Kaiser W 562

1950

Seriennummer: 020033

Vorbemerkung:

Dieses seltene Radio aus dem Hause Kaiser entdeckte ich auf einer Internet-Auktionsbörse und bekam den Zuschlag. Daher kann ich zum „Vorleben“ nicht viel berichten.

Auf der Suche nach ungewöhnlichen Radios, fiel mir dieser kleine Empfänger gleich ins Auge. Solch ein Modell der Marke „Kaiser“ hatte ich vorher noch nie gesehen. Es ist unverwechselbar mit seinem schlichten aber geschmackvollen Gehäuse und noch Lichtjahre vom Einheitsdesign der späteren 50er Jahre entfernt.

Den Transport per Paket-Post zu seinem neuen Zuhause hatte es dank guter Verpackung wohlbehalten überstanden.

Das Radiomodell:

Schon der Hersteller macht diesen Empfänger zu einer kleinen Besonderheit. Zwar hatte die Firma Kaiser einige recht erfolgreiche Radios in den 50er Jahren verkaufen können. Zu den wirklich großen und bekannten Marken aufzuschließen, gelang den Unternehmern aber nicht.

Dabei war „Kaiser“ schon in der Pionierzeit des Rundfunkempfangs aktiv. Bereits in den 20er Jahren wurden Kopfhörer und Lautsprecher gefertigt, aber nie komplette Radios. Eine spärliche Radioproduktion begann erst nach dem Krieg. Ab 1949 und dabei ziemlich improvisiert, wie überall im zerstörten Nachkriegsdeutschland. Später professioneller und mit ersten Serienprodukten.

Als eigenständige Marke erlosch „Kaiser“ 1969, nachdem die Firma 1968 von Grundig übernommen wurde.

Aus der Anfangszeit von Kaiser als Hersteller von kompletten Empfängern stammt dieses kleine Radio von 1950 mit dem wenig romantischen Namen „W 562“, das bis 1951 im Handel blieb.

Es verblüfft durch seine Formgebung, die auf der Frontseite zu verheimlichen scheint, dass es ein Radio ist. Keine Drehknöpfe oder Schalter trüben das Holzgesicht und die Skalenscheibe streckt sich über die Breite vor dem Stoffbezug wie ein halbtransparentes Schmuckelement.

Eingerahmt wird alles durch eine streng rechtwinklige Metall-Zierleiste.

Im Ergebnis zeigt sich eine völlig schalterlose, beinahe technikbefreite Frontgestaltung.

Dafür wimmelt es nur so von Knöpfen an den Seitenwänden.

Links der kombinierte Netz- und Lautstärke-Drehschalter, rechts unten der Wellenbereichsumschalter und darüber, etwas versetzt, der Sendersuchknopf.

Der Netzschalter auf der linken Seite hat insgesamt drei Funktionen. Nummer eins ist die Inbetriebnahme und das Ausschalten. Dann bietet er, wie üblich, die Möglichkeit durch Drehen die Laustärke einzustellen. Nummer drei ist versteckt. Der Schalter ist federnd gelagert. Durch Herausziehen kann man den Klang regeln. Nachdem der richtige Sound gefunden wurde, kann er losgelassen werden und die Feder zieht ihn wieder in seine ursprüngliche Lage zurück. Danach dient er wieder zur Laustärkeregelung.

In der Mitte der noch unklare Drehschalter. Hier schon vermerkt: die UKW-Nachrüstung mit EF42 & EF41

Auf der Rückseite habe ich noch eine weitere drehbare Achse gefunden, die unbeschriftet aus der Rückwand herausragt und an der innen ein Potentiometer angeschlossen ist. Diese Funktion erschließt sich mir derzeit noch nicht.

Ausgestattet wurde es mit den Empfangsbereichen LW, MW und KW. Alles andere wäre auch verwunderlich. 1950 gab es für die gerade erst in West-Deutschland eingeführte Ultrakurzwelle nur eine sehr kleine Anzahl von meist großen und hochwertigen Radioempfängern, die diesen Wellenbereich verarbeiten konnten. Kleingeräte gehörten nicht dazu, auch wenn man hier von „UKW vorbereitet“ sprach. Das hieß, dass man vielleicht einen separaten UKW-Empfänger nachträglich einbauen konnte und ansonsten der UKW-Bereich lediglich auf der Skalenscheibe wiedergegeben wurde.

Genau diese Nachrüstung ist bei diesem Gerät erfolgt, was es nun auch technisch interessant macht. Besonders die Art und Weise, wie der UKW-Empfangsteil eingebaut wurde ist erstaunlich.

Es sieht nach einer etwas improvisierten Arbeit aus, auch wenn nicht bezweifelt werden soll, dass es von einer Fachfirma durchgeführt wurde. Auf der Rückseite ist dann auch durch einen Aufkleber offiziell dokumentiert, dass es nun die „UKW Röhren: EF 42, EF 41“ zusätzlich gibt.

Es handelt sich also um einen UKW-Pendler, der noch nicht ganz das Erlebnis des UKW-Empfangs vermitteln konnte, wie es spätere Schaltungen ermöglichten.

Das UKW-Einbauteil ist abenteuerlich mit seinem Tuner oben unter dem Gehäuse angeschraubt. Die erwähnten neuen Röhren hängen dabei kopfüber nach unten gerichtet. Ein Seilzug, der am Sendersuchseil des Drehpotentiometers angeschlossen ist, führt zu ihnen nach oben hinauf. Zur Ehrenrettung dieser Lösung muss aber erwähnt werden, dass es im Inneren des kleinen Gehäuses ziemlich eng zugeht.

Links oben sitzt das UKW-Empfangsteil

Im Übrigen haben wir die typische Röhrenbestückung der Zeit. Mit den zeitgenössisch sehr beliebten Rimlocks der 40er-Serie. Als da wären: EAF42, ECH42 und als Endröhre die EL41. Gleichrichter ist die AZ41 und eine Feldstärkenanzeige hat es auch schon, nämlich über die EFM11.

An der Seitenwand innen gibt ein Aufkleber Auskunft über den Laden, der dieses nette, etwas über 41 cm breite Gerät an seine neuen Besitzer verkauft hat. „Fernsehdienst Kokkelink“ ist dort zu lesen, „295 Leer-Heisfelde“.

Laut Vorbesitzer soll es auch noch „halbwegs“ funktionieren. Das habe ich vorsorglich ohne weitere Vorbereitungen noch nicht ausprobiert. Die Sicherung ist mit Folie überbrückt. Auch das macht momentan keinen wirklich vertrauenswürdigen Eindruck.

Das Gerät in seiner Zeit:

Wie so viele andere Firmengründungen in den späten 40ern, versuchten auch die Eigentümer von Kaiser, mit der Herstellung von gefragten Konsumprodukten ihr Glück am freien Markt zu machen. Die Einführung einer neuen West-Währung machte es möglich. Und nun befand man sich zudem in einem neugegründeten Land, der erst kürzlich aus der Taufe gehobenen Bundesrepublik Deutschland. Damit schien eine solide Grundlage für unternehmerisches Handeln sicherer zu sein, als es im sozialistischen Teil Deutschlands, der ebenfalls neu gegründeten DDR der Fall war.

Ein großer Hersteller wurde Kaiser jedoch nie, obwohl es später eine Reihe interessanter größerer Modelle (Kaiser Romanze W970) gab, die sich durch teilweise ausgezeichnete technische Leistungen auszeichneten.

Leider blieb aber am Ende vom innovativen Design der Anfänge oder weiteren kreativen Lösungen nicht viel übrig. Die gewählte Gehäusegestaltung ging bei nachfolgenden Geräten im langweiligen Einerlei des späteren 50ger Mainstreams gnadenlos unter. Warum sollte der potentielle Kunde ein Kaiser-Radio kaufen, wenn die etablierten Marken und Marktführer ähnliches und am Ende auch fortschrittlicheres zu bieten hatten?

Vase 50er Jahre, ES-Keramik Rheinbach, Künstler: Hans Kraemer

Geblieben sind die Blüten der späten 40er / frühen 50er, wie auch dieses Schmuckstück. Ein Vergleich mit dem zeitgenössischen SABA Triberg W wäre interessant. Das Kaiser-Radio war praktisch der direkte Konkurrent. Selbst die Gehäusegestaltung ohne Schalter an der Front, weist Gemeinsamkeiten auf.

Im Gegensatz zum SABA habe ich das kleine Kaiser aber noch nicht restauriert. Das SABA Triberg W kostete seinerzeit rund 200,- DM. Für das Kaiser Radio musste man deutlich mehr über die Landetheke reichen. Dafür waren 257,- DM (ohne UKW-Teil) fällig.

Damals ein gewaltiger Mehrpreis. Für den Aufpreis bekam der Käufer bei Kaiser allerdings ein echtes Holzgehäuse und zusätzlich ein „Magisches Auge“ als Abstimmanzeige.

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