Kaiser Romanze W970

1952

Seriennummer: 075208

Vorbemerkung:

Dieses Radio begleitet mich fast schon mein ganzes Leben, auch wenn ich Jahrzehntelang von ihm getrennt war.

Wir gehen zurück in meine Schulzeit. Auf dem Gymnasium gab es eine kleine Clique von rein rational denkenden Jungs. Die hatten ihren eigenen Humor und fanden besonders das lustig, was aus ihrer Sicht irgendwie unlogisch erschien. Also diese Art von Mitschülern, die sich über eine unsinnige mathematische Formel totlachen konnten, aber „normale“ Witze nicht verstanden. Später erfand man dafür den Namen „Nerds.“ In gewisser Weise bin ich vielleicht auch ein Nerd. Natürlich gingen sie später alle in naturwissenschaftliche Berufe.

Ich selber hatte Mathematik als Leistungskurs gewählt, was mir noch einige schlaflose Nächte bereiten sollte. Aber der Kontakt zu diesem Freundeskreis half mir manchmal, einige problematische Aufgaben zu lösen. Einer war darunter, der einen sehr speziellen Gang hatte. Man könnte sagen „Charly-Chaplin-Stile“, zumindest was die Fußstellung anging. Er war der einzige Mensch, der mir von hinten auf die Füße treten konnte. Er entstammte einer reinen Technikerfamilie. Sein Vater und alle seine Brüder sahen so aus wie er. Nur die Größen waren unterschiedlich. Ich musste an die Daltons aus Lucky Luke-Comics denken. Hier wurde alles nach rationalen und logischen Gesichtspunkten geregelt.

Der Keller seines Elternhauses, das übrigens ein umgewandelter Büropavillon war, hatte es in sich. Dort gab es ein Lager von allen möglichen elektronischen Bauteilen und Geräten, die sich ein phantasievoller Elektrotechniker nur vorstellen konnte. Darunter auch einige alte und sehr alte Röhrenradios. Teils zerlegt, teils aber auch noch intakt.

Als ich mich dafür interessierte, stieß ich auf Granit. Die wollte mein Schulkamerad auf keinen Fall herausrücken. Und wenn, nur dann, wenn er einen ganz besonderen Vorteil erkennen konnte. Sonst wäre der Deal ja unsinnig. Logisch!

Dieses Kaiser-Radio, das dort im Halbdunkel des verzweigten Kellers vor sich hindämmerte, gefiel mir besonders. So ein Exemplar hatte ich noch nie gesehen. Und die Marke „Kaiser“ fand man auch nicht eben an jeder Ecke. Das weckte natürlich meinen Ehrgeiz. Also opferte ich ein neueres Exemplar meiner Sammlung, das mir nicht besonders gefiel und legte noch ein paar Mark drauf, sodass sich die Waage langsam in Richtung „Vorteil“ für ihn zu bewegen begann.

Ein moderneres Radio sei doch viel besser und ausgereifter als ein altes Radio. Und für das zusätzliche Geld könne er noch weitere Elektroteile kaufen, die gerade für seine aktuelle Bastelarbeit gebraucht werden. Er wurde misstrauisch. Denn es war nicht das erste Radio, dass ich mit all meiner Überzeugungskraft aus dem Keller entführen konnte, obwohl er alles daransetzte, das zu verhindern. Natürlich erkannte er, dass ich eine gerissene Strategie verfolgte und versuchte fortan, mich von einem Gang in seinen Keller abzuhalten.

Diese Abwehrmaßnahmen halfen ihm am Ende nicht. Vermutlich machte er sich ein Entscheidungsdiagramm oder eine Tabelle mit allen Vor- und Nachteilen, rechnete hin und her und führte eine Güterabwägung mittels Punktesystem durch. Ich nervte ihn noch eine Weile und schließlich lenkte er tatsächlich ein. Meine Argumente waren objektiv nicht zu widerlegen.

Das Kaiser-Radio gehörte nun mir. Und es spielte sogar. Ich musste nichts verändern oder reparieren. In meiner ersten eignen Wohnung stand es in der Küche und dudelte fröhlich zu meinen abendlichen Toasts mit Scheiblettenkäse. Als zum ersten Mal eine Freundin bei mir übernachtete, spielte es zum Frühstück „Hotel California“ von den Eagels.

Als ich dann in weite Ferne umzog, und später in meinem neuen Domizil auf den möblierten 20 qm nun wirklich kein Patz mehr für alte Radios blieb, wurde das Kaiser zur Mumie. (link) Meine Mutter mottete meine damalige Radiosammlung sorgfältig ein und deponierte die Geräte auf dem Dachboden.

Dort, in der Diaspora verlebten sie, zusammen mit dem Kaiser, die weiteren Jahrzehnte. Eines Tages wagte ich mich die Klappleiter hinauf in die staubigen Gefilde unter dem Dach und befreite es aus seiner Isolation.

Entpackt war es immer noch so schön wie zuvor. Deshalb erwog ich eine technische Restaurierung, hatte das Chassis ausgebaut und mir schon die erforderlichen Bauteile für eine Erneuerungskur besorgt.

Das ausgebaute Chassis

Aber wie so oft kam auch diesmal wieder etwas dazwischen, schon bevor ich das Projekt richtig starten konnte. Und hier steht es immer noch. Aber je mehr ich mich damit beschäftigte, umso interessanter wird es.

Das Radiomodell:

Optisch sieht die „Romanze“ recht adrett aus. Auch wenn sie ihre technischen Besonderheiten ausgezeichnet hinter einem Durchschnittsaussehen verbirgt. Das Sprichwort „auf die inneren Werte kommt es an“ trifft nirgendwo besser zu, als auf diesen Fall.

Bevor wir „Internist“ spielen, schauen wir uns erst einmal die äußere Hülle an.

Die vielen Jahre in der Diaspora hat meine Romanze recht gut überstanden. Für sich genommen, erscheint die Gehäusegestaltung optisch gelungen. Die Skalenscheibe ist etwas nach hinten geneigt, das Holzgehäuse nach vorne gebogen und der Ausschnitt von Schallwand und Skalenscheibe ist abgerundet und elegant.

Wie es in seiner Zeit inzwischen Standard geworden war, sind die beiden Drehknöpfe rechts und links vor der Skalenscheibe platziert. Neben dem linken Drehknopf leuchtet dem Betrachter rechts daneben das „Magische Auge“ aus seinem runden Fensterchen entgegen. Unten finden wir die obligatorische weiße Tastenreihe.

Diese ist auch dann unregelmäßig gedrückt, wenn das Radio ausgeschaltet ist, denn die Netztaste springt nach Betätigung sofort wieder in ihre Ausgangsposition zurück. Dabei lässt sie die gewählten Einstellungen bestehen. In der Tastenreihe kann der Hörer zusätzlich zwischen „Musik“ und „Sprache“ wählen und klanglich eine Voreinstellung vornehmen.

Eine kleine Ausnahme von der vorderen Anordnung der Bedienfunktionen ist der rechts in die Seitenwand eingelassene Drehschalter für die Ferritantenne.

Die Frontansicht des Radios wird eingerahmt von einem Kunststoff-Inlay mit Goldstreifen, bei dem unten der Markenname „Kaiser“ eingeprägt ist. Jeweils zwei kupferne Zierleisten an beiden Seiten des 56 cm breiten Gehäuses schließen das Erscheinungsbild kunstvoll ab.

Die Skalenscheibe zeigt eine eindeutige Westausrichtung bei den dort vermerkten Sendern. Natürlich sind die britischen und US-amerikanischen Soldatensender vorhanden. Jedoch keine einzige ehemals deutsche Stadt, die zu dieser Zeit unter polnischer oder sowjetischer Verwaltung stand. Lediglich ein Eintrag mit dem Namen „Polen“ ist im Mittelwellenbereich zu finden.

Ganz geleugnet wird der Osten aber auch nicht. Es finden sich die Sender Berlin-Ost, Leipzig, Zagreb, Prag und andere. Im Kurzwellenbereich kam Kaiser auch an „Moskau“ nicht vorbei. Sogar der aus westlicher Sicht etwas exotische Sender „Tirana“ ist dort vermerkt.

Nach der äußeren Bestandsaufnahme wird es Zeit, einmal die Innereien zu begutachten. Wir finden hier nicht weniger als neun Röhren bei der Arbeit.

Oben links zu sehen: die große Ferritantenne. Die bedienung erfolgt über Seilzüge durch einen Schalter an der Seitenwand.

Es sind Röhren der 40er, 80er und 90er –Serien und dazu noch eine EM35 als Feldstärkenanzeige, sowie eine alte EL11 als Endröhre.

Dieses Modell wurde grundsätzlich allerdings mit nur 8 Röhren ausgeliefert. Dieses hier ist die besondere Variante mit neun Röhren. Es besitzt zusätzlich die Doppeldiode EAA91, die der anderen Version fehlt. Dieses Neunröhren-Modell scheint extrem selten zu sein. Selbst im bekannten Online-Radiomuseum ist kein Bild davon vorhanden. Da ich selber Mitglied in diesem Museum bin, könnte ich einmal ein paar Fotos beisteuern.

Und hier die gesamte Ausstattung: die bereits erwähnten EAA91, EM35, EL11, sowie EF80, EC92, EF85, ECH81, EF41, EBF80.

Der Dreifach-Drehkondensator

Nicht nur die Röhrenanzahl beeindruckt nach Abnahme der Rückwand. Gleich am Anfang staunt man über den riesigen Drehkondensator. Ja, hier haben wir es mit einem echten dreifach Drehko zu tun.

Das bedeutet, dass wir im AM-Bereich 8 Kreise haben, die aber wesentlich aufwändiger gestaltet sind als übliche Achtkreiser. Hier gibt es eine abstimmbare Hochfrequenz-Vorstufe, die auf einen hervorragenden AM-Empfang schließen lässt.

Auch die Länge der Ferritantenne überrascht. Das deutet ebenfalls auf eine besondere Empfangsstärke im Mittelwellenbereich hin. Gleichzeitig verfügt dieses Radio auch noch über eine variable Bandbreiteneinstellung. Durch die fließende Veränderung der Bandbreite im AM-Bereich, konnte man entweder die Anzahl der empfangenen Sender (z.B. bei der Stationsjagt im Kurzwellenbereich) vergrößern oder sich eher für weniger aber dafür trennschärfere Sender entscheiden. Die Einstellung erfolgte über den rechten Drehknopf.

Ich selber habe allerdings damals nur auf UKW gehört, was auch nicht schlecht war. Hierfür standen 9 FM-Kreise zur Verfügung.

Bei diesem technischen Aufwand hätte ich allerdings einen noch etwas besseren Sound erwartet. Gerade auch, weil man dem Gerät zwei Frontlausprecher spendiert hat. Daher erstaunt ein wenig, dass für die Klangeinstellung nach alle diesen Highlights nur eine einfache Tonblende eingebaut wurde. Bei diesen technischen Leckerbissen, hätte man gerade beim Klangregelwerk sicher noch mehr herausholen können.

Insgesamt also ein sehr interessantes Modell, dass noch seiner Auffrischung harrt. Die Teileliste für die Kondensator-Kur habe ich noch zur Hand. Vielleicht widme ich mich doch noch einmal der Restaurierung.

Das Radio in seiner Zeit:

Die Firma Kaiser war 1952 noch sehr vital. Sogar mit einem gewissen Erfolg.

Nachdem man ursprünglich nur Zahlen als Modellnamen bevorzugte, wurde diese Serie etwas volkstümlicher und charmanter getauft. Wer könnte zu einer „Romanze“ schon nein sagen? Natürlich war auch dieser Name schon Mainstream in seiner Zeit. So eine Art „Karl-Heinz“ der 50er für Radios. Denn es gab bereits so einige Radiohersteller in Ost und West, die ein „Romanze“-Radio im Programm hatten (z. B. Ares Romanze).

Überhaupt ist die Namensgebung der Firma Kaiser recht interessant. 1952 begannen die klangvollen Modellbezeichnungen zu sprießen. Es gab z.B. die „Kaiser-Hymne“, die Kaiser-Symphonie“, den „Kaiser-Walzer“. Ab 1953 wechselte Kaiser von der leichten Muse hin zum etwas mehr Geopolitischem. Denn nun bekamen die Radios die Namen der Städte aus den verlorenen deutschen Ostgebieten. Nun hießen die Radios plötzlich „Breslau“, „Danzig“, „Stettin“, „Königsberg“ und „Schlesien“. Ab 1955 wurden dann wieder neutrale Ziffern verwendet.

Ein kleiner Makel war die langweilige Gehäusegestaltung. Bis auf ganz wenige Ausnahmen hatten alle Kaiser Radios praktisch ein nur in Details angepasstes, etwas phantasiebefreites Einheitsdesign. Was bei Grundig vielleicht zu einem gewissen Wiedererkennungeeffekt führte, ist hier einfach ziemlich öde. „Kennst du eins, kennst du alle.“ Das ist schade, denn so großartige Modelle wie das Breslau W1090 von 1953 mit 11 AM und 11 FM-Kreisen und zehn Röhren wurde ebenfalls in diesem einheitlichen Mauerblümchen-Design versteckt. Wer wollte bei dieser Verpackung 1953 schon die erhebliche Summe von 548,- DM ausgeben?

Vielleicht war das einer der Gründe, warum Kaiser nie wirklich durchstarten konnte. Diese Einheitskastenform wurde sogar bis 1955 beibehalten. Erst danach bemühte man sich um ein anderes Aussehen der Produkte.

Zeitgenössische Vase von ES-Keramik, Rheinbach. Künstler: Hans Kraemer

Immerhin konnte man noch bis 1968 Kaiser Radios kaufen. Dann wurde die Firma von Grundig aufgekauft und ging anschließend noch durch viele Hände. Käufer waren Dual, Schneider, Thomson-Brand. Endstation ist aktuell TCL, ein chinesisches Unternehmenskonglomerat.

1952 war die Welt noch eine andere. Die meisten Chinesen kauften keine deutschen Unternehmen, sondern gingen zu Fuß oder fuhren mit dem Fahrrad. In der Bundesrepublik konnte man währenddessen dieses Kaiser Romanze W970, das bis 1953 angeboten wurde, für 379 DM erwerben.

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