1949
Seriennummer: 120090

Vorbemerkung:
Ein Lumophon! Wow, das ist schon eine echte Seltenheit.
Die geforderten 130 Euro erschienen mir dennoch etwas zu hoch gegriffen. Aber ich konnte mich nicht zurückhalten, einmal unter Vorbehalt der persönlichen Begutachtung 50 EUR anzubieten. Als ich ein positives Feedback bekam, fuhr ich in einen kleinen Ort südlich von Bonn, unmittelbar am Rhein gelegen und betrat den Antiquitätenladen an der Ecke einer Kreuzung.
Das Radio war für die Inhaber ein Beifang. Hier wurden historische Möbel restauriert. Das kleine Radio gehörte offenbar zu einem Gesamtkauf von Antiquitäten und passte nicht so recht ins dortige Angebot. Holz und Lautsprecherstoff waren in einem bemerkenswert guten Zustand. Leider hatte es vorne zwei unterschiedliche Knöpfe, die beide nicht dem Original entsprachen. Deshalb reduzierte ich mein Angebot auf 40 EUR und bekam dennoch die Hand zur Besiegelung unseres Geschäfts gereicht.
Das Radiomodell:

Die Besonderheit bei diesem Modell ist die seltene deutsche Marke Lumophon, das frühe Modelljahr 1949 und der ziemlich gute Allgemeinzustand.
Wie erwähnt sind die vorderen Einstellknöpfe leider nicht mehr original. Es wird schwer werden, die korrekten Teile wiederzubeschaffen. Auch aus meiner Ersatzteilsammlung im Keller konnte ich nichts Entsprechendes sichten. Daher platzierte ich einen zumindest der Größe nach passenden Knopf auf der linken Seite. Den originalen rechten Knopf nahm ich von der rechten Gehäusewandseite nach vorne.

Die Skala, das Gehäuse und die Stoffbespannung sehen dagegen ausgezeichnet aus, wenn man bedenkt, welch eine bewegte ereignisreiche Zeitspanne das kleine Gerät bis heute zu überstehen hatte.
Unpassend ist auch das Stromzuleitungskabel. Hier hatte ein Bastler ein dreiadriges dickes weißes Kabel gewählt. Es ist mit dem Rest des stoffumspannten Originalkabels im Gehäuse mit einer Lüsterklammer verbunden. Ansonsten scheint es auf den ersten Blick nicht verbastelt, sondern original und vollständig zu sein.
Vorne links schaltet man es mit einer Drehbewegung ein. Vorne rechts befindet sich die Bedienung des Drehkondensators zur Senderwahl.

An der rechten Seite sehen wir zwei übereinanderliegende Schalter. Der untere ist der Wellenumschalter. Dieser ist noch im Original erhalten. Der Drehschalter darüber bedient die Tonblende. Er ist also für den Klang verantwortlich.

Es empfängt die Wellenbereiche KW, LW und MW.
Ein UKW-Vorsatzgerät könnte zugeschaltet werden. Es ist (in Anlehnung an das damalige HDVT) sozusagen „UKW-ready“ Was im Klartext bedeutet: UKW kann erst einmal nicht empfangen werden. Das wäre auch zu viel verlangt, schließlich wurde der erste einsame UKW-Sender in Westdeutschland erst in diesem Jahr, also 1949, in Betrieb genommen.

Technisch ist an diesem schnuckelig gestalteten Radio also nicht sehr viel Ungewöhnliches zu erkennen. Immerhin ist es ein Superhet, also ein Überlagerungsempfänger. Für ein kleines Radio aus der direkten Nachkriegszeit ist das durchaus anerkennenswert. Zweifellos wurde hier die Zeit der zusammengebastelten „Notradios“ schon überwunden.

Es hat auf der Rückseite einen Tonabnehmeranschluss. Dieser wäre auch die richtige Andockstelle, falls man sich damals für einen externen UKW-Tuner entschieden hätte. Außerdem konnte man hinten noch einen zweiten Lautsprecher anschließen.
Die Leistung des kleinen Radios wird mit immerhin 50 W angegeben.

Leistungsröhre ist eine ECL 11. Im nächsthöheren Level von Lumophon, wäre beim Model WD 570 auch noch eine Abstimmanzeige in Form einer EM 11 dabei gewesen. Hier allerdings nicht. Das geschulte Ohr muss bei der Senderabstimmung reichen.
Gleichrichter ist die Röhre AZ 11. Und dann hätten wir zum Komplettieren noch die ECH 11 und EBF 11.
Dieses Radio soll bei Erscheinen ein großer Erfolg für die Firma Lumophon gewesen sein.
Jetzt stellt sich wieder die Frage, wie die Seriennummern zu deuten sind. Im Internet finden sich einige Geräte mit den ersten beiden Ziffern „12“. Mein WD 470 hat auch eine „12“ vorneweg. Ist dies Zufall, oder vielleicht eine interne Modellbezeichnung bei Lumophon gewesen? Wer weiß es?
Sollte dem so sein, so wäre dieses Radio ein sehr frühes Exemplar dieses Typs, mit Seriennummer: 120090 nämlich das 90. der Produktion.

Das Gerät in seiner Zeit:
Wir springen jetzt in die ganz frühe Nachkriegsepoche zurück. Trümmerberge überall, Not und Elend und doch auch aufkeimende Hoffnung auf ein besseres Leben.
Auch die Produktionsanlagen der Firma Lumophon lagen in Trümmern. Und das in beider Hinsicht: sowohl physisch als auch was die Bedeutung anging. Auch wenn sich heute kaum mehr jemand an die an den Hersteller Lumophon erinnern dürfte, hatte dieses Unternehmen noch bis vor dem Krieg einen ausgezeichneten Ruf. Und das zu Recht.
Schon 1919 gegründet, konnte bereits in der Kinderstube des Rundfunks im Jahre 1929 das zehnjährige Bestehen gefeiert werden. Es ist also eines der Pionierunternehmen der deutschen Rundfunkgeschichte. Und es zeichnete sich traditionell durch ungewöhnliche Gehäusegestaltungen aus. Hier gingen sie wirklich eigene Wege und scheuten auch nicht, mit einigen Modellen Kontroversen in Sachen Styling auszulösen.
Schon in frühen Jahren hatte das Nürnberger Unternehmen beeindruckenden Erfolg. Bis zum Krieg gehörte es zu den fünf größten Radiofirmen im Deutschen Reich. Bis zu den verheerenden Bombenangriffen der Alliierten. Besonders die Luftangriffe von 1942 und 1943 richteten erhebliche Schäden an. Die Fabrikationsstätte glich 1945 einem Trümmerfeld.
Immerhin hatten die Eigentümer und die überlebenden ehemaligen Mitarbeiter das Glück, am Ende nicht in der russisch besetzten Zone gelandet zu sein. So war zumindest im Prinzip ein Weiterwirtschaften in privater Initiative möglich. Wenn, ja wenn es Räumlichkeiten, Material und Tauschware gab. Man behalf sich mit dem Beseitigen der Trümmer, dem Reparieren von alten Empfängern und stelle allerlei Endzeit-Notprodukte her, wie einachsige Holzkarren.
Bald aber versuchte man sich wieder dem Radio zu widmen. Das Problem war wieder die Teileversorgung, die es praktisch nicht mehr gab. Also nahm man, was zu bekommen war und tauschte die neu entstandenen – man muss sagen: „gebastelten“ – Radios gerne gegen Lebensmittel ein. Der Handel basierte vornehmlich auf dem Tausch von dringend benötigten Produkten. Die alte Reichsmark war als Währung praktisch wertlos. Als konvertierbare Währung kamen da eher amerikanische Zigaretten in Betracht.
Auch 1948 war noch kein normaler Produktionsbeginn möglich. Die Geräte, die gebaut werden konnten, verkaufte man ohne Röhren. Der Käufer hatte nun die knifflige Aufgabe, sich diese begehrten Raritäten irgendwo aus altem Bestand selber zu organisieren, über Bekannte oder auf dem Schwarzmarkt. Erst mit diesem Gerät aus dem Jahre 1949, konnte Lumphon wieder vollständige Radioempfänger anbieten. Deshalb stand in der Beschreibung der Zeitschrift „Funktechnik“ mit besonderer Betonung „Preis mit Röhren: 298,- DM“.
So neu wie das Rado war auch die Deutsche Mark. Gerade erst eingeführt und ebenso frisch wie die soeben geborene Bundesrepublik Deutschland, die es seit 23. Mai 1949 gab. Mit der neuen Währung kam nun auch wieder Schwung in das Wirtschaftsleben und der Tauschhandel verlor nach und nach seine Bedeutung. Wirtschaften lohnte wieder und langsam begannen sich die Menschen an eine normale Marktwirtschaft zu gewöhnen, auch wenn vieles noch kontingentiert und weiter nur auf Vorlage entsprechender Bezugsscheine zu erhalten war.
Was ist eigentlich aus der einst so glorreichen Marke Lumophon geworden?
Mit diesem Jahrgang, also 1949, hatte man dank der geschickten Firmenleitung wieder den richtigen Weg eingeschlagen. Es gab nun wieder, der D-Mark sei Dank, eine Fülle unterschiedlicher Modelle und das dazu passende Kaufinteresse. Man wagte sich auch schon wieder an sehr fortschrittliche Qualitätsmodelle, wie den Großsuper WD670 für beachtliche 520 DM, heran. Auch jetzt noch hatte Lumophon ein eigenständiges Design mit Wiedererkennungseffekt beibehalten, ohne irgendeine Einheitsmode zu kopieren.
Die Belegschaft wuchs sensationell schnell und der Umsatz ebenso. Die Firma war auf sicherem Weg, wieder ein Leitunternehmen in der neuen Bundesrepublik Deutschland zu werden. Keiner zweifelte daran, dass es die zukünftige Industriegeschichte Deutschlands erfolgreich mitschreiben würde. 1950 arbeitete man schon wieder mit einer 2000-köpfigen Belegschaft. Die Werkshallen waren inzwischen renoviert und das Geschäft brummte.
Dann passierte etwas völlig Unerwartetes.
Gerade waren die ersten fünf Monate des neuen Jahres 1951 angebrochen, da schockierte die Firmenleitung ihre Mitarbeiter mit der Nachricht des plötzlichen Verkaufs aller Unternehmensanteile und Fabriken an den Konkurrenten Max Grundig.
Vor dem Krieg betrieb Grundig einen Radioladen und verkaufte dabei auch Lumophon Geräte. Erst nach dem Krieg hatte er sich mit einem einfachen Selbstbauradio an den Verkauf eigener Konstruktionen gewagt und sich in kürzester Zeit zum Hai im Karpfenteich gemausert (weitere Infos zu Grundigs Erfolg bei Grundig 4035W). Ein kometenhafter Aufstieg folgte. Die angebliche Kaufsumme von 1,7 Millionen DM für die Übernahme von Lumophon, 1951 eine unglaublich gewaltige Summe, habe er nicht finanzieren müssen, sondern direkt dem eigenen Firmenvermögen entnehmen können.
Auf dem Weg zu seinem Radio-Imperium, wurden alle neu erworbenen Fabriken gleich seiner Eigenmarke einverleibt. 1951 war deshalb Schluss mit Lumophon als eigenständige Marke, weshalb sich heute kaum noch jemand an sie erinnert. Die kurze Zeitspanne im Nachkriegsmarkt ist auch der Grund dafür, dass Lumophon-Nachkriegsgeräte heute ausgesprochen selten zu finden sind.
Als „Zombie“ gab es den Namen, einem Wiedergänger gleich, plötzlich doch noch einmal. Nämlich als Grundig 1968 bis 1970 versuchte, Modelle als „Lumophon“ am Markt zu etablieren. Das war allerdings nur ein sehr kurzes und wenig erfolgreiches Intermezzo. Es war schon zu spät.
Mit diesem verblichenen Markennamen konnte kaum noch jemand etwas anfangen. Und für diejenigen der jungen Kaufinteressenten, die den Namen zum ersten Mal hörten, klang er seltsam altmodisch. Dazu kamen noch die an die vergangenen 50er Jahre erinnernden Modellbezeichnungen „Herz-König“ oder „Herz-Dame“. Das erinnerte an die alte Generation der Kriegsväter und -Mütter.
Ende der 60er Jahre war jedoch die Epoche des HiFi-Stereo angebrochen. Bald sprach man von Quadrophonie und es gab Aufnahmen im experimentellen Kunstkopfverfahren. Die ersten Farbfernseher kamen auf den Markt. 1969 betrat der erste Mensch den Mond. Das war der Blick einer technikfreundlichen Gesellschaft in eine glänzende Zukunft, in der alles möglich schien.
„Lumophon“ klang vor diesem Hintergrund eher wie „Grammophon“. In dieser Zeit sicher kein attraktiver Name für einen neuen Receiver. Danach wurde die Erinnerung an den Pionier der Deutschen Rundfunktechnik endgültig vom Winde verweht.
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