Loewe Opta 539 W

1938

Seriennummer: 21086

Vorbemerkung:

Manchmal verblüfft es mich, was auch in jüngerer Zeit auf den kleinen Dörfern im Rheinland noch so alles entdeckt werden kann. Jedenfalls stolperte ich in einer Kleinanzeige über dieses Angebot. „Nur an Selbstabholer“ in einem winzigen Ort in der Nähe von Erftstadt. Ich fuhr also spontan hin und schaute mir den Dachbodenfund an.

Der vielzitierte „Dachbodenfund“ war in diesem Falle wirklich einer. Ein freundlicher Enkel hatte das Haus seiner Großeltern übernommen und nun stand eine Vergrößerung der Wohnfläche an. Der Dachboden sollte wohnfähig ausgebaut werden. Also machte man eine Expedition in den geheimnisvollen Speicher zur ersten Begehung der geplanten Dachbodensanierung. Dabei kamen allerlei seltsame Sachen aus längst vergangenen Epochen ans Tageslicht. Mit dabei war dieses Loewe-Opta-Radio, das 1938 erstmals als Angebot im Radiogeschäft stand.

Hier handelte es sich also tatsächlich um ein Familien-Ersthand-Gerät, das noch keinen Flohmarkt oder Zwischenhändler gesehen hatte. Viele Jahrzehntelang, vielleicht sogar 70 Jahre, schlief es ungestört und vergessen in der dunklen Dachbodenecke im Hause der Großeltern.

Für den Preis von 40 EUR wurden wir uns schnell handelseinig. „Besser als es wegzuwerfen“, freute sich der junge Mann. Dem konnte ich nur zustimmen.

Das Radiomodell:

Die vielen Jahrzehnte auf dem Dachboden kann das Gehäuse nicht völlig verheimlichen. Das Holz war stumpf, der Lack an einigen Stellen etwas abgeblättert und oben waren auch die Wasserränder der unvermeidlichen Blumenvasen zu erkennen.

Das Radio in seinem Eingangszustand

Aber das Holz war nicht unrettbar vergammelt. Eine Grundreinigung später und eine zusätzliche intensive Holzauffrischung brachten den kaum für möglich gehaltenen Glanz der Vorkriegsjahre wieder zum Vorschein.

Die oft bemühte „Friedensqualität“ blitzt wieder auf. Trotz der langen Zeit in der Diaspora und trotz der bekannten Widrigkeiten eines zugigen Dachbodens, wirkt dieses Gerät immer noch so solide wie ein Geldtresor. Nichts war aus dem Leim gegangen, das Furnier schmeichelt dem Betrachter wieder mit seidigem Glanz. Alle Schalter rasten mit einem satten Klicken ein.

Der linke vordere Drehregler ist der Klangwähler. Mit dem rechten schaltet man das Radio ein und regelte die Lautstärke. Der Mittlere Knopf dient zur Senderwahl.

Auf der rechten Seite zeigt sich noch ein Schalter. Eine Anordnung, ganz im Gestaltungsstil der 30ger Jahre.

Rechts an der Seite wählt der Hörer den Wellenbereich, der über einen Seilzug vorne an einem Fenster der Skalenscheibe angezeigt wird. Hier kann man auch auf einen Tonabnehmer umschalten.

Wir können jetzt auch wieder die Bezeichnung 539 W aufdröseln. Wegen der 53 am Anfang könnte man meinen, es sei vielleicht ein Gerät aus dem Modeljahr 1953. So ist es aber nicht. Die „5“ bezeichnet in der Nomenklatura der alten Loewe-Geräte den „Rang“ innerhalb des Radioangebots. Daraus ist zu ersehen, dass es als „Fünfer“ eher in der unteren Klasse der Loewe-Welt anzusiedeln ist.

Es gab die Einser- Fünfer-, Siebener- und Achterreihe, jeweils als Wechselstromer („W“) oder als Allstromer („GW“).

Die „39“ im Anschluss an die erste Ziffer bezeichnet das Modelljahr. Wie auch in der Autobranche heutzutage wurde hier das noch kommende zukünftige Jahr gewählt. Die Markteinführung war allerdings schon 1938. Auch hier wollte man bei der Vermarktung bereits die zukunftsweisende Modellpolitik des nächsten Jahres demonstrieren.

Das Gerät selber reiht sich ein in eine wunderbare Designphase der Radiofirma Loewe, die in dieser Epoche legendäre Modelle auf dem Markt brachte. Dieser Zeitabschnitt war formgestalterisch vielleicht der kreativste in der langen Firmengeschichte.

Es gab asymmetrische Geräte mit einer abgerundeten Seitenwand im „Schlittschuh“-Gewandt, wie es einige Sammler nennen. Es gab Schatullen mit Schiebetürchen, die man öffnen konnte um an die Regler zu gelangen, und die in geschlossenem Zustand den Eindruck einer edlen Möbelantiquität machten. Andere hatten ein Art-Deco-Design.

Die nächsthöhere „6er-Reihe“ wäre mit ihrem klaren eckigen Styling und den verchromten Reglern auch in den 70er Jahren, also etwa 35 Jahre weiter in der Zukunft, immer noch als hochmodern empfunden worden.

In diesem Reigen von mutigen Ideen nahm das hier besprochene Radio jedoch eher die Rolle des konservativen Gentlemans ein. In den günstigeren Preisklassen (Verkaufspreis: 191,00 Reichsmark) wollte man mit dem Geschmack der Kunden offenbar nicht herumexperimentieren und blieb lieber beim Bewährten.

Dennoch gibt es auch hier einige Besonderheiten, die von einigen Betrachtern als zwiespältig bewertet werden.

Dazu zählt die kleine, schachtartige Skalenscheibe. Und auch die beiden äußeren Drehknöpfe, die an Lichtschalter oder an elektrische Küchenmaschinen erinnern, laden zu kontroversen Diskussionen ein.

Dazu ist die Gesamtform des Radios mit einer Höhe von nur 29 cm ungewöhnlich flach, nicht sehr tief und die gesamte Front erstreckt sich leicht keilförmig schräg nach vorne gelehnt. Also gibt es auch bei diesem Modell ein paar ungewöhnliche Details.

Beim näheren Hinsehen entdeckt man noch weitere liebevolle Gestaltungsmerkmale. Erst auf den zweiten Blick findet man die kleinen, kaum sichtbaren glänzenden Metall-Streifen rechts und links zwischen Holzgehäuse und Lautsprecherbespannung. Auch die abgerundeten Holzleisten, mit denen die Frontgestaltung nach oben und unten optisch abgeschlossen wird, erscheinen wertig und keinesfalls einfallslos oder gar billig.

In technischer Hinsicht begeben wir uns in historische Gefilde.

Wir haben hier eine A-Röhrenbestückung. Oszillator- und Mischröhre ist eine ACH1. Als Kombination aus Endröhre, Demodulator und Bereitsteller der Regelspannung arbeitet die ABL 1. Als Gleichrichterröhre fungiert die dicke AZ 1. Interessant ist auch die Anordnung des Lade- und Sieb-Elektrolytkondensators, die beide übereinander platziert wurden.

Die Röhren haben noch „Hüte“ auf. Ganz rechts: die dicke Gleichrichterröhre AZ1

Im Laufe der Bauzeit gab es eine technische Änderung. Hier sind zwei unterschiedliche Schaltpläne unterwegs. Der erste Plan gilt nur bis zur Seriennummer 12500. Bei dem hier besprochenen Gerät sind wir schon bei 21086. Also gilt hier die zweite Planausfertigung.

Wie Loewe die Chassis nummeriert hat, weiß ich leider nicht. Wurde wirklich bei „1“ begonnen? Also bei „00001“? Über 21.000 Geräte von diesem Typ erscheinen etwas viel. Die hohe Ziffer im Vergleich zur Seriennummer der Planänderung zeigt aber auch, dass dieses Modell schon eine Weile in Verkauf gewesen sein muss. Mein Exemplar könnte also auch im Jahre 1939 gefertigt worden sein.

Vase von ES-Keramik, Rheinbach; Künstler: Hans Kraemer

Das Gerät in seiner Zeit:

Und schon sind wir wieder in den letzten Monaten vor der bevorstehenden Apokalypse. War es der Bevölkerung bewusst, was bald auf sie und die Welt zukommen würde?

1938 hofften viele Menschen auf eine friedliche Lösung der komplexen politischen Lage in Europa. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland am 13. März 1938 und nach Abtretung des Sudetenlands an Deutschland im Rahmen des internationalen Münchener Abkommens am 29. September 1938, sprach der Britische Premierminister Chamberlain in der Deutsch-Englischen Erklärung von „Peace for our time“.

Am 06. Dezember 1938 folgte dann noch eine Deutsch-Französische Nichtangriffserklärung. Es bestand also durchaus Hoffnung auf eine Beilegung der schwelenden Konflikte und auf eine friedliche Zukunft.

Es gab aber auch gegenteilige Signale. Innenpolitisch zeigten das Regime und seine Anhänger ihre Unerbittlichkeit mit den extremen Ausschreitungen gegen die jüdischen Teile der Bevölkerung in der Progromnacht am 09. November 1938.

1939.

Der „Führer“ hatte am 31. August 1939 als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht in einer Weisung, die als „geheime Kommandosache“ eingestuft war, unter Ziffer 1 folgendes an seine Offiziere bekannt gegeben:

„Nachdem alle politischen Möglichkeiten erschöpft sind, um auf friedlichem Wege eine für Deutschland unerträgliche Lage an seiner Ostgrenze zu beseitigen, habe ich mich zur gewaltsamen Lösung entschlossen.“ (H.A. Jacobsen in: „Der zweite Weltkrieg in Chronik und Dokumenten“)

Am 31. August um 12:40h erfolgte die Weisung zum Angriff auf Polen. Dieser begann, wie bekannt, am 01. September 1939 um 4:45h unter dem Vorwand, dass angeblich der Sender Gleiwitz von polnischen Soldaten überfallen worden sei.

Im August 1939 war das hier beschriebene Radiogerät sehr wahrscheinlich bereits gefertigt und verkauft. Die neuen Eigentümer in dem kleinen rheinländischen Dorf hörten vielleicht die Stimme des deutschen Führers in diesem Empfänger.

Nicht nur er, ein großer Teil der deutschen Bevölkerung hatte die berühmt gewordene Reichstagsrede in ihren Radios verfolgt. Sie wurde am 01. September 1939 um 10 Uhr 10 durch Übertragung im Radio nicht nur der deutschen Bevölkerung bekannt gemacht, sondern in Übersetzungen gleich auch noch der gesamten Weltöffentlichkeit.

Der bekannte Satz: „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!“ fiel in dieser Rede. Sie wurde vom gleichgeschalteten Großdeutschen Rundfunk und über Lautsprecher in die breite Öffentlichkeit getragen. Der Angriff erfolgte jedoch eine Stunde zuvor um 4 Uhr 45. Der Zweite Weltkrieg nahm seinen blutigen Anfang.

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