Blaupunkt Pastorale F 535 WH

1952

Seriennummer: 301894

Vorbemerkung:

Auch dieses Radio war Teil der Berlin-Spandau-Sammlung, die ich einem jungen Radioenthusiasten 1996 abkaufte (z.B. Grundig 396 W).

Der hatte seine Sammlung allerdings nicht besonders gut behandelt und ein großer Teil der Apparate war reichlich heruntergekommen. Dieses interessante Gerät aber spielte sogar. Und das gar nicht mal so schlecht. Ohne viel daran zu ändern, stellte ich es in mein damaliges Büro und es beschallte damit meine fliegenden Gedanken bei so manchen kreativen Projekten.

Nach einigen Jahren ließ seine Trennschärfe etwas nach. Allerdings wollte ich es nicht komplett restaurieren und ich begnügte mich damit, einige wichtige Elektrolyt-Kondensatoren auszutauschen. So auch den Ratio-Elko und ein paar Papierkondensatoren, sowie den wichtigen Koppelkondensator zur Endröhre. Das brachte kurzfristig etwas Verbesserung, aber wahrscheinlich dürfte eine Totalrenovierung mit anschließendem Filterabgleich die wahre Lösung sein.

Da ich genügend Auswahl hatte, ersetzte ich das Gerät kurzerhand durch ein anderes. Dieses hier wanderte zunächst einmal zurück ins Depot und anschließend, nach drei Umzügen, als Schaustück ins Kellerregal meines neuen Domizils.

Das Radiomodel:

Schauen wir uns die Pastorale etwas genauer an. Optisch ist sie einigermaßen gut erhalten. Mit etwas Politur glänzt der Lack auch wieder und einige Kratzer lasse ich mal als natürliche Alterspatina durchgehen. Unten rechts fehlt eine Zierleiste. Hier habe ich schon Ersatz besorgt und muss sie nur noch zuschneiden und anbringen.

In den Details dieses hübschen Radios liegen einige Erkenntnisse verborgen. Zunächst fällt auf, dass Blaupunkt hier eine ganz eigene Designsprache verwendet, die noch nicht in das Einheitsgemurmel der späteren 50ger Jahre eingestimmt ist. Das liegt daran, dass die Grundform auf ein noch älteres Modell zurückgeht, wie z.B. das Arioso und in eine Zeit reicht, in der alle Hersteller sich noch um ein unverkennbares, eigenständiges Aussehen bemühten. Das Modell Arioso F52W von 1952 sieht unserem Pastorale zum Verwechseln ähnlich, hatte aber noch nicht die in Mode gekommenen weißen Tasten an der Frontseite.

Die Formgestalter von Blaupunkt standen nun vor der Aufgabe, das in sich schlüssige Design des Vorgängermodels um die nun unvermeidlich gewordenen weißen Wähltasten zu ergänzen.

Die Blaupunkt-Blende vor den „Klaviertasten“

Sie machten das auf ihre Weise, indem sie vorne ein Stück mittig dransetzten. Wer das weiß, erkennt schnell das damit verbundene Platzproblem. Die untere Leiste ist dafür eigentlich viel zu schmal. Als Kunstgriff legten die Gestalter an dieser Stelle die Tasten etwas nach vorne über die Leistenlinie hinaus und kaschierten die hinzugefügte Baueinheit mit einer metallenen Blende. Darauf prangt in breiten Lettern der Markenname „Blaupunkt“. Dieser Trick gibt dem Gerät ein ganz spezifisches Auftreten.

Vorne in die Skalenscheibe sind die üblichen zwei Drehschalter eingelassen. Hinter dem linken Knopf ist der kleine Hebel eines weiteren Drehpotis zu sehen. Mit diesem bedient man die Tonblende. In einem kleinen Fenster der Skalenscheibe zeigt sich eine helle Scheibe, deren dunkler Bereich immer dominanter wird, je weiter man den Drehhebel herum schiebt. Nicht ungewöhnlich, aber schön gemacht.

Der vordere linke Drehknopf dient zum An- und Ausschalten und natürlich zugleich für die Regulierung der Lautstärke. Das bedeutet, dass eine Taste immer gedrückt bleibt, auch wenn das Radio ausgeschaltet ist. Der rechte scheint auf den ersten Blick nur der Sendersuchknopf zu sein, mit dem man der Drehkondensator und den roten Stab der Senderanzeige weiterbewegt. Er hat aber noch eine versteckte Zusatzfunktion. Man kann ihn herausziehen. Damit stellt man eine grundsätzliche Sound-Vorwahl ein. Nämlich bass- oder höhenbetonter Klang. Auch hier gibt es wieder ein kleines Fensterchen in der Skalenscheibe, in dem dann entweder ein Notenschlüssel oder ein Bassschlüssel zu sehen ist.

Wenn wir uns nun der Technik zuwenden, wartet schon die nächste Überraschung auf uns. Zunächst einmal ist es ein normaler „6/9-Kreis Wechselstrom Drucktasten Super“, wie auch die zeitgenössische Beschreibung bestätigt. Ein weiteres Indiz ist die Bezeichnung „WH“ am Ende des Modellnamens. Das „W“ steht dabei für „Wechselstrom“ und das „H“ für Holzgehäuse. Es gibt uns also einen Hinweis darauf, dass es auch Ausführungen mit Pressstoffgehäuse gab. Die hatten dann ein „P“ im Namenzusatz.

Schön ist es, dass man die Spannung auch auf 240V setzen kann. Bei der von 220V auf 230V erhöhten Spannung im deutschen Stromnetz kann eine entsprechende Umschaltung aus Sicherheitsgründen ratsam sein. Den UKW-Empfänger hat es schon ab Werk eingebaut. Weiterhin empfängt es die Wellenbereiche Kurz, Mittel und Lang.

Wenn wir uns nun den Wellenumschalter im Inneren ansehen, entdecken wir eine sehr eigenwillige Konstruktion. Über eine Feder wird ein Schiebestab betätigt, der wiederum einen Umschalter bewegt. Gewagt würde ich sagen. Aber es funktioniert alles einwandfrei. Noch kurioser wird es, wenn der Blick auf die Röhrenbestückung fällt. Wir haben hier einen Mix aus nicht weniger als vier unterschiedlichen Serien.

Rechts hinten schön zu sehen: die historische schwarze Stahlröhre EAA 11

Auf dem Chassis hockt tatsächlich noch eine Stahlröhre aus alter Zeit, die EAA 11. Ein Jahr später, im Modell 53/54 (Pastorale F535WHK) war sie dann endgültig weg und wurde durch die EAA91 ersetzt. Weiter finden wir hier auch schon die ganz modernen Röhren der 80ger-Serie, die bald auf dem ganzen deutschen Markt Standard wurden. Nämlich die EF 80, ECH 81 und, als Abstimmanzeige, die EM 80.

Auch hier fällt auf, dass die Front ursprünglich noch für ein rundes Magisches Auge gestaltet war und die 80ger erst später Teil des Ensembles wurde.

Das kupferfarbene Zierstück vorne auf der Stoffbespannung ist noch rund in seiner Grundform. Das erwähnte Arioso hatte hier die dicke EM 11 mit dem kreisförmigen Kleeblatt an ihrer Spitze als Anzeigeelement eingebaut. Um keine hässlichen seitlichen Lücken für die, nun an ihrer Schmalseite arbeitende, EM 80 entstehen zu lassen, wurden die Seiten mit entsprechenden Lückenschlüssen im inneren Kreis der Blende für die neue schlanke Form EM 80 passend gemacht.

Weiter geht’s mit der Erforschung der bunten Röhrenbestückung. Wir entdecken die EF 93, die erst ein bis zwei Jahre vor diesem Modell erstmalig auf den Markt kam und für die Hochfrequenz- und Mischfrequenzregelung zuständig ist. Schließlich finden wir auch noch eine Rimlock-Röhre, die altbekannte EL41 in der Endstufe.

In seiner besten Zeit, als ich es regelmäßig in meinem damaligen Büro zu Hause nutze, hatte es einen ganz ausgezeichneten Klang. Eine Combo aus ziemlich unterschiedlichen Typen kann also doch sehr harmonisch gemeinsam Musik machen.

Das Gerät in seiner Zeit:

Im Jahre 1952 waren zwar schon einige Weichen der Nachkriegszeit neu gestellt worden, aber noch gab es erhebliche Unsicherheiten. Eine riesige Zahl von deutschen Soldaten war weiter verschollen oder fern der Heimat in russischer Gefangenschaft. In Korea tobte schon wieder ein neuer Krieg und Deutschland war ein besetztes Land. Die Autos hatten im Westen noch bis 1956 das jeweilige Kennzeichen der entsprechenden Besatzungszone zu tragen. Knapp 10 Millionen Vertriebene und geflüchtete Deutsche aus den Ostgebieten waren in der Bundesrepublik Deutschland untergekommen und mussten versorgt werden. Überwiegend völlig mittellos, erhofften sie sich den baldigen Wiederbeginn eines normalen, menschenwürdigen Lebens in neuer Umgebung. Westberlin, der Stachel im Fleisch der neuen Kommunisten, wurde weiter schikaniert. Die Berliner im Westteil der Stadt benötigten jetzt ein Visum, um die neue DDR betreten zu dürfen.

Blaupunkt selber war ein deutsches Traditionsunternehmen, dessen Wurzeln bis in die Pionierzeit der frühen 20ger Jahre hineinreichten. Auch Blaupunkt hatte durch Bombenangriffe heftige Kriegszerstörungen seiner Produktionsanlagen erlitten, kam aber unmittelbar nach Kriegsende sehr schnell mit Primitivgeräten wieder auf die noch wackligen Beine. Da in verschiedenen Besatzungszonen produziert wurde, gab es eine schwer zu durchschauende Modellvielfalt. Viel wurde noch improvisiert. Es gab eine erste Produktion in Berlin-Treptow, in Hildesheim, Darmstadt und in München. Das Werk in Berlin-Wilmersdorf lag in Trümmern. Berlin wurde als Standort schließlich ganz aufgegeben, denn der Bezirk Treptow lag nun in Einfluss der sowjetischen Besatzer und so gelangte dort das enteignete Werk als Reparationsmasse an die Sowjetische Militäradministration und war damit verloren. Ab 1953 wurde dann nur noch in Hildesheim produziert.

Trotz dieses Nachkriegschaos etablierte sich Blaupunkt erstaunlich schnell wieder auf dem westlichen Wirtschaftsmarkt und erreichte zügig erneut ein hochwertiges Angebot. Das hier behandelte Modell zeigt technisch noch den Übergang von der Not, das Material nehmen zu müssen, was vorhanden war, zum später hochwertigen Qualitätsempfänger. Dafür hat Blaupunkt, mit Blick auf die Zeitumstände, hier schon ein verblüffend hohes Niveau beim Klang erreicht.

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