1953
Seriennummer: 345 18142

Vorbemerkung:
Die Stadt Kerpen im Erftkreis veranstaltete in den 70ger Jahren regelmäßig einen großen Flohmarkt, der einmal im Jahr stattfand. Der Markt war so weiträumig, dass er damals praktisch den gesamten inneren Stadtbereich umfasste. Die Straßen waren voller Menschen. Am Straßenrand reihte sich ein Angebotsstand an den anderen. Diese waren privat aufgebaut oder auch routiniert errichtet von Unternehmern und Händlern aus der Branche. Dort standen sowohl Oma und Opa, die ein paar alte Schätzchen aus ihrem Keller anboten, als auch professionelle Antiquitätenhändler und gerissene Gauner und Betrüger.
Jedenfalls war dieser Trödelmarkt immer ein großes Ereignis in der Region und natürlich zwang ich als Kind meine Eltern, unbedingt einen Tag am Wochenende als „Familienausflug“ dort zu verplanen. Das konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Ihr ahnt schon, warum.
An diesem Tag schlug ich gleich zweimal zu. Beide Male am selben Stand. Während meine Eltern ein zerknirschtes Lächeln versuchten, begann ich mit dem Verhandeln.
Ein wenig Dramatik und sterbender Schwan bei diesem türkischen Basar mit dem orientalischen Anbieter und wir wurden uns am Ende nach Drohungen, Freundschaftsbekundungen, Tränen und Umarmungen doch noch einig.
Meine Beute war ein Saba, der sich als Vorkriegsgerät herausstellte, und dieses Grundig-Radio, das einen optisch noch ganz passablen Eindruck machte. Natürlich versicherte mir der türkische Standinhaber, dass beide Geräte wunderbar und völlig einwandfrei funktionierten. Als angehender Jugendlicher und ohne jegliche elektronische Vorbildung, zweifelte ich zwar am Wahrheitsgehalt seiner blumigen Worte, hatte aber auch keine durchschlagende Idee, wie ich seine Zusicherung gleich hier an Ort und Stelle ohne Strom überprüfen sollte. Im Ergebnis meiner erfolgreichen Verhandlung wurden meine Eltern bereits unruhig. Deshalb verzichtete ich auf einen Blick hinter die Rückwand und versuchte lieber, das logistische Problem des Abtransports zu lösen.
Beide Geräte kamen zu meiner damaligen kleinen aber schon beachtlichen Radiosammlung und meine Eltern machten, in der Rückschau nachvollziehbar, in berechtigter Weise ein besorgtes Gesicht. An dieser Stelle posthum an sie ein großes Lob für die engelsgleiche Geduld und das größtenteils entgegengebrachte Verständnis für meine nerdige Sammelleidenschaft von Autoteilen, Fossilien, Comics, Autoprospekten und Röhrenradios. Der Platz in meinem ohnehin sehr begrenzten Kinderzimmer wurde weiter eingeschränkt, aber ich freute mich über die interessanten Neuzugänge.
Einige Zeit später, inzwischen war ich volljährig, zog ich in eine andere Wohnung und dieses Grundig-Radio stand zusammen mit anderen Exemplaren als hübsche Requisite in einem Wohnzimmerregal. Dann – wieder einige Jahre später zog es mich in die Welt hinaus auf einen anderen Kontinent. Mein Hausstand wurde aufgelöst und meine Mutter verpackte alle meine Radios sogfältig in Papier mit außenliegender Plastikfolie. So standen sämtliche Geräte meiner damaligen Sammlung gut eingemottet auf dem Dachboden meiner Eltern.
Die Jahrzehnte flogen nur so vorbei. Unzählige Erdumdrehungen später expedierte ich einige der vielen Empfänger nach Berlin in die gemeinsame Wohnung mit meiner ebenso geduldigen Freundin, die später meine Frau wurde. Zu dieser Tranche gehört das hier gezeigte Grundig-Radio. Ein weiteres Jahrzehnt verging. Der Hausstand meiner Eltern musste aufgelöst werden und ich evakuierte nach etwa 35 Jahren Tiefschlaf die noch verbliebenen Geräte aus dem Dachboden der elterlichen Bleibe und brachte sie in den Keller meines neuen Domizils.
Ich entpackte die Mumie, las auf den Zeitungen, die als innere, letzte Schicht das Radio umhüllten, in einer Werbeanzeige die Ankündigung des neuen Audi 80. Dann endlich zeigte sich der einbalsamierte Pharao in Form eines vor langer Zeit lebenden Grundig. Den Hieroglyphen entnahm ich, dass sein Name „3041W“ lautet.
Zu meinem großen erstaunen, war es weder zu Staub zerfallen, noch durch die Widrigkeiten der Lagerung und den vielen kalten Wintern und heißen Sommern in irgendeiner Weise beeinträchtigt worden. Es war eben durch meine fürsorgliche Mutter meisterlich mumifiziert worden. Grabräuber hatten es übersehen.
Jetzt, um einiges in der Radiotechnik erfahrener, öffnete ich zu ersten Mal die Rückwand um mir mit entsprechendem archäologischen Sachverstand einen Eindruck vom technischen Zustand zu machen.
Natürlich war das Radio bereits zum damaligen prähistorischen Kauf schon nicht mehr spielbereit. Wenn auch technisch unerfahren, täuschte mich zumindest meine Menschenkenntnis schon als Kind nicht. Es fehlt also schon eindeutig der große ovale Lautsprecher. Ob der Bastler es damit bewenden ließ?
Das Radiomodell:

Also gut. Der Lausprecher fehlt. Danach sank meine Motivation eine Restaurierung in Betracht zu ziehen, schon gleich wieder erheblich. Fehlen sonst noch Teile? Auf den ersten Blick konnte ich das nicht feststellen.
Gerne wurden in den 80ern alte Radios von Elektronikbastlern ausgeschlachtet. Ich hatte auch so einen Klassenkameraden. Beliebt waren die Lausprecher, in der Regel Breitbänder, die man prima in selbst gezimmerte Lausprecherboxen einbauen konnte. Wer geschickt genug war, konnte sich für ein kleines Taschengeld eine – zumindest laut klingende – Stereobeschallung für sein Zimmer bauen.
Vielleicht ließ es der Bastler an diesem Gerät mit dem Ausbau des Lautsprechers bewenden. Filter und Röhren sind jedenfalls noch an Ort und Stelle.

Alle Bauteile weisen eine einheitliche Staubschicht auf, was ich erstmal als gutes Zeichen werte.
Also gehe ich jetzt einmal auf das Modell als solches ein.

Das 3041W war ein Mittelklassemodell von Grundig. Die Besonderheit der Marke, was auch die Marktbeherrschung erklärt, war es, dass auch diese Geräte von besonderer Ausstattung und mit einem qualitativ hochwertigen Klang überzeugten. Und das zu einem sehr marktfähigen Preis. Schon 1953/54 war es schwer, zu ähnlichen Konditionen etwas gleichwertiges oder gar besseres in der Bundesrepublik Deutschland zu finden.

Und auch optisch ist es ein beeindruckendes Gerät. Im Grundig-typischen Einheitsgewand, aber gewaltige 62 cm breit. Das macht auf dem Wohnzimmerschrank schon etwas her.
Schön ist auch die Gestaltung in hellem Holz. In der Serie 1953/1954 konnte man zwischen dunklem Holz und der hier beschriebenen, helleren Ausführung, aussuchen. Ganz so, wie das Radio zur heimischen Wohnzimmerausstattung am besten passte. Auch mein Grundig 1041WH aus demselben Modelljahrgang wurde in der hellen Ausführung gefertigt.
Dabei liegt die Röhrenbestückung nicht ganz im zeitgenössischen Standardbereich. Zwar finden wir hier die üblichen ECH81 und EABC80. Auch das für Grundig typische „Magische Auge“ EM85 darf nicht fehlen. Wir haben hier aber auch schon Röhren der 90ger-Serie, nämlich zweimal EF93 und EC92.
Bei dem großen Gehäuse und dem nicht weniger beeindruckenden Lautsprecher (wenn er noch eingebaut wäre) hätte man eine kräftige EL 84 als Endröhre erwartet. Hier reichte es aber nur zu der etwas schwächeren EL 41. Es ist halt doch nur ein Mittelklassegerät. Aber dem Klang sollte das keinen Abbruch tun. Auch, weil hier keine simple Tonblende eingebaut ist, sondern Höhen und Tiefen unabhängig voneinander eingepegelt werden können.

Grundig nannte das „Höhen-Register“ und „Bass-Register“. Beides wurde mit einem hell/dunkel Stab als Anzeige rechts und links auf der Senderskala sichtbar gemacht.
Der Empfang läuft über 7 AM und 9 FM-Kreise. Das rangiert wieder im oberen Bereich seiner Klasse. Natürlich sind alle Wellenbereiche empfangbar, also LW, KW, MW und UKW. Zusätzlich gibt es noch einen Tonabnehmereingang, der vorne mit der Tastengalerie angewählt werden kann.

Eine kleine Besonderheit hat Grundig dem Modell doch noch verpasst. Es ist der horizontal eingebaute Drehschalter auf der rechten Seite der Schallwand, unter dem Typenschild. Damit bedient man über zwei Zahnräder die Ferritantenne, die unter dem Gehäusedeckel gleich hinter der Schallwand untergebracht ist.

Durch einen Schwenk in die richtige Ausrichtung konnte man seinen Mittelwellenempfang verbessern, wenn man Glück hatte.
Ein Blick auf die Skalenscheibe: Hier dominiert klar die Westausrichtung der noch jungen Bundesrepublik. Grundig hat die neuen Realitäten eindeutig in der Senderwahl gespiegelt. Wir finden hier nicht weniger als sechs verschiedene BBC-Sender. Zusätzlich ist auch der britische Soldatensender BFN (British Forces Network) vertreten und die amerikanischen Truppensender AFN (American Forces Network) finden sich insgesamt drei Mal.
Konservativ dagegen blieb er bei den deutschen Namen der Orte Stettin, dem ehemals österreichisch/ungarischen Leibach (jetzt Lwiw/Ukraine) und Kaschau, einer Stadt im Osten der Slowakei.

Das Gerät in seiner Zeit:
328,- DM hatte es 1953 gekostet. In Anbetracht der gebotenen Gegenleistung war das von anderen Herstellern nur schwer zu unterbieten. Das Radio muss in sehr großer Stückzahl hergestellt worden sein. Auch jetzt noch findet man unzählige Exemplare und auch der Preis für diese technische Antiquität ist heute immer noch sehr gering. Es ist also nach wie vor keine Besonderheit und erst recht keine Rarität.
Das tut seinen Qualitäten aber keinen Abbruch. Offensichtlich traf es genau den Geschmack und die Bedürfnisse der Kunden seiner Zeit und kann daher uneingeschränkt als perfekter Botschafter seiner Epoche dienen.
Den rasanten Aufstieg von Grundig hatte ich bei den anderen Radiomodellen schon beschrieben (Grundig 4035W). Dieses hier war ein weiteres Puzzlestück zum Aufblühen und weiteren Welterfolg von Max Grundig und seiner noch jungen Firma.
Einen weiteren Pfeil hatte er bereits im Köcher, mit dem er seinen Konkurrenten einen ordentlichen Schreck versetzte: das „3D“-Prinzip (Grundig 3045W 3D).
Dieses Modell hier wurde, wie das ebenfalls beschriebene Grundig 1041WH, bis hinein ins Jahr 1954 angeboten.
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