Loewe Opta 3751W Rheingold

1950

Seriennummer: 53370

Vorbemerkung:

Natürlich wollte ich im Dezember 2023 nur einmal ganz kurz in den Kleinanzeigen nachsehen, was es auf dem Röhren-Radiomarkt an neuen Angeboten gibt. Und ich wollte nicht kaufen, ganz ehrlich. Nur schauen, nicht anfassen. Getreu dem Motto: „…und führe mich nicht in Versuchung!“ (Vaterunser, Matthäus 6,13). Es half nichts. „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (Matthäus 26,41 und Markus 14,38). Immer eine gute Ausrede.

Das lockende Angebot zum Selbstabholen lag in einer idyllischen Landschaft, die zudem zu einer schönen Wanderung einlud. Ein nettes Argument für eine kleine Spritztour in die Eifel. Das Radio lag dabei quasi auf dem Weg. Das war natürlich reiner Zufall. Es war nichts weiter als eine nette Geste der Zuwendung, mit dem Anbieter wenigstens ein freundliches Gespräch zu führen. Und ich bin ein freundlicher Mensch. Wir hielten an einem alten Gehöft, das an einen Wald grenzte.

Der Verkäufer erklärte uns redselig, dass es aus dem Nachlass einer Nachbarin stamme. Ehrlich gab er zu: „Dat tudet net mieh!“ Also defekt. „Isch hann et probiert, ewer da tut sisch nix mieh“. Also kann ich nicht viel kaputt machen, dachte ich und legte spontan die 30 EUR auf den Tisch.

Trotz aller Anstrengungen zur Vermeidung eines solchen Szenarios (siehe oben), war ich um ein Exemplar für meine (zu) umfangreiche Radio-Sammlung reicher.

Das Radiomodell:

Also schauen wir uns den Fang näher an.

Wir haben hier ein noch ganz ansehnliches Loewe Opta aus dem Düsseldorfer Werk der Fima. Dieses wurde auch unter dem Markennamen „Opta-Spezial GmbH“ vermarktet.

Das 3751W Rheingold ist der Vor-Vorgänger des Loewe Opta 3953W Rheingold 53. Es hat noch die einfache Front, ohne den unteren Bogen. Die Gestalter des späteren 3953W Rheingold 53 hatten dem neuen Modell dieses zusätzliche Designelement spendiert, was optisch zu einer besondere Tiefe in der Frontgestaltung führt. Zudem bekam es zusätzlich noch die modischen weißen Tasten, die hier noch fehlen.

Bei beiden Modellen hielt man bei Loewe-Opta immer noch an der typischen Vorkriegsgestaltung fest. Also Skala rechts, Lautsprecher links und darunter die Drehknöpfe. Der Frequenzumschalter ist an der rechten Seite angebracht.

Als Besonderheit hat das Radio zwei Kurzwellenbereiche und sogar eine variable Bandbreitenverstellung, auch „Kurzwellenlupe“ genannt. Damit kann man im AM-Bereich entweder viele Sender in oft geringerer Qualität oder aber wenige Sender mit besserer Trennschärfe empfangen. Ganz nach Gusto.

Wir haben es bei dem hier beschriebenen Gerät mit der „High-Tech-Variante“ zu tun. Warum? Das Modell gab es als Standard-Ausführung mit 2 x KW, MW und LW. Dies hier ist jedoch die erweiterte Ausführung mit ab Werk eingebautem UKW-Receiver.

Etwas verwirrend ist die Modellbezeichnung. Denn das reguläre „3751W“ wäre eigentlich das 5-Röhren-Modell ohne UKW. Hier haben wir aber die 8-Röhren-Variante, die richtigerweise „3751W UKW“ heißen müsste. Diesen dezenten Hinweis auf die UKW-Empfangsmöglichkeit sparte sich Loewe.

Wer sich als Käufer für die UKW-Ausführung entschieden hatte, musste dafür einen Aufpreis von 50,- DM bezahlen. Der Endpreis betrug dann stattliche 389,- neue DM, die in Westdeutschland erst zwei Jahre vorher in Rahmen der Währungsreform eingeführt wurde.

Auf den Markt kam dieses Radio im Jahre 1950 und wurde bis 1951 angeboten. Es gehört damit zu den ganz frühen UKW-Empfängern in beiden Deutschlands. (Weitere Infos zur Einführung von UKW unter Graetz Super 154 W)

Auf der Rückwand hat jemand handschriftlich notiert „Baujahr 21. Jan. 1951“. Da wohl niemand genau sagen kann, wann das Gerät im Werk wirklich hergestellt wurde, das aufgeschriebene Datum aber sehr genau ist, dürfte es sich wohl um das Kaufdatum handeln.

Das spricht dafür, dass es wahrscheinlich Ende 1950 gefertigt wurde und dann, vielleicht als nachträgliches Weihnachtsgeschenk, Mitte Januar 1951 zur Auslieferung an den Kunden kam.

Das Gehäuse ist in einem ansprechenden Zustand. Das Holz und der Lack sind soweit okay. Nur oben fällt eine Mattstelle auf und natürlich sind auch hier die typischen Blumenvasenränder zu erkennen. Das schein bei den alten Holzradios der 50ger Jahre beinahe unvermeidlich zu sein. Ein Gruß an die Hausfrau. Mit den richtigen Holzauffrischungsmitteln konnte ich das wieder halbwegs hinschminken.

Im Übrigen ist es offenbar vollständig. Alle Schalter und Knöpfe sind unbeschädigt vorhanden und gangbar und die Skalenscheibe in gutem Zustand.

Ein Blick auf die Senderbezeichnungen lässt erkennen, dass Loewe noch nicht von den deutschen Ortsbezeichnungen der Vorkriegszeit abgewichen war. Die deutschen Ostgebiete waren schließlich noch nicht annektiert. Das alte Westpreußen war offiziell unter „polnischer Verwaltung“. Es bestand also noch die Hoffnung, dass irgendwann alles wieder zurückgegeben wird. Wir sehen hier die Städte „Posen“ und „Gleiwitz“.

Interessant ist auch die Senderbezeichnung „NWDR-Berlin“. Da fragt man sich, was der „Nordwestdeutsche-Rundfunk“ mit Berlin zu tun hatte. Berlin war bei allem guten Willen weder Norddeutschland und schon gar nicht Westdeutschland.

Auch hier liegt die Erklärung im geschichtlichen Zusammenhang. Als erster Alliiertensender wurde schon am 4. Mai 1945 Radio Hamburg gegründet. Dieser Sender konnte ohne größere Beschädigungen übernommen werden. Etwa vier Monate später wurde dieser Sender der Hauptsender für die gesamte britische Besatzungszone und daher in „NWDR“ umbenannt. Es blieb für die westlichen Siegermächte rundfunktechnisch jedoch das „Berlin-Problem“.

Die Russen hatten sich 1945, nach Eroberung der Reichshauptstadt Berlin, alle brauchbaren Sender für damals noch „Großberlin“ unter den Nagel gerissen.

Nachdem in Berlin die Westarmeen in die für sie vorgesehenen Besatzungszonen eingerückt waren, nahmen sich die Briten das „Studio Berlin“ in „ihrem“ Stadtteil Wilmersdorf und unterstellten es unmittelbar ihrem Hamburger „NWDR“-Sender. So entstand der Sender „NWDR-Berlin“.

Allerdings nur für kurze Zeit. Die Sendeanstalt wurde 1953 eigenständig und in „Sender Freies Berlin“ umbenannt. Viele Jahrzehnte bekannt als „SFB“.

Auffällig ist das bemerkenswert hohe Gewicht des Geräts. Der Autor der Bücher „Historische Radios“, Herr Günter Abele, hat dafür eine nette Bezeichnung geschaffen: es ist ein „Bauernradio“. Nach seiner Ansicht bemaßen die Landwirte die Qualität eines Radiogeräts an dessen Gewicht. War es zu leicht, taugte es nichts.

Das hier sollte diese Prüfung problemlos bestanden haben. Und ich fand es im ländlichen Bereich. Stimmt etwa die Vermutung des Autors…?

Ein Blick ins Innere, der momentan röhrenlos ist. Inzwischen liegt das Chassis schon eine Weile bei mir auf dem Operationstisch. Die Röhren habe ich beiseitegelegt.

Alles scheint komplett zu sein. Ganz unverbastelt ist es aber nicht. Vor langer Zeit wurde offensichtlich schon einmal das Stromzuführungskabel erneuert. Am Ausgangstrafo war ein Kabel ab und baumelte in der Luft und die angebliche EL 41 – Endröhre ist niemals eine EL 41.

Eingebaut ist eine EL (so viel ist bei der VALVO noch sichtbar) als Rimlock. Der Rest der Aufschrift bleibt im Verborgenen und ließ sich auch nicht durch spezielle Beleuchtung oder Anhauchen rekonstruieren. Da es aber nicht allzu viele EL-Rimlock-Röhren gab, gehe ich aufgrund der niedrigen Bauweise davon aus, dass es sich sehr wahrscheinlich um eine EL 42 handelt. Sie konnte ohne Umsockelung durchaus als Ersatz für eine EL 41 verwendet werden. Allerdings wurde sie für geringe Verstärkerleistungen konstruiert und man fand sie zum Beispiel in Autoradios. Für das Lowe dürfte sie ziemlich untermotorisiert gewesen sein.

Weiterhin ist die Sicherung durchgebrannt, was die völlige Grabesstille des Radios erklärt. Ich fand im Inneren auch noch ein durchgebranntes Skalenlämpchen, das auf dem Gehäuseboden herumlungerte. Es bleibt also abzuwarten, ob sich eine Wiederbelebung lohnen könnte.

Das Durchmessen der Röhren stimmte positiv, Bis auf eine, die für mich leider nicht prüfbare EFM 11, waren alle in einem überraschend leistungsfähigen Zustand.

Interessant ist der eingebaute UKW-Tuner aus dem Jahr 1 nach dem Start von UKW in West-Deutschland. Wir haben hier, wie erwähnt, das 8-Röhrengerät. Hier sind, bis auf die Anzeigeröhre, durchgehend die gerade erst im Westen entwickelten Rimlock-Röhren verbaut. Die Erstausrüstung scheint mit Valvo-Röhren erfolgt zu sein. Die EB 41 dient auch hier alleine zur Demodulation der FM Signale. So wie bei dem Konkurrenzmodel von Graetz.

Das Gerät in seiner Zeit:

Wir befinden uns etwa am Ende des Jahres 1950. Wir dürfen bei unserer Zeitreise nicht vergessen, dass der totale Untergang Deutschlands gerade einmal fünf Jahre zurückliegt. Noch vor vier Jahren sind Menschen in der Nachkriegsnot Deutschlands verhungert. Und ein großer Teil der deutschen Soldaten befindet sich noch in Gefangenschaft oder gelten irgendwo in den Schlachtfeldern als verschollen.

Auch der Firmengründer Sigmund Loewe, der aus einer christlich/jüdischen Familie stammte, hat bewegte Jahre hinter sich. Er gehörte zu den Pionieren des Rundfunks und hatte schon 1915 den Posten als Laborleiter bei der Firma Huth inne. In den Anfangsjahren der Rundfunktechnik ein großer Name. Nach Machtergreifung der Nationalsozialisten sah er sich Anfeindungen des Regimes ausgesetzt. Daher fasste er 1936 den weisen Entschluss, Reichsdeutschland zu verlassen und in die USA auszuwandern. Dort gründete er eine neue Firma, die Loewe Radio Inc. Zwei Jahre später, 1938, wurden seine Firmenanteile in Deutschland von den Nationalsozialisten enteignet.

Nach dem Krieg hatten sich die Verhältnisse komplett geändert. 1946 ist er wieder in Deutschland und kann 1948 seine Restitutionsansprüche erfolgreich geltend machen. Er ist damit wieder Herr seines Unternehmens. Allerdings sind seine Vorkriegsniederlassungen in der Sowjet-Zone verloren. Loewe-Opta-Leipzig wird nun von den dortigen Sozialisten enteignet. Seine Firma erhält ab 1950 den Namen VEB Sternradio Leipzig. Der Versuch einiger ehemaliger Mitarbeiter, mit Fertigungsmaterial in die Westsektoren Berlins zu flüchten, scheitert. Der Plan wird verraten und von den sowjetischen Besatzern durchkreuzt.

Die neue Heimat von Loewe entwickelt sich im westdeutschen Kronach. Dort werden bis heute Loewe-Fernseher und Audioprodukte hergestellt.

In diesem Teil Deutschlands regt sich nach Einführung der neuen D-Mark auch wieder erstes Wirtschaftsleben. Ein weiteres Werk in Düsseldorf-Heerdt beginnt 1950 die Produktion von Loewe-Radios. Das ist die Geburtsstätte unseres hier vorgestellten Geräts. Das Eröffnungsjahr der Fabrik fällt in das Geburtsjahr des 3751W Rheingold. Unter dem Firmen-Namen „Opta Spezial“ wird dort bis 1954 produziert.

Die im Prinzip seltenen Rheingold-Modelle sind, wie der Name schon andeutet, auch heute noch im Rheinland häufiger zu finden, als in anderen Teilen Deutschlands. Das dürfte an der Fertigungsstätte Düsseldorf gelegen haben. Die Transportlogistik quer durch das nach dem Krieg verbliebene Westdeutschland war fünf Jahr nach dem totalen Untergang noch nicht wieder gut ausgebaut. Das erklärt die starke regionale Verbreitung im mehr oder weniger großen Umfeld der Fabrik.

Zweifellos war der Start des UKW-Sendeformats eine der größten Revolutionen der Rundfunkgeschichte. Der innovative UKW-Sendestart hatte in Westdeutschland erst einige Monate zuvor im Jahre 1949 begonnen. Es waren eher erste Sendeexperimente als ein regulärer, großflächiger Rundfunkbetrieb. Die ultrakurze Welle war neu und bei einigen misstrauischen Leuten sogar als gesundheitsschädlich gefürchtet. Es gab zudem kaum Rundfunkempfänger mit einem eingebauten UKW-Empfangsteil.

Dieser Loewe gehörte zu dieser kleinen Elite. Mehr zur Epoche und zur Entwicklung des UKW-Betriebs in Deutschland findet Ihr bei der Beschreibung des Graetz 154W.

Der Graetz 154W aus dem gleichen Jahr, gehört zusammen mit dem Loewe zu den UKW-Pionieren. Der Loewe war ganz klar ein Konkurrenzprodukt zum Graetz 154W.

Der Loewe-Opta Spezial 3751W Rheingold ist beachtliche 62 cm breit und mit zwei Kurzwellenbereichen sowie einer variablen KW-Bandbreite ausgestattet. Er gehörte 1950 zu den Spitzenprodukten im Radiobau der gerade erst aus dem Ei geschlüpften Bundesrepublik Deutschland. War er besser als der Graetz 154W? Das wäre ein interessanter Vergleich. Leider ist mein Graetz noch nicht spielbereit.

Mit dem günstigeren Marktpreis hatte Loewe allerdings die Nase vorn. 389 DM kostete das Gerät mit UKW-Teil. Für den optisch moderneren Graetz 154W hätte man noch tiefer in die Tasche greifen müssen. Sein Preis lag bei 432 DM. Der vermeintlich kleine Mehrbetrag von 43 DM klingt aus heutiger Sicht nach einer nur geringen Differenz. Bei einem nach heutiger Kaufkraft umgerechneten Durchschnittslohn von gerade einmal 56 Cent die Stunde, war das 1950 aber schon ein gewaltiger Griff in die Lohntüte.

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