1954
Seriennummer: 458 27816

Vorbemerkung:
Eine Situation, die sich nicht jeden Tag ereignet. Beim Erwerb einer Immobilie im Jahre 2021 ließ uns der Vorbesitzer die Wahl, was wir aus seinem Hausstand unentgeltlich übernehmen wollten.
Er gehörte zu denjenigen Menschen, die sich ihr Leben lang von nichts trennen konnten. In gewissem Maße kann ich das verstehen. Jedenfalls waren da noch so allerhand Phonogeräte übrig, die gerne an Ort und Stelle bleiben durften. Diese Geräte (u.a. ein Saba HiFi Studio 8100, ein kompletter Braun HiFi Atelier-Turm, Grundig Receiver und Tapedeck, der größte von Dual hergestellte Plattenspieler, etc.) waren aus den 70 und 80er Jahren.
Im Obergeschoss fand sich dann auch noch dieses Grundig Radio, das ich ebenfalls gerne mit übernommen habe.
Ob es noch spielt? Laut dem Ersthandvorbesitzer wäre das möglich. Ich habe es aber noch nicht ausprobiert. Mit den alten Kondensatoren ist bekanntlich nicht zu spaßen. Der wesentlich jüngere Braun-Plattenspieler aus dem besagten Atelier-Ensemble ging bei der ersten Inbetriebnahme gleich in Rauch auf. Es war der Entstörkondensator, der sich eindrucksvoll verabschiedete und den ich anschließend durch einen spannungsfesten modernen Wima ersetzte.
Das Radiomodell:

Werfen wir also einen genaueren Blick auf diesen Neuzugang. Ein Grundig 3045W 3D aus dem Jahre 1954, das die Saison über, bis ins Jahr 1955, in großen Stückzahlen produziert wurde.
Die optische Inaugenscheinnahme fällt positiv aus. Nichts fehlt, alles ist an seinem Ort. Und der Staub ist auch echt. Der Lack wirkte ursprünglich etwas stumpf, ohne aber ernsthaft beschädigt zu sein. Die Optik konnte ich ohne größeren Aufwand wiederherrichten.

Grundig hat hier wieder einmal gezeigt, was zu einem überschaubaren Preis alles möglich war, Mitte der 50er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland. Vor uns steht ein 8 AM und sage und schreibe 11 FM-Kreiser, was einen exzellenten Senderempfang verspricht.

Für die technische Umsetzung sorgen insgesamt 7 Röhren. ECC85, ECH81, EF89, EBF80, EABC80. Das „Magische Auge“ ist eine EM85 und für den richtigen Schub sorgt als Endröhre eine EL 84. Alles keine Überraschungen mehr zu der damaligen Zeit. Natürlich kann man alle Wellenbereiche empfangen und die kleine Besonderheit, die Grundig seinen konservativ gestalteten Radios mitgegeben hat, ist auch hier das kleine Rändelrad unter dem Emblem mit der Modellbezeichnung an der Front der Lautsprecherbespannung zur Bedienung der Ferritantenne.
Ansonsten bleibt das Design biederer Mainstream. Dieses wenig schmeichelhafte Urteil gilt nicht nur im Vergleich mit den zeitgenössischen Marktkonkurrenten. Selbst innerhalb des Grundig-Programms kann man die einzelnen Modelle kaum noch voneinander unterscheiden. Lediglich die Größe und die Modellbezeichnung lässt noch Rückschlüsse auf die Position innerhalb des Radioprogramms der Firma zu. Wie also positioniert sich 3045W 3D?

Das Radioprogramm von Grundig war 1954 schon in fast unüberschaubare Größe gewachsen. Die Firma bot wirklich in jeder denkbaren Nische ein Modell an. Wenn wir die Fernseher, Tonbandgeräte und Musiktruhen außer Acht lassen und nur die Radiomodelle betrachten, finden wir hier beginnend mit der 8er-Serie, über 9er, 10er, 20ger, 30ger, 40ger bis 50ger-Reihe die verschiedenen Angebote, wobei das 5050W 3D das Spitzenmodell der reinen Radioempfänger war.
Das hier beschriebene 40ger-Modell würde ich in die gehobene Mittelklasse einsortieren. Jedenfalls in der Rangliste des Grundig-Werks. Im Vergleich mit anderen Herstellern sind wir hier eher schon in der Oberklasse angekommen. Es gab dieses Modell auch als 3045W, also ohne das „3D“ im Anhang. Dieses Gerät kostete 340,- DM. Unser „3D“ war 35,- DM teurer, also für 375,- DM zu haben.
Dieser kleine Aufpreis hat es aber in sich. Denn dafür bekam man nun den brandneuen und von Grundig erfundenen „3D“- Klang. Dieser Rundumklang wurde erreicht durch zwei zusätzlich seitliche Lautsprecher (im Bild weiter oben hinter der Rückwand gut zu sehen). Dadurch sollte ein „Raumklang“ entstehen, den das geneigte Auditorium so bisher noch nicht erleben durfte.

Tatsächlich kann man einen klanglichen Unterschied feststellen, ob ein Lautsprecher lediglich nach vorne abstrahlt oder weitere Schallwandler zusätzlich auch noch die Seiten bedienen. Jedenfalls dann, wenn das Radio frei aufgestellt spielen kann.
Noch wichtiger war aber der psychologische Effekt einer enormen Öffentlichkeitswirksamkeit, den dieses „revolutionäre“ neue System bei der potentiellen Kundschaft hervorrief. Ob man sich bei Grundig damals bewusst war, was sie hier ins Rollen brachten? Aber dazu später.
Man kann sagen, der hier vorgestellte 3045W 3D war der legitime Nachfolger des ebenfalls hier beschriebenen 3041 W aus dem Vorjahr.

Der Vorbesitzer unserer neuen Immobilie hat als Ingenieur hier nicht lange gezögert und sich gleich technikaffin das innovative „3D“-Modell gegönnt. An Lautsprechern wurde hier nicht gespart. Selbst die seitlichen Schallwandler sind nicht etwa zierliche Elektrostaten, sondern machen ordentlich was her, wenn man sie sich nach Abnahme der Rückwand anschaut. Das alles verspricht ein voluminöses Klangerlebnis.

Sonst hat sich um Vergleich zu seinem Vorgänger aus dem Vorjahr nicht wirklich viel verändert. Ganz sicher nicht die grundsätzliche Gestaltung, die bei Grundig für viele Jahre praktisch unangetastet blieb.

Lediglich an der Frontseite hat man zur Unterscheidung des Jahrgangs dem „Grundig“-Schriftzug vor den Tasten eine neue Gestaltung in Form einer plastisch vorstehenden Blende gegeben. Diese geht in einem bewegten Radioleben bei diesem Modell schon einmal verloren, ist hier aber glücklicherweise weiterhin tadellos vorhanden.
Das Gerät in seiner Zeit:
Der Coup mit dem von Grundig vorgestellten „3D“-Prinzip traf die Konkurrenten völlig überraschend. Diese angebliche Sensation ging durch alle Medien und die Kundschaft schien nur auf eine Innovation dieser Art gewartet zu haben. Alle anderen Radiohersteller sahen nun ziemlich alt aus, während Grundig weiter von Rekord zu Rekord jagte.

Die Internationale Funkausstellung, die damals noch „Große Deutsche Rundfunk, Fernseh- und Phonoausstellung“ hieß, fand noch nicht in dem nun schwer erreichbaren Westberlin, sondern alle zwei Jahre in Düsseldorf statt. So auch 1955 wieder, bei der kein geringerer als der für das deutsche Wirtschaftswunder gerne verantwortlich gemachte Prof. Dr. Ludwig Erhard die Schirmherrschaft als Wirtschaftsminister übernahm.
Wie standen jetzt die anderen Hersteller mit ihren einsamen vorderen Lautsprechern da? Auch sie mussten nun zwangsläufig nachziehen und brachten – wenn möglich – atemlos noch schnell eigene „3D“-Geräte auf den Markt. Es soll sogar Hersteller gegeben haben, die bereits fertige Exemplare noch einmal in die Werkshallen holten, ihre Seiten aufschnitten, um nun kurzfristig auch noch „Raumklang“-Radios auf der Ausstellung präsentieren zu können.

Der Zug war angerollt und fuhr nun immer schneller. Die Hersteller versuchten sich nun zu überbieten. Auf „3“ folgt „4“. Höher, weiter, schneller! Graetz zeigte 1954 in Ermangelung seitlicher Lautsprecher ein „4 R“-Modell. Durch eine obere Schallleiste soll der Klang nun in alle Richtungen geleitet werden. Das war ganz klar die „vierte Dimension“. Am Ende gab es von Graetz dann sogar einen „Schallkompressor“, bei dem über ein Röhrensystem im Gehäuseinneren der Schall noch eindrucksvoller zum Ohr des Hörers geleitet werden sollte (z.B. „Graetz Melodia 618 Raumklang Gross-Super mit Schallkompressor“).
Inzwischen war Westdeutschland wegen der überragenden Qualität seiner Produkte auf dem Weg zum Exportweltmeister für Radiogeräte. 1954 wurde bereits ein Drittel der gesamten Produktion ins Ausland geliefert. Grundig exportierte seine Modelle sogar bis in die USA.

Hier vor uns sehen wir also eines der ersten Geräte dieser „Raumklang“-Serie, die verantwortlich für die neue unaufhaltsame Mode der seitlichen Lautsprecher wurde. Auch die Modelle aus der DDR hatten später ebenfalls die seitlichen Gitter, hinter denen sich der Raumklang seinen Fluchtweg nach draußen suchte.
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