Loewe Opta 3953W Rheingold 53

1952

Seriennummer: 47502

Das Radio in seinem Eingangszustand

Vorbemerkung:

Dieses Radio wurde auf Anhieb mein Liebling. Von null auf hundert auf einen Blick. Ich konnte es kaum glauben, dass es mir bei einer privaten Wohnungsauflösung im Oktober 2022 in der Nähe von Düren für gerade einmal 30 EUR angeboten wurde. Dabei war es tadellos in Schuss. Nur ziemlich verschmutzt.

Die verstorbene Tante hatte es die letzten Jahrzehnte nicht mehr benutzt. Es stand aber trocken und geschützt die ganze Zeit auf dem Schlafzimmerkleiderschrank. Es brauchte also nur etwas Zuwendung für eine optische Auffrischung.

Dann zeigte es sich wieder in fast neuwertigem Zustand. Dieses Loewe-Opta-Gerät wollte ich immer schon haben. Warum steht weiter unten.

Das Radiomodell:

Was für ein ungewöhnliches Design!

Hier haben wir einen Vertreter der frühen 50ger Jahre, der immer noch in der Formensprache der 30ger gefangen ist.

Die für die Vorkriegszeit typische Anordnung des Lautsprechers auf der linken und der quadratischen Senderskala auf der rechten Seite spricht zu uns in der Sprache längst vergangener Zeiten.

Und doch, oder gerade deshalb, geht ein ganz besonderer Reiz von dieser Formgestaltung aus.

Dann versuchten die Designer auch noch das schier Unmögliche. Neben der Wahrung der alten Epoche, wollten sie im selben Moment auch noch die neue Zeit überholen und verpflanzten zusätzlich eine hochaktuelle elfenbeinfarbene Drucktastenzeile in die Mitte.

Eine wahrhafte „mission impossible“, möchte man denken. Die unmittelbaren Vorgängermodelle (z.B. Loewe Opta 3751W Rheingold) hatten die weißen Tasten noch nicht. Trotzdem wirkt das ungewöhnlich große Gerät ausgesprochen harmonisch.

Alles fügt sich auf seine ganz eigene Art und Weise zu einem Gesamtkunstwerk zusammen. Was für eine erstaunliche Formensprache, so kurz vor der Einführung des etwas monotonen 50ger-Jahre-Einheitsstandards, das nur noch wenige individuelle Ausreißer in der Gestaltung zuließ.

Günter Abele schreibt dazu in seinem Buch „Historische Radios“ in Band III (S. 128): „Die Gestaltung reizt den Sammler: ein Radio mit der Skalenanordnung aus den Dreißigern – und dazu Klaviertasten…“ Das hat er treffend erkannt. Das reizt den Sammler tatsächlich. Ich kann es im Selbstexperiment bestätigen.

Die Tasten sind zudem interessant angeordnet: Die „Aus“-Taste ist rechts angeordnet. Üblicherweise findet man sie auf der gegenüberliegenden linken Seite. Die Beschriftung ist direkt oben auf den Tasten ausgeführt. Da sieht man, dass es zwei Kurzwellenbereiche mit eigenen Schaltern gibt.

Die plastische Gestaltung des gewaltigen Gehäuses zeigt sich besonders aus der Seitenperpektive

Technisch entspricht der Loewe dem gehobenen Standard seiner Zeit. Leider habe ich es noch nicht in Betrieb nehmen können. Nach der langen Standzeit will ich das einmal behutsam unter Beobachtung der Messwerte machen. Daher kann ich auch noch nichts zum Klang sagen.

Allerdings gibt es hier gleich zwei Rimlock EL41 Endröhren in der Ausgangsstufe, die hier parallelgeschaltet sind. Für Power dürfte also gesorgt sein. Der FM-Bereich hat immerhin 11 Kreise. Noch eine Verbesserung zum Vorgängermodell. Das alles und auch die Breite von 62 cm zeigt, dass es sich hier eindeutig um ein Radio der gehobenen Klasse handelt.

Es ist ein Neun-Röhren Apparat mit zwei separaten Kurzwellenbereichen und einer stufenlos veränderbaren Bandbreitenregelung. Daneben empfängt es natürlich auch Mittelwelle und Kurzwelle. Außerdem hat es einen UKW-Tuner bereits ab Werk installiert. Was will man mehr im Jahre 1952?

In dieser Form blieb es ins nächste Jahr 1953 im Programm.

Die Röhrenbestückung besteht aus zeitgenössisch aktuellen Rimlock-Röhren, wobei schon eine neue ECH 81 verbaut ist, die später in den 50ern zum Standard gehören wird. Wir finden im Übrigen die EF 42, EF 41 zwei Mal, EAF 42, EB 41 und die zwei EL 41 als Endröhren.

Das technische Kunstwerk bringt dann um die 17 Kg auf die Waage.  

Das Gerät in seiner Zeit:

Es ist das Model des Jahres 1953. Es könnte auch schon Ende 1952 auf den Markt gekommen sein. Also sieben bis acht Jahre nach Ende des Krieges. Der geforderte Preis von ca. 550 DM war da schon eine Ansage.

Es zielte also eindeutig auf die bereits langsam wieder gebildete Schicht der Wohlhabenden in Westdeutschland ab. Also solche (erst seit kurzem) Bundesbürger, die entweder gut durch die chaotischen Unwägbarkeiten der voran gegangenen Schreckensjahre gekommen sind und einen Teil ihres Vermögens retten konnten. Oder solche, die sich schnell in den brandneuen Zeiten der Nachkriegsjahre zurechtgefunden hatten und schon wieder auf dem Weg nach oben waren.

Die westdeutsche Gesellschaft befand sich mitten drin in den so genannten „Wolfsjahren“. Also in der Zeitepoche, in der man sich mit Ellenbogen, Fleiß, Geschick, Glück, Durchsetzungsvermögen oder auch mit List und Skrupellosigkeit seinen Platz in der neuen Weltordnung erobern musste. Egal was gestern war.

Auch wenn die Aussicht auf das kommende fulminante „Wirtschaftswunder“ noch nicht wirklich erkennbar war, boten sich bereits erste wirtschaftliche und soziale Chancen, die noch kurz zuvor als unvorstellbar galten.

Sicher hatte die Klientel des neuen Loewe-Opta 3953W Rheingold 53, der manchmal auch als „Opta-Spezial“ vermarktet wurde, eine gewisse konservative Vorliebe. Vielleicht in schmerzlicher Sehnsucht nach der viel zitierten „Vorkriegs-Qualität“, mit der nach den Zumutungen der Nachkriegs-Notzeit einige Radioanbieter warben.

Auch wenn die Form – wie beschrieben – auffällig an die Geräte der 30ger Jahre erinnerte, dürfte man die Vorzüge der schnellen übersichtlichen Wellenwahl mittels neuer heller Drucktasten und den neuen UKW-Empfang geschätzt haben. Dieser Cocktail versprach eine Verschmelzung der Solidität aus der Vergangenheit mit den technischen Versprechungen aus der Zukunft.

Die Familie der verstorbenen Tante in dem großen Haus aus der Vorkriegszeit mit drei Etagen, konnte sich diesen Drink jedenfalls 1953 schon wieder leisten.

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