Philips Sonate BDK503A

1960

Seriennummer: 1414

Vorbemerkung:

In den 2010er Jahren war ich unvorsichtiger Weise wieder beim großen Berliner Flohmarkt an der Straße des 17. Juni. Nachdem ich dort neugierig meine Runden gedreht hatte, räumten die ersten Händler schon wieder ihre nicht verkauften Sachen in die Transporter.

Ein arabischer Antiquitätenhändler wurde auf mich aufmerksam. Offenbar hatte ich zu lange auf ein Radio gestarrt, dass mich wegen seiner Gestaltung in seinen Bann zog. Er kam auf mich zu und rief mir unaufgefordert einen Preis entgegen.

„20 Euro! Nimm mit!“

Klar, er wollte es auf den letzten Drücker noch schnell loswerden.

Jetzt war ich alarmiert, denn so ein Philips-Radio hatte ich noch nie gesehen. Das Modell konnte ich überhaupt nicht einordnen. Auch das Herstellungsjahr war für mich auf den ersten Blick nicht zu ermitteln. Es hatte keine Tasten, war aber von der Gestaltung her schon viel weiter als frühe 50er-Modelle. Außerdem hatte es kein rundes „magisches Auge“ mehr als Feldstärkenanzeige, sondern schon eine Balkenanzeige, wie bei frühen 60er Modellen üblich.

Die 10 Euro, die der Händler („is letzte Preis!“) zuletzt verlangte, waren es mir wert, einen näheren Blick auf dieses unkonventionelle Gerät zu werfen. Und das können wir nachfolgend gerne auch zusammen machen.

Das Radiomodell:

Das ungewöhnliche bei diesem Philips-Radio ist neben seiner Gehäusegestaltung, definitiv seine Seltenheit.

Damals hatte ich überhaupt nichts darüber recherchieren können. In dem bekannten Radiomuseum im Internet wurde es von mir als neues Gerät für die riesige Liste der Radiomodelle als neuer Eintrag vorgeschlagen und fast alle Fotos dort wurden von mir beigesteuert.

Heute gestaltet sich die Recherche zu diesem Modell etwas einfacher. Allerdings bleibt es dabei: dies hier ist und bleibt eine echte Rarität!

Gehen wir also wieder systematisch vor. Der Namen verrät uns schon so einiges über Lebenslauf und Herkunft.

Es heißt „Sonate“. Philips hatte seinen Modellen der Mittel- und auch einigen der gehobenen Klasse gerne Planetennamen gegeben. Die Modelle mit der Bezeichnung „Sonate“ waren traditionell die gehobenen Modelle. Hiermit haben wir es also hier zu tun.

Woher aber stammt es? Philips war ein schwer zu durchschauender, riesiger Internationaler Konzern, der in vielen europäischen Ländern seine Produkte herstellte. Er hatte dabei eine ganz eigene Systematik, die Radios zu bezeichnen. Hinter dem Namen „Sonate“ folgt noch eine Ziffern- und Buchstabenkombination. Was zunächst verwirrend erscheint, verrät uns bei näherer Kenntnis des Kryptoschlüssels weitere Geheimnisse. „BDK503A“. Versuchen wir es:

Beginnend mit dem Buchstaben „B“ verrät es, dass wir es mit einem Radio für die Vitrine zu tun haben. Im Gegensatz dazu wurden Musiktruhen oder Autoradios mit anderen Buchstaben versehen.

Dann folgt das Land der Produktion. Hier hat sich Philips an den gängigen Ländercodes orientiert. In unserem Falle ist es „DK“, also Dänemark. Das hilft schon einmal sehr viel weiter. Dieses Radio ist also ein dänisches Modell. Es wurde im Philips-Werk in Kopenhagen gefertigt. Übrigens auch schon sichtbar an der Sprache der Beschriftung.

Es folgt die Ziffer „5“. Philips hat seine Geräte in einer Skala von 1 bis 9 eingeteilt. Mit „1“ wurden die Einsteigermodelle bezeichnet, „9“ war das absolut obere Ende der Nomenklatura. Hier haben wir eine „5“. Also ein Gerät der gehobenen Mittelklasse, wie auch der Zusatzname „Sonate“ unterstreicht.

Die zweite Zahl „0“ zeigt das Modelljahr an. Hier steht die Null für das Jahr „1960“.

Mit der letzten Ziffer wird die Ausstattungsvariante beschrieben. Viele Modelle kamen mit unterschiedlichen Gehäuse- und auch Schaltvarianten auf dem Markt. Da wir es hier mit einer hochwertigen Teakholzvariante zu tun haben, dürfte dies entsprechend unter der Ziffer „3“ vermerkt worden sein.

Der letzte Buchstabe „A“ bezeichnet das Arbeitsprinzip. In diesem Falle: unsere Sonate ist ein Wechselstromgerät (Alternating Current / AC).

Philips war immer schon ein international handelnder Konzern und in vielen europäischen Ländern vertreten. So auch in Dänemark. Als dieses Philips Radio zum ersten Mal angeboten wurde, gab es Philips in Dänemark bereits seit 33 Jahren. Schon 1927 gründete das niederländische Mutterhaus eine Zweigstelle in Dänemark mit dem Namen „Philips Danmark A/S“.

Später wurden dann auch Modelle speziell für den dänischen und skandinavischen Markt entwickelt. Die Fülle der verschiedenen Philips Radios ist kaum zu überblicken.

Jetzt sind wir aber schon um einiges schlauer.

Es wird Zeit, das hier beschriebene Radio näher unter die Lupe zu nehmen.

Es gehört zu denjenigen Modellen, die für den skandinavischen Radiomarkt hergestellt wurden. Einige Quellen sprechen hier vom typischen „skandinavischen Design“.

Ich finde, es ist ein wunderbares Beispiel für den Übergang von den barocken Gestaltungsmerkmalen der 50er Jahre-Radios, mit ihren schweren, dunklen Holzgehäusen, den plüschigen Schallwandstoffen und den Messing-Zierelementen, hin zu einer leichteren und deutlich sachlicheren Erscheinungsform.

Das vielbemühte „skandinavische Design“ wurde aus meiner Sicht hier aber noch nicht ganz erreicht. Das konnten andere Geräte der frühen 60er Jahre noch deutlicher ausdrücken. Erkennbar am hellerem Holz, an filigraneren Applikationen und sachlicher Zurückhaltung. Sehr schön festzustellen bei der Gestaltung des SABA Freudenstadt von 1963 (Bescheibung kommt später).

Kennzeichnend ist dabei eine fast schon schwebende Leichtigkeit. Hochgesetzt auf kleine Füßchen, dünne gerade Holzflächen und ganz später der Tausch der letzten Stoffe vor der Schallwand gegen dünne Holzstäbchen. Wega 302/502 (Beschreibung kommt später) ist ein sehr frühes Exemplar dieser neuen Gestaltungsrichtung.

Die hier gezeigte Sonate hier liegt nach meiner Meinung ziemlich genau in der Mitte dieses Transformprozesses. Die unaufgeregte Gestaltung, das Weglassen der Stoffbespannung und die sachliche Formensprache, bis hin zum Firmenschriftzug, zeigt bereits die eingeschlagene neue Richtung an. Das dunkle Teakholz, Messingteile und das insgesamt doch massige Gehäuse zeigt aber noch deutlich Elemente aus der konservativen Zeit. Es ist zwar nur etwas über 50 cm breit, wirkt im Raum aber deutlich wuchtiger.

Zweifellos ist es ein weiteres schönes Beispiel für die sehr individuelle Gestaltung der Philips-Radios.

An der Front zeigen sich vier Rundknöpfe, von denen die Inneren größer gestaltet sind als die Äußeren. Die außenliegenden Schalter hatten ursprünglich noch kleine Messingkappen, die sich – wie bei so vielen Radiogeräten – durch nachlassende Kraft des verwendeten Klebers auf und davon machen konnten und anschließend nie wieder gesehen wurden.

Die beiden äußeren Drehknöpfe hatten ursprünglich noch kleine Messingkappen

Die mittleren Schalter haben eine Doppelfunktion. Der äußere Ring lässt sich unabhängig vom inneren Drehschalter bedienen.

Der linke ist aufgeteilt in Bassregelung (innen) und Höhenanpassung (äußerer Ring).

Auf der rechten Seite bedient man mit dem Außenring die innen liegende Ferritantenne und der Wellenschalter liegt in der Mitte.

Der kleine linke Knopf ist der Netzschalter und auf der gegenüber liegenden Seite stellt der Hörer den gewünschten Sender ein.

Erstaunlich ist, dass Philips bei dem Modell tatsächlich komplett auf die bei fast allen Deutschland-Geräten obligatorische vordere Tastenreihe verzichtet hat. Hier wird bewiesen, dass eine komfortable Bedienung mit diesem Layout auch ohne Tasten gut möglich ist.

Die Gestaltung der Bedienung ist sachlich, übersichtlich und hochwertig. Dieses Radio will nicht humorvoll sein, sondern als technisches Hochleistungsprodukt ernst genommen werden. Und das mit seinem eigenen stilvollen Auftritt.

Besteht es diesen Anspruch auch in technischer Hinsicht?

Ich finde schon. Es ist ein Sechsröhren-Gerät mit der bewährten Bestückung ECC85, ECH81, EF89, EBF89, der Leistungsröhre ECL82 und der EM84 als Feldstärkenanzeige. Die Zeit der runden „Magischen Augen“ war zu diesem Zeitpunkt schon vorüber. Nun wurde, wie auch bei diesem Radio, die Feldstärke in Form eines „Magischen Bandes“ durch die EM84 angezeigt.

Dem Typenschild ist zu entnehmen, dass die Leistung bei beachtlichen 60 Watt liegt.

Empfangen werden LW, MW, zwei Kurzwellenbänder, die getrennt angewählt werden können und natürlich UKW.

Eindrucksvoll sind die beiden großen permanent dynamischen Lautsprecher, die nebeneinander angeordnet und in Serie geschaltet sind und ausschließlich nach vorne abstrahlen.

Die besondere Fortschrittlichkeit zeigt sich bei der inneren Verdrahtung. Damit wird bereits hier das Ende der klassischen Röhrenradio-Ära deutlich. Philips verbaute hier bereits 1960 Platinen mit gedruckten Schaltungen bei diesem Modell.

Das Gerät in seiner Zeit:

Nicht nur in Deutschland gab es vor dem Krieg massive Importbeschränkungen für ausländische Produkte, insbesondere für Radios. Auch andere Länder folgten diesem Prinzip. So auch Dänemark. Das war der Grund, dass sich Philips entschloss, ein neues Werk dort im Lande aufzubauen, um sich den lukrativen nördlichen Markt zu erschließen.

Umgesetzt wurde dies bereits 1933 auf der Kopenhagener Insel Amager. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Dennoch ging auch diese Epoche sehr viel später einmal zu Ende. Das hier vorgestellte Modell ist eines der letzten Radios, die Philips in Dänemark fertigte.

Wie viele Exemplare von der Sonate BDK503A gebaut wurden, ist mir leider nicht bekannt. Auffällig ist die sehr keine Seriennummer, die 1414 lautet.

Die genaue Produktionszahl für diese Rarität lässt sich heute nicht mehr sicher ermitteln. Klar ist aber, dass die dänische Produktion für einen speziellen Nischenmarkt in Skandinavien gedacht war. Im Gegensatz zu den in Deutschland hergestellten Philips Radios, die für den gesamten europäischen Raum produziert wurden und das in ganz anderen Zahlendimensionen.

Auch Philips hat seine Seriennummern nicht einfach bei „1“ begonnen, sondern sehr wahrscheinlich bei „1000“ oder „1001“. Das zeigt, dass wir es hier mit dem 414. oder 415. Exemplar zu tun haben. Daraus können wir mit Sicherheit auf das Produktionsjahr 1960 schließen. Ein extrem seltenes Stück aus der dänischen Teakholz-Phase der Firma.

Die dänische Radioproduktion von Philips endete dort Anfang der 60er Jahre zugunsten von Komponenten der Elektrotechnik, die für andere Geräte, wie Messelektronik oder für Fernseher benötigt wurden.

Das endgültige Finale kam Mitte der 90er Jahre, als die komplette Produktion eingestellt wurde. In den Werkshallen werden nun statt Elektroteile Fernsehsendungen produziert.

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