1950
Seriennummer: 23081

Vorbemerkung:
Dieses Radio gehörte zu der Sammlung, die ich 1996 in Berlin gekauft hatte (zusammen u.a. mit AEG 31 WU, Blaupunkt Pastorale F 535 WH). Es war einer der Gründe, weshalb ich fast die gesamte Kollektion im Paket genommen hatte.
Die Form und die Gestaltung gefielen mir besonders gut, auch wenn es technisch „mausetot“ war. Beim Anschaltversuch des Verkäufers passierte überhaupt nichts. Das muss allerdings nicht unbedingt eine Katastrophe sein. Jedenfalls war es in keinem guten Zustand und auch optisch machte es leider einen eher desolaten Eindruck.

Der Grund für mein Interesse bestand darin, dass es eines der ersten großen Grundig Geräte war. Noch ohne Tasten und ohne das später für Grundig so typische Einheitsdesign. Es steht noch am Anfang der unglaublichen Erfolgsgeschichte dieser berühmten Firma, die – wie so viele „Start Ups“ der Nachkriegszeit – ihr Glück in der neuen Marktwirtschaft der noch jungen Bundesrepublik Deutschland versuchten. Während die meisten dieser Neugründungen schon nach kurzer Zeit wieder verblühten, ahnte niemand, wie sich im Gegensatz dazu, Grundig in Zukunft noch entwickeln sollte.
Da ich bisher keine Zeit fand, mich dem ramponierten Gerät angemessen zu widmen, stand es Jahrzehnte unberührt im Kellerlager. Es machte drei Umzüge mit, bis ich es für diese Zeilen wieder ans Tageslicht holte und es mir erstmals genauer anschaute. Ich muss gestehen, das machte Spaß!
Das Radiomodell:
Der miserable Allgemeinzustand hatte sich während des Jahrzentelangen Kelleraufenthaltes nicht unbedingt verbessert. Der Schmutz stammte noch vom Vorbesitzer. Jetzt kam auch noch eine dichte Staubschicht dazu und erste technik-interessierte Schimmelflocken suchten einen neuen Lebensraum auf dem Gehäuse.

Da musste ich nun einschreiten und siehe da: nach einer ersten groben Reinigung kam unter dem hässlichen kleinen Entlein plötzlich ein hübscher Schwan hervorgeputzt. So schlecht wie vermutet war das unter dem Schmutzpanzer verborgene Gehäuse in Wirklichkeit gar nicht. Und auch innen sieht es nicht wirklich hoffnungslos aus. Im Gegenteil. Ich fand alles an seinem Platz, keine Verbastelungen und offensichtlich immer noch jungfräulich unberührt.
Aber der Reihenfolge nach:

Es ist ein recht frühes Gerät aus einer Zeit, als sich der neu gegründete Radiohersteller Grundig schon etwas zutraute. Nämlich das Wagnis, ein sehr hochwertiges Warenangebot auf den nun wieder freien westdeutschen Markt zu bringen.
Dabei hatte Grundig, wie so viele andere neue Hersteller, nach dem Kriege ganz klein und ziemlich improvisiert angefangen. In dieser Zeit, 1950, existierten noch viele der optimistischen Firmen-Neugründungen. Jedoch vergingen die meisten im Laufe der fortschreitenden 50her Jahre. Nicht so Max Grundig. Mit seiner Firma war er zweifellos das Beispiel für jemandem, der es geschafft hatte. 1950 war er noch nicht ganz so gefestigt, aber die Firma Grundig sollte eine der ganz großen Erfolgsstorys der deutschen Nachkriegswirtschaft werden.
Im Jahre 1950 war auch für Grundig die Zeit des kreativen Improvisierens vorbei. Mit diesem Gerät betrat er das Parkett der gehobenen Klasse.

1950 brachte er die „Kleeblattserie“ heraus, zu der auch dieser Empfänger zählte. Erste Exemplare wurden noch als Modell „Berlin“ vermarktet, aber nur kurz. Grundig brauchte ein Emblem und das Kleeblatt schien dafür gut geeignet.
Es gab zu nächst fünf Modelle der Kleeblatt-Serie, die alle völlig unterschiedlich aussahen. In dieser Konstellation nahm das 396W zunächst die Spitzenposition ein. Übertrumpft nur noch durch den Musikschrank, der als Phonomöbel aber etwas anderes war. Später im Jahr gab es sogar einen noch größeren Spitzensuper mit der Bezeichnung UKW 495 W, der sogar schon über (schwarze) Drucktasten verfügte.

Der 396 W zeichnet sich durch sein besonderes Gehäuse und einige technische Besonderheiten aus. Die Gehäusegestaltung war sehr aufwändig und geschmackvoll. Den optischen Reiz machen zwei verschiedene Furniere aus, einmal helles Kirschholz und dunkleres Eichenholz, die beide wunderbar kontrastieren.
Wollte man als Hersteller bei der Gestaltung dieser großen Radios modern sein, sah man von einer seitlichen Schalteranordnung ab. Das hatte noch zu sehr Vorkriegsappeal. Auch dieses Gerät wird ausschließlich von vorne bedient.

Ein liebenswertes Detail dürfte einer mutmaßlichen Vergesslichkeit des Erstbesitzers geschuldet sein. Jedenfalls bewahrte er auch nach Inbetriebnahme die Pappschildchen hinter den beiden vorderen Bedienknöpfen. Auf denen wird ab Werk die Funktion erklärt. Diese Schildchen waren, vermutlich vom Vorbesitzer, mit Tesafilm fixiert.
Dort ist also folgendes zu lesen: links: „Kleiner Knopf Netzschalter u. Lautstärke, ziehen: Sprache, drücken: Musik“. Und rechts: „Kleiner Knopf Wellenbereich, großer Knopf Sendereinstellung“. Damit wäre dann alles erklärt, ohne es auswendig lernen zu müssen.

Es spielt auf MW, LW und KW. Der Kurzwellenbereich ist dabei aufwändig gestaltet, denn es besitzt tatsächlich nicht weniger als drei Kurzwellenbereiche, die alle mit dem Wellenbereich-Schalter angewählt werden können. Dessen Stellung wird vorne auf der Skalenscheibe in den entsprechenden Fensterchen angezeigt.

Jeder Bereich deckt ein eigenes Kurzwellenband ab.
Entsprechend optimistisch ist auch die Skalenscheibe beschriftet. Hier finden wir so mondäne und exotische Orte wie Rio de Janeiro, Dehli, Caracas, Leningrad, Montevideo, Buenos Aires. Selbst Brisbane und La Paz fehlen nicht, um nur einige zu nennen. Na, das verspricht doch eine aufregende Senderjagd rund um den Globus.
Interessant ist auch, dass im Gegensatz vieler anderer Hersteller, Grundig auf seiner Sendeskala weiterhin die alten deutschen Namen für die verlorenen Städte im Osten verwendete. Man findet dort Gleiwitz, Kattowitz, Stettin und Breslau. Vielleicht ein Zugeständnis an die vielen Vertriebenen, die im Westen einen ersten Unterschlupf gefunden hatten und die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in ihre alte Heimat, die offiziell lediglich unter polnischer Verwaltung stand, noch nicht aufgeben wollten. Nur das ausgelöschte Königsberg in der nun russischen Zone, taucht auch hier schon nicht mehr auf.
Ein UKW-Tuner ist nicht eingebaut. Selbst wenn sich dieses Radio als „UKW-vorbereitet“ bezeichnet, was so viel heißt wie „kein UKW, aber man könnte es ja nachrüsten“. Ein UKW-Fenster ist in der Skalenscheibe bereits „vorbereitet“.
Außerdem gibt es noch einen Tonabnehmeranschluss. Grundig hatte schon damals einen in die Zukunft gerichteten Blick. Im Vergleich zu anderen Konkurrenten der Zeit, wie Loewe oder Graetz, wäre er unter seinen Ansprüchen geblieben, wenn es nicht auch schon 1950 eine UKW-Ausführung dieses Modells gegeben hätte. Und so war es auch. Serienmäßig war UKW zwar nicht eingebaut, aber für einen satten Aufpreis von 76.- DM hätte man das Modell ab Werk auch mit UKW-Tuner kaufen können.
Der Erstbesitzer dieses Exemplars hat sich das kostspielige Extra aber gespart. Das war schließlich nicht billig und viele UKW-Sender waren 1950 in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht „on air“.

Die Röhrenbestückung ist hingegen noch etwas altmodisch. Hier haben wir die EBF 11, ECH 11, die alte Gleichrichterröhre AZ 11 und als Feldstärkenanzeige die ehrwürdige EFM 11. Leistungspentode ist die dicke EL 11. Die Rimlockröhren hatten hier noch nicht Eingang gefunden.

Der interessierte Betrachter möchte vielleicht auch noch etwas zu der Modellbezeichnung erfahren. „396“ kling weder romantisch noch sehr eingänglich.
Eine Jahreszahl für das Erscheinungsjahr oder die Modellserie lässt sich auch nicht ermitteln. „396“ also. Darüber hatte ich lange gegrübelt. Bis ich ein Prospekt der Kleeblatt-Modellreihe in die Hände bekam. Da ging mir ein Licht auf. Das 298W kostete 298 DM, das 326W kostete 326DM, das 355W 355 DM und jetzt ratet mal, was das 396W gekostet hat.
Na? Richtig! 396 DM. Auch eine Art, sich Modellnamen auszudenken. Und der spätere Spitzensuper mit schwarzen Drucktasten 495 W? Einfach?
Tja, da hat es nicht ganz geklappt mit der Kalkulation. Zwar kam er kurz für 495 DM auf den Markt. Grundig musste kurz darauf den Preis aber auf 520 DM hochschrauben. Die Peinlichkeit, den Namen des Geräts zu ändern, ersparte man sich.
Als Resümee muss ich feststellen, dass es sich vielleicht lohnen würde, dieses interessante Grundig-Radio 396 W noch einmal zum Leben zu erwecken.
Das Gerät in seiner Zeit:
Die Zeit um 1950 hatte ich schon mehrfach hier beschrieben. Dabei fiel mir auf, wie viele Radios ich aus diesem Jahrgang in meiner Sammlung habe. Interessant in diesem Zusammenhang ist der Aufstieg von Grundig zu einem Marktführer (Grundig 4035W).
Wie oben bereits erwähnt, fing auch Max Grundig, der vor dem Krieg einen Radioverkaufsladen betrieb, nach dem Krieg mit viel Kreativität wieder an. Es herrschte Mangel weit und breit, in der frühen Nachkriegszeit. In dieser Situation kam er auf die geniale Idee, einen Empfänger in Selbstbauweise anzubieten. Also als Bausatz. Damit konnte er auch das anfangs noch bestehende Herstellungsverbot von Radios umgehen.
Es entstand also ein Baukastenradio mit den zeittypischen Namen „Heinzelmann“. Heute müsste man das gendern. Die Röhren waren im Lieferumfang nicht inbegriffen. Die musste sich der Erwerber selber besorgen. Im Tausch oder auf einem der vielen illegalen Schwarzmärkte hinter dunklen Ruinenmauern. Das spätere Nachfolgemodell selben Namens „Heinzelmann“, wurde dann schon komplett angeboten. Also mit Röhrenbestückung und auch schon zusammengebaut. Denn bald herrschte schon wieder Wirtschaftserlaubnis und mit der Einführung der D-Mark im Jahre 1948, startete Grundig erst so richtig durch.

Eines der allerersten Aushängeschilder war dieser Spitzensuper. Damit setzte Grundig ganz klar einen Meilenstein. Es war nun klar, wohin die Reise gehen würde. Bergauf in Richtung Gipfel. Ob es die Konkurrenten der großen Konzerne damals schon ahnten? Hier wuchs der spätere Marktführer heran. Spätestens nach der Präsentation des Spitzensupers 495W mit UKW lachte keiner mehr.
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