit bei Kriegsende in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wiederfand. Noch im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurde – wie bei vielen anderen Unternehmen ebenfalls – ein Teil der Produktion aus Sicherheitsgründen an andere, weniger durch Luftangriffe gefährdete Orte, ausgelagert. Bei Graetz bedeutete das eine Produktionsverlagerung nach Sachsen, in die dortige Ortschaft Lunzenau. In der Bilanz 1945 lagen nun beide Firmensitze in der SBZ.

Wie fast alle bedeutende Firmen wurde auch bei Graetz in der Kriegszeit die Arbeit auf Militärbedarf umgestellt. Man baute technische Geräte für die Wehrmacht. Das machte Graetz nach Kriegsende in den Augen der Besatzer zu einem Rüstungsbetrieb mit allen entsprechenden Konsequenzen.

Wie so oft in Ostdeutschland wurde zunächst einmal Privatbesitz enteignet. Die Sowjets bauten im Stammwerk Treptow alle brauchbaren Geräte ab und verfrachteten alles nebst technischen Unterlagen in Richtung Sowjetunion. Die ehemaligen Eigentümer und viele Mitarbeiter erkannten schnell, wohin die Reise ging. Wie bei vielen anderen Unternehmern hieß auch hier die Devise: „Rette sich wer kann!“

Die Firmengründer, die wichtigsten Mitarbeiter der Graetz-Stammbelegschaft und viele Führungskräfte setzten sich in weiser Voraussicht schon kurz nach Kriegsende in den Westen ab. Dort entstand die Firma Graetz noch einmal neu als privates Unternehmen. Diesmal im westfälischen Altena. Mit überwältigendem Erfolg, wie wir wissen.

In der Ostzone wurden also zwei Werke hinterlassen. Einmal das entkernte Berlin-Treptow und zum anderen das Werk in Lunzenau. Hieraus entstanden zwei neue DDR-Radiohersteller. Der Chefkonstrukteur in Sachsen war nicht in den Westen geflohen. Hier wurden mit unerschütterlichen Mitarbeitern und mit vorhandenen bescheidenen Mitteln wieder erste einfache Radioapparate gebaut, allerdings ausschließlich für sowjetische Offiziere.

Kann ein Produkt zu gut sein? Jedenfalls waren die Besatzer so begeistert, dass sie auch dieses Werk noch schnell auf die „Habenliste“ setzten, es demontierten und nach Hause schickten. Ob es jemals dort ankam? Die Arbeiter zogen jedenfalls in eine andere Fabrik, wurden aber am Ende immerhin bei der Materialversorgung privilegiert.

Dieses Werk wurde 1946 dann endgültig enteignet und es entstand daraus der „Volkseigene Betrieb Sternradio Rochlitz“, der in der DDR zu einem bedeutenden Rundfunkgerätehersteller wurde.

Auch im Hauptwerk Treptow rappelten sich einige Spezialisten zusammen und versuchten, entgegen aller Widrigkeiten, wieder das zu tun, was sie am besten konnten: Radios bauen. Den alten und bekannten Firmennamen „Graetz“ hielt man zunächst auch nach der Enteignung weiter bei. Es wurden also zu diesem Zeitpunkt bis 1950 sowohl im Westen als auch im Osten Radios unter dieser Marke hergestellt, auch wenn diese Betriebe schon nichts mehr miteinander zu tun hatten. Der „VEB RFT Graetz Berlin“ wurde 1950 in „VEB Fernmeldewerk Berlin“ umbenannt und damit starb auch dort die alte traditionelle Firmenbezeichnung.

Es war eine Zeit, in der nicht nur gesellschaftlich alles im Umbruch war und entsprechendes Chaos verursachte. Auch der Radioempfang war ein einziges Chaos. Man nannte es den „Wellensalat“. Klingt lecker. Wenn aber alles gut durchmischt ist, könnten Mittelwellen zu Blähungen führen. So hörte es sich manchmal an, wenn sich Sender gegenseitig vermischten, überlagerten oder Sprecher durcheinander quasselten und gespielte Musik in unterschiedlichen disharmonen Tonlagen eine perfekte Kakofonie ergaben. Es gab nach dem Krieg, auch wegen der vielen Soldatensender der Fremdarmeen einfach zu viele Mittelwellensender.

Lösung sollte eine internationale Neu-Verteilung der Frequenzen bieten. Es wurde 1948 eine Konferenz in Kopenhagen einberufen, bei der ein internationaler Wellenplan verabschiedet wurde, der Ordnung in das Nachkriegschaos bringen sollte. Dieser trat 1950 in Kraft. Deutschland als geächtetes Land, war dazu nicht einmal eingeladen. Kein Wunder also, dass Deutschland dabei massiv benachteiligt wurde.

Man sah hierzulande schnell ein, dass die Standardfrequenzen im so beliebten Mittelwellenband unter diesen Umständen im eigenen Land keine Zukunft mehr haben können. In Deutschland besann man sich als Ausweg aus diesem Dilemma auf die in Europa bisher ungenutzten Ultrakurzwellen, entwickelte dieses Medium zur Marktreife und stieg mit einem phänomenalen Qualitätssprung am Ende zum Exportweltmeister für Radioapparate auf.

Dieses Beispiel zeigt, wie eng verknüpft Firmen- bzw. Industriegeschichte und politische Geschichte in Deutschland sein können.

Jedenfalls war eine – vorübergehende, wie man damals noch dachte – Teilung Deutschlands nicht mehr aufzuhalten. West-Berlin wurde belagert, die Westmark eingeführt und im Ergebnis am 07. September 1949 die Bundesrepublik Deutschland und kurz danach, am 07. Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik gegründet.

Gerade einmal ein Jahr und drei Tage danach wurde der Stempel auf die Graetz-Garantiekarte gedrückt. Die Ostgebiete standen und polnischer und russischer Verwaltung. Der verbliebene Rest wurde jetzt also noch einmal aufgeteilt. Vom so stolzen Deutschen Reich war kaum noch etwas übriggeblieben. Jetzt zählten andere Dinge.

Der Aufbau eines neuen Lebens, satt werden, eine Behausung finden. Wer zu denjenigen gehörte, die das Schicksal begünstigte, war 1950 schon eine ganze Strecke weiter vorangekommen. So auch der erste Käufer dieses teuren Radios.

In der Begleitkarte wurde der neue stolze Besitzer gebührend empfangen:

„Sehr geehrter Graetz-Freund! Wir bringen Ihnen heute das gewünschte Radiogerät ins Haus und freuen uns, Sie in der großen Familie der Graetz-Rundfunkhörer begrüßen zu dürfen, […] Unserer mehr als 25-jährigen Tradition entspricht es, unseren Rundfunkfreunden wieder einen Apparat zu übergeben, der im besten Sinne des Wortes den Empfang einer Rundfunksendung in reiner, kultivierter Tonwiedergabe zu einer Quelle ungetrübten Genusses macht.“

Die kultivierte Wiedergabe hatte ihrem Preis. Auch wenn der Prospekt erfreut ausruft: „Hör mit Graetz – wieder zum Friedenspreis!“ Dabei war der ursprüngliche Preis schon geschwärzt. Die neue Summe lautet: DM 418.- für das Wechselstromgerät und DM 432,- für das Allstromgerät. Ein Radio für Wohlhabende.

Wie mir der Enkel des Ersterwerbers anvertraute, war es nicht die größte Investition des Großvaters im Jahre 1950. Er baute ein neues Einfamilienhaus und zum Einzug gönnte er sich und seiner Familie dieses neue Prestige-Radio.

Trotz des hohen Preises, was dieses Modell ein großer Erfolg für Graetz. Vielleicht lag es auch an der Möglichkeit der Ratenzahlung, von der das Prospekt berichtet: „Um jedem den Kauf dieses begehrenswerten Empfängers möglich zu machen, wurde ein bequemes Teilzahlungssystem eingeführt.“

Jedenfalls feierte man schon bald die Fertigung des 100.000sten 154 W. Als vierundzwanzigtausendvierhundertneunundachtzigstes (24489.) Exemplar nach dieser großen Betriebsfeier (soweit die Seriennummern mit „1“ begannen) wurde das hier vorgestellte Gerät gebaut.

Schließen wir also diesen Bericht mit den freundlichen Worten der Fima Graetz aus dem betreffenden Prospekt:

„Freude und Frohsinn wird Ihnen der neue Graetz-Groß-Super 154 mit eingebautem UKW-Super bringen, der neben ausgezeichneten Empfangsleistungen auf den bisher bekannten Wellenbereichen einen von allen äußeren Störungen freien UKW-Empfang gewährleistet.“

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