Körting VE 301 Dyn GW

1939

Seriennummer: 216322

Vorbemerkung:

Dieses Fragment eines einstigen Volksempfängers war ein Beifang bei der Übernahme eines Bastelkellers in Ostdeutschland kurz nach der Wende. Es sei an dieser Stelle nur der Vollständigkeitshalber erwähnt.

Das Radiomodell:

Der berühmt-berüchtigte Volksempfänger VE 301 wurde von vielen verschiedenen Firmen in großer Serie hergestellt, damit auch ganz sicher alle Deutschen die Ansprachen des Führers und seiner Entourage hören konnten.

Dieses Allstromgerät (daher „GW“ für Gleich- und Wechselstrom) wurde von der Firma Körting produziert und war eine besser ausgestattete Variante des im Volksmund „Goebbels-Schnauze“ genannten Radios. Der Empfänger hatte rechts und links neben der beleuchteten Breitbandskala auf seinem Bakelit-Gehäuse die NS-Hoheitszeichen. Diese wurden nach Ende des Krieges von den Besitzern gerne herausgekratzt oder unkenntlich gemacht. Auf der Skala waren alle deutschen Sender verzeichnet. Das Abhören von Auslandssendern war damit zwar möglich, aber nicht erwünscht und später sogar bei Todesstrafe verboten. Als Sendermarkierung diente ein roter Kreis auf dem Skalenseil.

Der Geradeausempfänger ist ein simpler Einkreiser, mit dem Lange- und Mittelwelle empfangen werden konnte. Die Bezeichnung „Dyn“ lenkt den Blick auf den neuen elektrodynamischen Lautsprecher, der in dieser weiterentwickelten Version des Volksempfängers zum Einsatz kam. Dadurch wurden die Reden des „Führers“ zwar nicht besser, aber die Klangqualität der Wiedergabe zur Vorgängerversion des Geräts deutlich erhöht.

Und warum heißt das Model VE 301? „VE“ ist klar: „Volksempfänger“. Da alles in dieser besonderen Zeit politisch war – und bei diesem Modell ganz besonders – hat auch die „301“ eine politische Bedeutung. Es weist auf das Datum der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30.1. (1933) hin.

Das hier gezeigte Chassis ist praktisch unbrauchbar und maximal noch als Teileträger zu verwenden. Das Gehäuse fehlt komplett. Die beiden vorderen Drehknöpfe sind nicht original. Schön zu sehen ist der ominöse Urdox, rechts im Bild, der so aussieht wie eine langgestreckte Glühbirne (weitere Infos: was ist ein Urdox?), der hier noch vorhanden ist. Die Röhrenbestückung bestand aus VF7, VL1 und VY1. Auf einer Röhre prangt noch der Reichsadler mit dem Kreuz.

Das Gerät in seiner Zeit:

Über den Volksempfänger ist schon viel geschrieben worden. Sicherlich ist er ein prägendes Element der NS-Zeit gewesen und in seiner Bedeutung für die weitere Entwicklung in Deutschland nach der sogenannten „Machtergreifung“ kaum zu unterschätzen.

Das Regime war darauf bedacht, den Preis moderat zu halten, damit sich so viele „Volksgenossen“ wie möglich dieses Gerat ins Wohnzimmer stellen und der politischen Propaganda lauschen konnten. Ein aus Sicht der Diktatur konsequenter Schritt, der nach Gleichschaltung der Presse der weiteren Sicherung der öffentlichen Meinungshoheit diente.

Die pathetischen und emotional überbordend vorgetragenen Reden des Reichspropagandaministers Goebbels wurden durch manche Volksgenossen aber auch karikiert. Wer sich traute, erzählte im dafür geeigneten Kreise folgenden Witz:

Ansprache Goebbels im Volksempfänger: „Wir lassen unsere Soldaten nicht im Stich! Wir werden ihnen nicht zwei, nicht drei – nein, wir werden ihnen Vierfruchtmarmelade an die Front senden!“

Als der „Deutsche Kleinempfänger“ 1933 auf der deutschen Funkausstellung erstmals präsentiert wurde, konnten noch während der Messe die ersten 100.000 Exemplare verkauft werden. Im Vergleich zu 1932 hatte sich die Zahl der Radiohörer bis zum Bau des hier vorgestellten Modells im Jahre 1939 glatt verdreifacht, auf zuletzt 12 Millionen Teilnehmer. Grund dafür war auch die gezwungenermaßen gemeinschaftliche Produktion dieses Apparates durch viele deutsche Radiohersteller.

Wie im Sozialismus üblich, bestimmte auch im Nationalsozialismus die Regierung wesentliche Teile der Wirtschaft, die zur Produktion dieses Modells ohne weiteres Mitspracherecht verpflichtet wurde. Auch der Preis war, unabhängig von den tatsächlichen Produktionskosten, staatlich auf 65 Reichsmark festgeschrieben, was besonders kleinere Radiohersteller in finanzielle Bedrängnis brachte.

Wer nach Kriegsende noch konnte, hörte damit ab 1945 dann die Militärsender der Besatzungsarmeen.

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