Murphy TB 221

1952

Seriennummer: 191284

Vorbemerkung:

„Aus meinem Portugal-Urlaub habe ich Dir was Schönes mitgebracht.“, flüsterte mir eine Freundin Anfang der 90ger Jahre ins Ohr.

Mit geheimnisvollem Lächeln verschwand sie im Nebenraum um das Mitbringsel zu holen.

Mit Souvenirs hatte ich so meine Erfahrungen gesammelt. Es gab da so allerhand Geschmackloses, was sich als Gruß aus der Ferne hervorragend eignete. Einen Plastik-Eifelturm, innen beleuchtet, aus Paris zum Beispiel. Eine mit der beweglichen Hand winkende Queen aus London. Aber was war typisch für Portugal? Eine Plastikfigur von Ronaldo? Eher nicht. Der kickte zu dieser Zeit noch auf dem Schulhof seiner Grundschule.

Dann kam sie zurück und überreichte mir dieses Murphy-Radio mit den Worten: „ich weiß ja, dass du Radios magst. Ich fand es auf einem Flohmarkt in Portugal.“

Zugegeben: ich war wirklich verblüfft.

Wenn man sich heute fragt, wie man ein altes Röhrenradio im Flugzeug transportieren kann, ohne als Terrorist verhaftet zu werden, dem sei gesagt, dass Fliegen früher einmal verhältnismäßig unkompliziert war. Zu dieser Zeit standen die Twin-Towers in New York noch unerschütterlich an ihrer Stelle in Manhattan. Man nahm sein Flugticket nach einer Ausweiskontrolle und stieg in den Flieger. Das Radio ließ sich anstandslos im Gepäckfach über den Sitzen verstauen und los ging es Richtung Heimat.

Das Radiomodell:

Eigentlich passt dieses Modell überhaupt nicht in meine kleine Kollektion von Röhrenradios.

Aus mindestens drei Gründen.

Einmal, weil es ein Kunststoff-Gehäuse hat, weil jeglicher Deutschland-Bezug fehlt und weil es ein reiner Batterie-Empfänger ist.

Er wurde also als Alternative zu Wechsel- oder Allstromgeräten gebaut und läuft unabhängig von einer Versorgung durch eine elektrische Strominstallation, alleine mit Batterien. Interessant, falls man völlige Unabhängigkeit von Stromnetzen benötigte.

Seiner Gestaltung nach zu urteilen, ist es aber kein mobiles Radio für den Außenbereich. Eher für einen Haushalt mit keinen oder nur sehr wenigen Steckdosen.

Ein echter Exot, von dem ich mich aber nicht trennen konnte. Wer die äußere Gestaltung sieht, versteht vielleicht warum. Es ist ein so ungewöhnliches Designerstück, das ich einfach als Kunstwerk behalten musste.

Und dabei ist es ein extrem seltenes Stück. Beim großen Online-Radiomuseum, wo praktisch unzählige Radiomodelle gelistet sind, habe ich es als neues, noch unbekanntes Gerät registriert und mit Fotos dokumentiert.

Wie kommt also ein englisches Radio nach Portugal? Vermutlich war es ein Exportmodell. Da Portugal und Großbritannien gute Handelbeziehungen unterhielten, ist das durchaus denkbar. Den anschließenden Weg nach Deutschland habe ich oben bereits geschildert.

Es ist also ein Modell der Marke Murphy. Sehr viel, außer meinen eigenen Bildern ist nicht zu ermitteln. Die KI-Recherche besagt, dass es ein Exportgerät war, das insbesondere nach Malaysia und Singapur verschifft wurde. Damit wird zumindest die Vermutung bestätigt, dass es sich um ein reines Exportmodell handelt.

Im Prospekt zu diesem Radio wurde es von Murphy als „Oversea-Edition“ beworben. Nach hier vorliegenden Informationen, soll es bis ins Jahr 1954 angeboten worden sein.

Welches Geheimnis verbirgt sich unter der Modellbezeichnung „TB 221“?

Die Ziffer 221 dürfte immer ein Geheimnis bleiben. Nach meiner Auffassung ist es lediglich eine Art fortlaufende Nummer, die alle Murphy-Radios aus dieser Zeit tragen. Aber hier kann ich mich auch irren.

„TB“ ist da schon eindeutiger. Das „T“ steht für „tropicalized“. Damit soll vermittelt werden, dass der technische Aufbau so gestaltet wurde, dass der auch für tropische Verhältnisse tauglich ist. Das „B“ steht für die Betriebsart, also für „Batteriebetrieb“.

Für den Anschluss der Batterien finden wir hinten vier Kabel mit den Farben Rot, Gelb, Braun und Schwarz.

Die Rückwand gibt weiteren Aufschluss, denn dort sind die vorgesehenen Spannungen verzeichnet: Rot = +90V, Gelb = -90V, Braun = +1,5V, Schwarz= -1,5V.

Wir finden im Inneren vier Röhren:

eine „MAZDA“ IC2, eingebaut wie alle anderen Röhren mit einem Miniatur-7-Stift-Sockel.

Die Pentode 1F3 (kompletter Name: IF3 1T4), ebenfalls mit der Aufschrift „MAZDA“ (nein, nicht die japanische Automarke, sondern der britischer Röhrenhersteller Mazda Ediswan).

Als Endstufenröhre haben wir die 1P11, ebenfalls von „MAZDA“.

Schließlich die Diode/Pentode DAF91 von „VALVO“. Auch mit „DAF“ ist nicht die niederländische Fahrzeugmarke gemeint, sehr wohl ist sie aber eine niederländische Entwicklung der Firma Philips Eindhoven.

Und jetzt die Besonderheit:

Während die „MAZDA IP11 und MAZDA 1F3 wenig überraschend die Aufschrift „Made in England“ tragen, steht auf der MAZDA“ IC2 „Made in Germany“.

Die besagte IC2 wird manchmal auch als 1C2 bezeichnet und wird üblicherweise in Batterieempfänger verbaut. Es ist eine Heptode (Frequenzmischer / Oszillator-Modulator) und wird vermutlich über das 1,5 V Kabel direkt aus der Batterie geheizt.

Aber warum steht auf der britischen „MAZDA“-Röhre „Made in Germany“? Gab es auf deutschem Boden ein britisches Röhrenwerk? War es eine Reparationsleistung von Deutschland an England nach dem Zweiten Weltkrieg? Immerhin wurde diese Röhre bereits Ende der 30ger Jahre erstmals verwendet.

Bekannt ist, dass es eine „MAZDA“-Produktion in England und Frankreich gab. Aber eine Herstellung in „Germany“ ist mir nicht bekannt. Dieses Rätsel konnte ich noch nicht lösen.

Die Bedienung an der Front ist auf drei Rundknöpfe verteilt und übersichtlich gestaltet.

Links ist der Drehschalter zum Anschalten und für die Lautstärke, in der Mitte befindet sich der Einstellknopf für die Senderwahl und rechts kann man die drei Wellenbereiche einstellen.

Dieser Schalter gibt auch gleich Auskunft über die Empfangsmöglichkeiten, nämlich zweimal Kurze Welle und ein einmal Mittelwelle.

Auf der transparenten Skala sind – anders als bei deutschen Geräten – keine Ortsnamen der Sendestationen verzeichnet, sondern lediglich die Frequenzen. Die Aufzählung von Sendernamen wäre für ein Übersee-Exportmodell auch ziemlich sinnlos gewesen.

Wunderbar ist die ungewöhnliche Formgestaltung. Ich würde sie als zeitlos beschreiben. Eine technische Skulptur, die eine Raumatmosphäre prägen kann. Für mich wäre es schwer, aus dem Muster der Gestaltung eine bestimmte zeitliche Epoche abzuleiten. Auf das Jahr 1952 würde ich eher nicht kommen.

Es ist definitiv eine komplett andere Ausdruckform, als dies in Deutschland in dieser Zeit en Vogue war. Auch hier zeigt sich wieder die deutlich größere gestalterische Phantasie ausländischer Radios. Das trifft auch auf die Niederlande und auf Frankreich zu, wobei französische Modelle oft opulent und manchmal ein wenig barock erscheinen mögen. Allen gemeinsam ist aber die sehr individuelle Gestaltung, die in Deutschland ab Mitte der 50ger Jahre komplett abhanden kam. 

Das Gerät in seiner Zeit:

Die Firma Murphy gehört zu den Pionieren der Rundfunktechnik und wurde bereits 1929 von Frank Murphy und E.J. Power in Großbritannien gegründet. Es gab ein Produktionswerk im englischen Welwyn Garden City, einem Ort knapp 35 km nördlich von London. Später kam in der irischen Hauptstadt Dublin noch ein weiterer Produktionsstandort hinzu. Das hier vorgestellte Modell wurde ausweislich der Information auf der Rückwand in der englischen Fabrik hergestellt.

Während des Zweiten Weltkriegs spielte die Firma eine große Rolle bei der Herstellung von militärischen Empfangsgeräten. Später kam noch eine bedeutende Fernsehproduktion hinzu.

In den 50er Jahren war das englische koloniale Imperium zwar schon langsam in der Auflösung begriffen, aber es gab immer noch intensive kulturelle und wirtschaftliche Verbindungen zu vielen dieser Orte in der Welt. Insbesondere nach Indien.

Zwar wurde Indien bereits 1947 von Großbritannien unabhängig. Die Handelbeziehungen zwischen beiden Staaten, wie auch zu anderen ehemaligen Kolonien blieben jedoch auch weiterhin stark. Kein Wunder also, dass die britische Radioindustrie auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs fortgesetzt Modelle speziell für tropische Regionen herstellte und auch zahlreich exportierte.

Wie so viele Industriebranchen in England, ereilte auch Murphy das Schicksal der ungünstigen Marktveränderungen, dem auch die deutsche Radioindustrie mangels Anpassung zum Opfer fiel. Ein erster Rettungsversuch erfolgte 1962, als es einen Zusammenschluss mit „Bush Radio“ gab. Die Marke Murphy erlosch später.

Derzeit soll man immer noch Murphy-Geräte in Indien kaufen können, allerdings nur noch als Namens-Label der Shirodkar Group of Companies, mit ihrem Hauptsitz in Mumbai.

Zurück zur Liste der Radios