1952
Seriennummer: 56778

Vorbemerkung:
Dieses Radio habe ich, wenn ich mich richtig erinnere bei einem großen Online-Auktionshaus per Direktkauf und Selbstabholung im Osten Berlins erworben. Dort spielte man es mir vor dem Kauf sogar vor. Jedenfalls begleitet durch ordentliches Brummen. Und ein paar Töne kamen ganz verhalten auch noch durch. Der Klang ähnelte mehr einem Volksempfänger aus der Vorkriegszeit. Aber das kann auch an dem insgesamt renovierungsbedürftigen technischen Zustand und schlappen Kondensatoren gelegen haben.

Die besondere Attraktion bei diesem Modell bestand für mich in seiner optischen Gestaltung. Diese Form sprach mich an und sie tut es immer noch. Es hat etwas sehr Nostalgisches. Die Grundform erinnert wirklich ein wenig an einen alten deutschen Kleinempfänger, ist dabei aber doch breiter als hoch. Auch das Zusammenspiel zwischen Pressstoff und Holz gefällt mir ausgesprochen gut. Das Erscheinungsbild halte ich insgesamt für wunderbar gelungen, proportional ausgeglichen und harmonisch. Ein schmuckes Stück Technikgeschichte von einer kaum noch bekannten ostdeutschen Marke, wenn man im sozialistischen Deutschland überhaupt von „Marke“ im westlichen Sinne sprechen kann. Aber dazu später.
Das Radiomodell:
Wie schon erwähnt, ist es technisch ein hoffnungsfroher Fall, da es damals, als ich es kurz nach der Jahrtausendwende erwarb, noch irgendwie spielte. Der Brumm war jedenfalls dominant. Das kann natürlich viele Ursachen haben. Ohne weitere Messungen vorgenommen zu haben, tippe ich auf die Sieb- und Ladeelektrolytkondensatoren im Aluminiumbecher. Diese dürften ihrer Aufgabe nicht mehr entsprechend ihrer vorgesehenen Eigenschaften nachkommen und müssten bei einer Restaurierung für einen sicheren Betrieb ohnehin getauscht werden. Am Gehäuse ist hingegen nichts auszusetzen.

Es ist in einem wunderbaren sammelwürdigen Zustand ohne Kratzer, Dellen oder Ausbrüche und nach Reinigung und Politur erstrahlt es wieder im alten Glanz.
Ein Blick auf Rückwand und ins Gehäuse erzählt uns ein wenig von seinem bisherigen Lebenslauf.

Das „W“ in seinem Namen macht uns schon zu Beginn darauf aufmerksam, dass wir es hier mit einem Wechselstromgerät zu tun haben. Soweit so gut. Aber warum heißt es „462“? Bei den Bezeichnungen der ostdeutschen Modelle habe ich gelernt, dass wir uns die Anzahl der Röhren und der Kreise anschauen sollten. Das führt uns auch hier auf die richtige Spur. 4 Röhren und 6 AM-Kreise. Bei der „2“ am Ende muss ich raten. Ich tippe mal auf das Erscheinungsjahr, „2“ für das zweite Jahr der angebrochenen 50ger Jahre. Also der Markteintritt dieses Modells im Jahre 1952.

Die „Marke“ AT steht mit ihrem hübschen Logo für „Apparatewerke Treptow (AT)“. Auch diese Fertigungsstätte geht auf einen altbekannten Deutschen Elektrobetrieb aus der Vorkriegszeit zurück. Dazu später mehr. Erst interessiert uns die Technik.
Die Rückwand gibt schon die ersten Hinweise, wenn auch etwas diffus. Grundsätzlich sind hinsichtlich der Röhrenbestückung dort noch die alten Vorkriegsstücke der 11er Reihe vermerkt. Also die EBF11, ECL11, ECH11 und AZ11. Beim Gleichrichter AZ11 schleicht sich aber bereits eine kleine Unsicherheit ein. Denn dort steht unter dem Kästchen „AZ11“ in einem weiteren Kästchen „oder Selengleichrichter 100 mA“. Hier dürfte die schwierige Materiallage in der DDR ausschlaggebend für eine gewisse Flexibilität gewesen sein.

Eingebaut bei diesem Gerät ist kein Selengleichrichter, sondern eine dicke Gleichrichterröhre. Allerdings nicht die angekündigte AZ11, sondern überraschender Weise eine AZ12. Beide Gleichrichterröhren sind schaltungstechnisch identisch aufgebaut und entsprechen ihren Vorgängern AZ1 und 2004. Es sind beide direkt geheizte 4 V Röhren, haben aber den damals neuen Sockel der 11er Reihe erhalten.
Es stellt sich die Frage: was ist der Unterschied zwischen AZ11 und AZ12? Vergleichen wir die beiden Elektronenröhren. Die AZ12 wird mit 4 V und 2,2A beheizt und erzielt einen fast doppelt so hohen Strom wie die AZ11, die mit 4V 1,1A beheizt wird. Die AZ 12 ist also für deutlich größere Belastungen gebaut, als sie in diesem einfachen Radio vorkommt. Der Aufdruck auf der Röhre dürfte als „TELAM“ zu lesen sein. Dieser Hersteller stammt aus der Volksrepublik Polen. Seine Produkte wurden gelegentlich auch in den sozialistischen Bruderstaat DDR eingeführt.
Ob die Bestückung des Radios mit der AZ12 nun ab Werk so vorgenommen wurde, oder einfach eine AZ12 statt der vorgesehenen AZ11 aus Mangel an passenden Röhren eingesetzt wurde, entzieht sich leider meiner Kenntnis.
Fest steht, dass bei diesem Radio mindestens eine Änderung des ursprünglich vorgesehenen Röhrensatzes vorgenommen wurde. Diese Änderung dürfte ganz offiziell, wahrscheinlich schon ab Werk, erfolgt sein, denn die Stelle auf der Rückwand, die uns die ECH11 ankündigt, ist professionell mit „ECH81“ überklebt. Und so finden wir die ECH81 auch auf dem entsprechend neuen Sockel an Stelle der alten ECH11. Der einschlägigen Literatur ist zu entnehmen, dass die Variante mit der ECH81 etwas später von AT als „Facelift“ des Models, also im Rahmen einer Weiterentwicklung angeboten wurde. Damit machte der Anbieter einen Sprung in die Moderne. Von der alten Vorkriegsreihe der 11er Serie hin zu den neuen 80ger Röhren. Da dies ein Jahr nach der Markteinführung dieser Modellreihe erfolgte, können wir bei diesem Radio von einem Baujahr ab 1953 ausgehen. Gebaut wurde das 462W sogar noch bis 1954.

Die Rückwand verschweigt aber eine weitere Änderung. Dort, wo hier noch die EBF11 steht, wurde innen die EBF89 eingebaut. Natürlich auch hier mit entsprechender Umsockelung. Ein Herstellername steht nicht auf der Röhre. Das Logo verrät aber, dass sie zwar von RFT, jedoch aus dem Werk Neuhaus stammt. Also ein waschechtes DDR-Produkt. Daher könnte es sich auch hier um eine zeitgenössische Anpassung gehandelt haben.

Die Bedienung des Radios erfolgt praktischerweise ausschließlich von vorne. Die beiden Drehkopf-Einheiten sind rechts und links auf dem Kunststoffteil der Front verteilt. In der Mitte fügt sich unter der Lautsprecherstoff-Bespannung harmonisch die Skalenscheibe ein. Hier ist wieder der für DDR-Geräte typische „Ost-Drall“ bei der Senderkennung zu beobachten. Rostow, Moskau, Leningrad, etc.
Die Stadt Stettin finden wir bereits in der neuen polnischen Schreibweise Szczecin. Die beliebten Soldatensender der Westalliierten werden auch hier wieder stillschweigend ignoriert. Bemerkenswert, dass im Kurzwellenbereich, natürlich neben zwei Mal Moskau, die eher ungewöhnlichen Sender Tel Aviv und Pretoria als Stationen ausgewählt wurden. Und da wären wir auch schon bei den Empfangsmöglichkeiten, die bei diesem Radio etwas eingeschränkt sind. Empfangen werden können lediglich Mittelwelle und Kurzwelle. Da aber fast das gesamte Senderleben zu dieser Zeit der DDR im Mittelwellenbereich spielte, dürfte das für die meisten Hörer völlig ausreichend gewesen sein. Immerhin konnte man über Anschlüsse an der Rückwand einen zweiten Lautsprecher und einen Plattenspieler anschließen. Der Preis war mit 275 Ost-Mark moderat.
Das Gerät in seiner Zeit:
In den frühen 50ger Jahren hatte die DDR die sozialistische Planwirtschaft schon flächendeckend eingeführt. Entsprechend bürokratisch verlief auch der Produktionsprozess. Ständig wechselnde staatliche Vorgaben bei der Fabrikationsplanung machte die wirtschaftliche Entwicklung für die Produktplaner mühsam und schwerfällig. Immer wieder wurden neue Gremien gegründet und Fabriken zusammengelegt oder die Produktionsziele verändert. Und immer wieder wurden Namensänderungen der Produktionsstätten veranlasst, was bei der Sortierung der „Radiomarken“ bei Ostgeräten schnell verwirrend werden kann. In diesem Falle ist es noch einigermaßen übersichtlich verlaufen. Dennoch gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, unter welchem „Markennamen“ wir diesen Hersteller verorten sollen. Ich habe mich für „AT“, also „Apparatewerke Treptow“ entschieden. Dieser Name steht sowohl auf der Rückwand und ist mit seinem grafischen Emblem auch auf der Skalenscheibe verewigt.
Betrachten wir zunächst einmal die Wurzeln des Herstellers. Wir springen dafür wieder in die Zeit vor der sozialistischen Machtübernahme. Hier haben wir es im Ursprung wieder mit einem traditionellen deutschen Rundfunkgerätehersteller zu tun. Wir reden über AEG.
Eine große Produktionsstätte befand sich in eben diesem Berliner Stadtbezirk Treptow. Schon die Nationalsozialisten, griffen zuletzt im Deutschen Reich tief in die Produktionslandschaft ein. Zwar wurden nicht alle Firmeninhaber enteignet, aber die staatlichen Vorgaben der Parteiführung verfügten, was wo produziert werden musste. Das war z.B. bei der Lastwagen- und natürlich der Rüstungsgüterindustrie so. Aber auch in der Radiofertigung. Es gab Einheitsmodelle wie den „Volksempfänger“ (näheres hierzu beim Modell Körting VE 301 Dyn GW) und Lizenzgeräte die von verschiedenen Herstellen produziert werden mussten. So auch in dem großen Werkskomplex in Treptow, wo Geräte verschiedener führender deutscher Firmen unter dem AEG-Label gefertigt wurden. Diese Produktionshallen waren bekannt unter der Bezeichnung „Apparatewerke Treptow – AT“.
Nach Ende des Krieges lag der Berliner Bezirk Treptow im Herrschaftsbereich der Roten Armee, die auch sogleich mit der Demontage aller noch brauchbaren Gerätschaften begann. Dennoch konnte mit den verbliebenen Materialen sogar schon Ende 1945 wieder eine winzige Produktion von recht primitiven Notradios begonnen werden, die dem Deutschen Kleinempfänger aus der Nazi-Zeit ähnelten. Allerdings deutlich einfacher und mit simplen Holzgehäusen. Dieser hatte sogar einen eigenen Namen und hieß offiziell „AT-Kleinempfänger“. Es war ein schlichter Geradeausempfänger.
Dieser neue Start in Eigeninitiative mit engagierten ehemaligen AEG-Beschäftigten wurde schnell wieder eingebremst. Schon im Jahr darauf, also 1946, erließ die Sowjetische Militäradministration (SMAD) den Enteignungsbefehl. Man verzichtete jetzt aus Eigeninteresse auf die Vernichtung des Betriebs und vollzog eine Kehrtwendung. Die Sowjets nahmen sich diese Fabrik selber als Eigentum und verlangten nun von den Beschäftigten eine Radioproduktion als kriegsbedingte Reparationsschuld. Es erfolgte eine Umwandlung in eine sogenannte Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) und damit in alleiniges Eigentum der Besatzer. Nun erhielt die „Firma“ den neuen Namen „Elektro-Apparatewerke J.W.Stalin“ (EAW).
Der Name Stalin wurde auch bei diesem Modell anfangs auf die Rückwände der ersten Radios gedruckt. Diese sind aus historischen Gründen als Zeitdokumente bei Sammlern recht beliebt.
Springen wir in das Jahr nach der Vorstellung dieses hübschen Radios.
Im Moskauer Radio wurde am Morgen des 5. März 1953 Beethovens 7. Sinfonie gespielt, gefolgt von Trauermusik. Dann wurde offiziell, mit brüchiger Stimme, der Tod Stalins verkündet. Einige der Volksgenossen stützte das in tiefe Verzweiflung. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass Stalin sterblich war. Wie viele Menschen bei dem Trauerzug zu seinem Begräbnis in Moskau umkamen, kann wohl kaum noch nachvollzogen werden. Zwischen dem Roschdeswski Boulevard und dem Trubnajaplatz quetschten sich die unüberschaubaren Menschenmassen zu Tode. Die Opferzahl schwankt zwischen einigen hundert und bis zu dreitausend Toten.
Die Benennung des „größten Sowjetführers“ verschwand aber bald wieder aus der Bezeichnung der AT-Radios nach seinem Tod 1953. In angemessener Würdigung seiner Verbrechen wurde er durch seine Nachfolger in Misskredit gebracht und die Kommunistische Partei der Sowjetunion distanzierte sich schließlich auch offiziell von ihm. Die neuen Machthaber im Kreml rechneten bald mit ihm ab. Die Wandlung nach Gottesgleichheit und Personenkult zum größten Missetäter und Verräter kann in ideologisch geprägten Gesellschaften ziemlich schnell passieren. War das der Grund, dass der Name „J.W.Stalin“ bei diesem Gerät, das nachweislich nicht vor 1953 gebaut wurde, schon wieder von der Rückwand verschwand? Die große Abrechnung mit Stalin durch Nikita Chrustschow erfolgte auf dem legendären XX. Parteitag der KPdSU.

Zurück zum Gerät. Die Bezeichnung „AT“ finde ich aus besagten Gründen zutreffender als „EAW“. „EAW“ findet sich nirgends am Modell, auch nicht auf der Rückwand, sodass es aus meiner Sicht als „AT“ gelistet werden sollte. Erst später gab es Modelle, die dann tatsächlich unter dem Label „EAW“ firmierten. Denn mit Ablauf des Jahres 1953 gab die Sowjetunion den Betrieb an die DDR zurück. Nun erhielt das Werk den neuen sozialistischen Namen „VEB Elektroapparatewerke (EAW)“. Von diesem Zeitpunkt an kann man tatsächlich von der Marke „EAW“ sprechen. Das Logo „AT“ ist dann auch verschwunden und auf den Skalenscheiben stehen z.B. beim Modell „Udine“ korrekterweise die drei Buchstaben „EAW“.
1958 war dann Schluss. Die Staatsführung beschloss das Ende der Radiofertigung in diesem Betrieb.
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