Grundig 4035W

1953

Seriennummer: 417 12683

Vorbemerkung:

„Wie komme ich zu der Ehre?“, wollte ich wissen.

Ein Freund fragte mich Ende der 90er Jahre, ob ich ein Grundig Radio geschenkt haben möchte. Nähere Angaben könne er aber nicht machen. Solchen Angeboten gegenüber hatte ich grundsätzlich eine gewisse Offenheit.

Das Radio stand in der Dienststube eines Berliner Polizisten, der in den Ruhestand versetzt wurde. Was also tun, mit dem nun überflüssigen Büro-Gerät? Mein Freund beriet ihn dahingehend, dass ich ein Mensch sei, der ihn von diesem Problem befreien könne. Meine fast uneigennützige Rettungsbereitschaft nahm er dankend an. Als sich dann der Kofferraum öffnete, und dieses gewaltige Gerät zum Vorschein kam, war ich schon ein wenig überwältigt. Was für ein riesiger Empfänger kam hier zum Vorschein! Und dazu spielte er einwandfrei. Kein Wunder, er war ja im Büro jeden Tag erfolgreich im polizeilichen Einsatz.

In meiner damaligen Single-Wohnung fand es, zugegebenermaßen etwas überdimensioniert, auf dem Nachttisch Im Schlafzimmer neben dem Bett ein neues Zuhause. Für eine Lampe oder gar einen Wecker blieb da kein Platz mehr übrig.

Einige Zeit danach, in der ersten gemeinsamen Wohnung mit meiner späteren Frau, war es in dieser Funktion nicht mehr konsensfähig und es wanderte in ein Kelleregal.

Das Radiomodell:

Als ich es übernahm, war es durch täglichen Gebrauch prima eingefahren. Es spielte mit unbändiger Kraft, einem voluminösen, warmen Ton und meine Ohren waren immer wieder beeindruckt, wenn ich es einschaltete.

Für viele jüngere Leute muss das die Faszination der alten Röhrentechnik ausmachen. Moderne Transistorradios mögen ausgewogener und präziser sein, aber diesen typischen wohligen Röhrenklang können nur die Spitzenprodukte der Ingenieurskunst aus den späten 50er und 60er Jahre bieten.

Um es heute, nach so langer Standzeit, noch einmal sicher in Betrieb zu nehmen, wäre wohl eine Überholung notwendig. Da es nie auf dem Speicher oder in einem feuchten Schuppen lagern musste, ist auch das Gehäuse in einem wunderbaren Originalzustand, der nur einmal kurz aufpoliert werden musste.

Wir haben hier also noch einmal ein Grundig-Radio aus dem Jahre 1953. Angeboten wurde es bis ins Jahr 1955 hinein. Es hatte einen unmittelbaren Bruder, den 4035W 3D. Den gab es, allerdings erst ab 1954, mit dem dann gerade vorgestellten und als Sensation gefeierten „3D-Raumklang“ (link 3045W 3D). Das bedeutete, dass nun jeweils ein seitlicher Zusatzlautsprecher eine klangliche Luftigkeit ins Wohnzimmer zauberte, die alle Konkurrenzprodukte blass aussehen lassen sollte.

Das „3D“-Modell kostete 1954 435,- DM und das hier beschriebene Gerät mit nur zwei Lautsprechern kostete 1953 die Summe von 398,- DM, war also 37,- DM billiger. Dennoch war der Kaufpreis 1953 durchaus ein beachtlicher Betrag.

Dieses Modell gab es sogar noch in einer dritten Ausführung als 4035W 3D 55. Der Unterschieb bestand in einer anderen Endröhre. Es hatte noch die alte, aber sehr wirkungsvolle EL12 eingebaut. Alle anderen Modelle dieser Reihe besitzen die modernere EL84.

Wir entdecken noch eine weitere Besonderheit. Das hier vorgestellte Gerät, also das mit der EL84 im Niederfrequenzteil, hatte die Möglichkeit, Fernsehton zu empfangen. Und das zu einer Zeit, als das Fernsehen in Westdeutschland gerade erst das Laufen lernte. Hier war es also schon technisch möglich, den Fernsehton eindrucksvoll über ein klangstarkes Radio einzuspielen.

Vorausgesetzt man hatte schon einen Fernseher und, zweite Voraussetzung, man hatte den TV-Tonteil tatsächlich ins Radio einbauen lassen. Denn das gab es noch nicht serienmäßig. Heute würde man sagen „TV-Ready“, was so viel besagt wie: „leider ohne Weiteres noch nicht möglich“.

Auf der Rückseite hinten links sieht man schön die beiden Anschlussmöglichkeiten „Fernseh-Antenne“ und „Fernseh-Kanal“. Wie man auch sehen kann, hatte der Käufer dieses Exemplars auf den Einbau des zusätzlichen Fernsehmoduls verzichtet.

Um es noch unübersichtlicher zu machen: selbst das „normale“ 4034W gab es mit zwei verschiedenen Röhrenbestückungen, bei denen eine nur im Jahre 1954 angeboten wurde. Dieses hier ist das in der bis 1955 angebotenen Ausführung mit der Röhrenfolge EF85, EC92, ECH81, EAF42, EM34, EABC80 und mit der bereits erwähnten EL84.

Vor uns steht zweifellos ein Oberklassenmodell des Marktführers. 10 AM und 11 FM-Kreise sorgen für einen exzellenten Empfang.

Natürlich sind alle Wellenbereiche empfangbar und einen zweiten Lautsprecher sowie ein Phonogerät konnten durch hintere Anschlüsse zusätzlich angekoppelt werden.

Das Gehäuse hat das übliche Grundig-Design. Nur eben wuchtiger, in 62 cm breiter Ausführung. Aber auch dieses eindrucksvolle Gerät war noch nicht die Spitze der Grundig-Angebotspalette. Es war lediglich das zweitgrößte Radio im Angebot. Der Spitzenreiter war das 5050W mit fünf Lautsprechern. Es hatte den TV-Tonteil bereits ab Werk eingebaut. Zu haben für umwerfende 695,- DM, mit 12 Röhren und einer Breite von 72 cm. Die „3D“-Ausführung dieses Spitzen-Modell gab es meines Wissens auch erst ab 1954.

Über die Sendeskalen der Grundig-Reihe aus dieses Zeit habe ich bei den anderen Grundig-Radios schon einiges berichtet. Hier wurde das runde Fenster für das „Magische Auge“ rechts und das runde Fenster für die Ferrit-Antenne links schön symmetrisch angeordnet.

Wenn wir uns einmal unten die UKW-Taste anschauen, stellen wir folgende Beschriftung fest: „UKW/FST“. „FST“ ist der erwähnte Fernsehton. Den konnte man dann hören, wenn, wie erwähnt, der solvente Käufer auch noch in das TV-Zusatzmodul investiert hatte. Ich denke, bei den meisten Geräten dieses Typs dürfte es nicht bestellt worden sein. Und so fehlt es auch bei diesem.

Das Gerät in seiner Zeit: 

Grundig zeigte auch mit diesem Modell einmal mehr, was technisch in der Radioingenieurskunst der jungen Bundesrepublik Deutschland möglich war. Das wurde auch im Ausland inzwischen wahrgenommen. Grundig expandierte immer weiter. Auch dieses Modell wurde bis in die USA exportiert, mit entsprechenden technisch notwendigen Anpassungen.

Die Bundesrepublik Deutschland war auf dem Weg Exportweltmeister für Radioempfänger zu werden. In dieser Zeit konnte der wirtschaftliche Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland besonders deutlich wahrgenommen werden. Während im Westen die Wirtschaft aufblühte und alle Bundesbürger vom Aufschwung profitierten, gab es im Osten, der durch die Besatzer und umfangreiche Demontagen einen ungleich schwereren Start in die Nachkriegszeit hatte, weiterhin Materialprobleme, staatlich Eingriffe, strenge Reglementierungen, begrenzte technische Weiterentwicklung und das Problem der anwachsenden Fachkräfteabwanderung durch Flucht in den Westen. Das spiegelt sich anschaulich im Vergleich der Empfänger aus beiden Teilen Deutschlands aus dieser Epoche wieder.

Die Firma Grundig schrieb eine beispielslose Erfolgsstory in die Wirtschaftsgeschichte Westdeutschlands. Schon bei der Vorstellung dieses Modells war sie zum größten Radiohersteller in Europa aufgestiegen. Neben Phonogeräten und Musikschränken fertigte Grundig nun auch Tonbandgeräte. Mit gleichem Erfolg.

Schon zwei Jahre nach der Vorstellung dieses Radios, also 1955, war Grundig der größte Hersteller von Tonbandmaschinen. Und das nicht nur in Europa, sondern gleich weltweit. Grundig wurde zu einem „Global-Player“. Der Weltkonzern unterhielt zu seiner besten Zeit 21 Fabrikationsstätten, war mit Vertriebsorganisationen auf allen Kontinenten der Erde vertreten und beschäftigte Ende er 70er Jahre knapp 40.000 Mitarbeiter. Die jährlichen Umsätze lagen im Bereich von mehr als drei Milliarden DM.

Aber alles hat ein Ende. Grundig gibt es als Namen weiterhin und man kann auch jetzt noch „Grundig“-Radios kaufen. Das hat aber mit der ursprünglichen Firma des Max Grundig nicht mehr viel zu tun.

Nach erheblichen Verlusten, sicher auch durch fernöstliche Konkurrenz, musste, wie so viele deutsche Elektrokonzerne, auch Grundig Insolvenz anmelden. Das geschah 2003.

Nach verschiedenen Rettungsversuchen übernahm Ende 2007 die türkische Firma Beko Elektronik Teile von Grundig. Eigentümer im Heimelektronikbereich ist jetzt die Beko Germany GmbH. Der gut eingeführte und immer noch weltweit bekannte Name „Grundig“ findet dabei weiterhin Verwendung.