Mende M185 GW

1938

Seriennummer: 13788

Vorbemerkung:

Ich denke, es war ein Inserat. Jedenfalls führte mich der Weg etwa 1996/97 vom nun wieder zusammengefügten Berlin ins Brandenburgische. Es ging um dieses Mende M185 GW aus dem Jahre 1938. Also ein Vorkriegsgerät. Das machte es spannend. Und es sollte, laut Anbieter, sogar noch funktionieren.

Die Wende war gerade vollzogen und einige Orte in Brandenburg machten noch den Eindruck, als sei die Zeit nach 1945 dort stehen geblieben. So auch dieses abseits gelegene Dorf. Ich hielt mein Fahrzeug auf der nicht asphaltierten Staubpiste neben einem alten Gehöft an.

Schon beim Aussteigen kam mir diese stramme Marschmusik aus zwar zeitgenössischen, aber zum Glück vergangenen Tagen der 30er Jahre, ans Ohr. Beim näher kommen wurde sie lauter und schließlich bemerkte ich, dass die Töne aus dem kleinen Lautsprecher des besagten Mende drangen. Der Eigentümer kam mir in weiten Arbeitshosen auch gleich entgegen.

Wir betraten sein kleines Panoptikum, dass er sich in dieser einsamen Scheune aufgebaut hatte. Dort standen so einige historische elektronische Sachen noch unfertig herum. Darunter war ein Standradio, das als regelrechtes raumfüllendes Möbelstück eher an eine gotische Kathedrale erinnerte. Eine Kirchenruine allerdings, die noch einige Arbeit vor sich hatte. Ich erkannte das Fabrikat nicht. Es war nichts, was ich vorher je gesehen hatte. „Ist ein englisches Radio“, klärte mich der Hausherr auf.

„Ich bin froh, dass ich wieder ein Gerät fertig gemacht habe.“, meinte er und zeigte nun auf den hübschen Mende, der immer noch zackig sein Dschingerassabum herunterspielte. Offenbar war über den Tonabnehmereingang ein Kassettendeck angeschlossen worden.

Nachdem auch die Radio-Empfangsprobe über den Hochfrequenzteil bravourös bestanden wurde, einigten wir uns auf 100,- DM. Eigentlich viel Geld, aber ich wollte schon immer ein funktionierendes Vorkriegsgerät haben. Nun war es soweit.

Das Radiomodell:

Wir haben hier ein Radio aus dem Hause Mende. Eine Firma, die nach dem zweiten Weltkrieg untergegangen ist. Oder besser gesagt: eine Firma, die untergegangen wurde.

Aber dazu später.

Das betagte Mende M185 GW erstrahlt immer noch in der berühmten „Vorkriegsqualität“. Sichtbar an dem perfekten Fertigungsstandard und dem wertvollen Furnier, das auch nach allen Wirren der Zeit und dem Tribut der vielen vergangenen Jahrzehnte nichts von seinem warmen tiefen Glanz verloren hat.

Und ja, es spielt tatsächlich. Allerdings darf man sich von seiner Technik und seinem kleinen Lautsprecher keine Hi-Fi-Erlebnisse erhoffen. Ein gewisses Erlebnis ist es aber schon, dem Mende zu lauschen.

Es dauert sehr lange, bis die Heizungen die 4 Röhren CF3, CF7, CL4 und CY1 auf Temperatur gebracht haben.

Dann, langsam, sehr langsam, stellt sich nach einigem geheimnisvollen Knistern die saubere aber sehr gedämpfte Stimme des Nachrichtensprechers ein.

Auch wenn es zweifellos aktuelle Nachrichten sind, die hier verkündet werden und auch das gerollte „R“ des Redners fehlt, beschleicht den Zuhörer doch das Gefühl, der „Führer“ hält hier immer noch eine Ansprache. Anders ausgedrückt: der Klang hört sich „historisch“ an. So muss es gewesen sein, als man 1938 den linken Drehknopf nach rechts drehte, einen kleinen rastenden Widerstand überwand und die „Maschine“ ans Laufen brachte.

Die Form entspricht der Mode damaliger Mittelklassegeräte. Ein rechteckiger Kasten mit abgerundeten seitlichen Ecken, 55 cm breit und 31 cm flach.

Typisch, die Aufteilung in Lausprecher links und Skala rechts.

Der mittlere Kombinationsschalter dient zur Einstellung des Frequenzbereichs, also KW, LW und MW. Der Ring lässt sich drehen und ist eine Höhen-/Bass-Blende. Der Mittelschalter ist ein wunderschönes Designstück. Kunstvoll ausgearbeitet, kann man hier auf die verschiedenen Frequenzbereiche oder auf Tonabnehmer umschalten.

Auf der Skalenscheibe finden sich die in der Vorkriegszeit beliebten Sender aus Orten wie Danzig, Königsberg, Breslau, Posen, Kattowitz.

Im Inneren des Gehäuses fand ich einen Auszug aus dem „Handbuch des deutschen Rundfunkhandels, 3. Jahrgang 1938/39“. Hier wurde das Gerät als zweikreisiger Geradeausempfänger vorgestellt. Kostenpunkt: 210 Reichsmark.

Ein sparsamer Volksgenosse hätte ihn ohne Röhren auch 40,10 RM billiger haben können, wäre aber ohne eigene Quelle der begehrten Elektronenröhren mit dem Ergebnis nicht zufrieden gewesen.

Auf dem Chassis fand ich einen Hinweis auf das Fertigungsdatum. Dort stand handschriftlich „Sept. 1938“.

Natürlich wäre mir nach heutigem Stand meiner Kenntnisse sofort klar – bereits an der Typenbezeichnung und natürlich auch schon an der Röhrenbestückung – dass es kein Wechselstromgerät ist. Die letzten beiden Buchstaben in seinem Namen „GW“, bedeuten „Gleichstrom/Wechselstrom“. Es ist also ein Allstromgerät ohne Trafo und damit ohne galvanische Trennung.

Weil ich an Gleich- bzw. Allstromgeräten nicht arbeite, wäre es von mir vielleicht damals als Sammlerstück ausgeschlossen worden. So aber ist es eines der wenigen Allstromgeräte in meinem Radio-Zoo.

Eine technische Besonderheit der damaligen Zeit ist dabei der Urdox. Eingebaut ist hier einer der ominösen Urdox-Kolben. Ein seltsames durchsichtiges Ding, in dessen Glaskolben sich kleine Drähtchen spreizen. Wer kennt ihn?

Hier im Bild: der Urdox

Was ist ein Urdox?

Also, wir wissen nun, dass wir es hier mit einem Allstom-Gerät zu tun haben. Allstrom bedeutet, dass es sowohl mit Wechselstrom als auch mit Gleichstrom betrieben werden kann. Bei Gleichstrom bedarf es keines Trafos zur Umwandlung des Wechselstroms in Gleichstrom, also in diejenige Stromart, die intern im Radio bei den meisten Komponenten gebraucht wird.

Das Problem, das aber hierbei zu lösen war, besteht in einer konstant arbeitenden Kathodenheizung für die Elektronenröhren. Ohne Heizung kein Elektronenfluss und damit auch keine Funktionsfähigkeit. Sind die Röhren in Reihe geschaltet, also wie im Gleichstrombetrieb prinzipiell vorgesehen, könnten die empfindlichen Heizdrähte von Röhren mit einer kurzen Aufheizzeit übermäßig belastet werden. Ein sogenannter Heißleiter kann das als Widerstand ausgleichen. Und genau diese Funktion übernimmt der Urdox. Die hohen Einschaltströme werden unterdrückt.

Er sieht aus wie eine Elektronenröhre, ist aber keine, obwohl er einen Röhrensockel besitzt. Die verschiedenen Typen sind mit römischen Zahlen durchnummeriert und dürfen, entsprechend der jeweiligen Netzspannung, auch nur mit der richtigen Version ersetzt werden. In unserem Gerät arbeitet ein Urdox EU VI. Dieser dürfte ab oder nach 1935 entstanden sein.

Und jetzt wird es wirklich heiß: „Urdox“ ist kein Kosename für einen Saurier. Er heißt so, weil er aus Urandioxid besteht. Den Kurznamen Urdox hat sich Osram ausgedacht, weil er zur Vermarktung dieses Bauteils einfach griffiger war.

Wenn einige nun beim Begriff „Uran“ zusammenzucken, so könnte dies seine Berechtigung haben. Die einschlägigen Foren sind voll von unterschiedlichen Einschätzungen, ob diese Urdox-Heißleiter gesundheits- oder gar lebensgefährlich sind, oder nicht.

Nicht ganz abstreiten kann man, dass sie radioaktiv strahlen könnten. Insbesondere dann, wenn die Glashülle, die übrigens sehr empfindlich ist, beschädigt ist. Urandioxid war allerdings teuer und musste nach Deutschland importiert werden. Entsprechende Devisen waren knapp in den 30ger Jahren. Also setzte man etwa um 1935 auf besser zu beschaffende Materialien mit gleichen Eigenschaften, was die Strahlung der damit bestückten Urdoxe herabgesetzt haben soll. Allerdings wurden Heißleiter später auch mit Wasserstoff gefüllt um die Eisen-Wasserstoff-Widerstände unterzubringen. Wir wissen, dass Wasserstoff und Sauerstoff zu ungewollten Effekten führen können, wenn sie sich treffen. Angeblich ist es aber auch beim Zerbrechen eines Urdox-Glaskolbens bisher noch nicht zu einer Kraterbildung im Wohnzimmer gekommen.

Was machen wir also mit diesem Ding? Werden wir alle sterben?

Solange es intakt ist, sollten wir es mit dem gebotenen Respekt behandeln. Wenn es löchrig ist, möglichst meiden. Dann auf keinen Fall als Andenken auf den Schreibtisch oder die Nachtkommode stellen und auch nicht verspeisen.

Keramikfiguren:“Stadtmenschen“. Künstler: Hans Kraemer

Das Gerät in seiner Zeit:

Springen wir in das Jahr 1938, dann begeben wir uns auf gefährliches Terrain. Auch wenn wir die 210 Reichsmark in der Hand gehabt hätten, die das Radiofachgeschäft für den Mende seinerzeit verlangte. Die dunklen Wolken über Deutschland waren längst aufgezogen und doch hätte sich niemand vorstellen können, was über die Welt und später dann auch über Deutschland in Kürze hereinbrechen würde.

Schauen wir auf die Sendeskala des Mende, finden wir Orte einer dem Untergang geweihten Zeit. Danzig, Memel, Stettin, Posen, Breslau, Schlesien-Gleiwitz, Königsberg.

Königsberg war 1939 noch eine blühende Touristenstadt. Voller Leben, Tradition, Handel und Kultur. Der Gedanke, dass in wenigen Jahre diese jahrhundertealte, prächtige deutsche Stadt komplett entvölkert und dem Erdboden gleichgemacht werden sollte, war zu diesem Zeitpunkt einfach absurd.

Am 15. März 1938 hielt der Deutsche Reichskanzler eine Rede die vielleicht auch dieses Radio wiedergegeben hatte:

„Als Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der deutschen Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich.“ Es war der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich.

Am 30. September 1938 galt es wieder etwas zu verkünden. Das Münchener Abkommen wurde unterzeichnet. Mit Zustimmung Großbritanniens, Frankreichs und Italiens wurde das Sudetenland von Tschechien in das Deutsche Reich überführt. Anschließend gab eine gemeinsame deutsch/englische Erklärung. Chamberlain, der Premierminister des Vereinigten Königreichs, nannte das Abkommen „peace for our time“.

Tschechien wurde später weiter aufgesplittet und die Slowakei abgetrennt.

Vom 09. auf den 10. November mussten die Zuhörer von der sog. „Reichsprogromnacht“ erfahren. Die letzten Monate vor dem großen Weltenbrand hatten begonnen. Dennoch gab es am 06. Dezember 1938 noch eine deutsch/französische Nichtangriffserklärung.

Nach den Depressionen durch Inflation, den Repressalien und Reparationsforderungen aus dem Versailler Vertrag und der Weltwirtschaftskriese Anfang der 30er Jahre, florierte die Wirtschaft nun wieder im Deutschen Reich. Die deutsche Radioindustrie war mit ihren Spitzengeräten, wie zum Beispiel dem Körting Transmare, auf einem technischen Höhepunkt angekommen.

Was dann, ab 1939 passierte, wissen wir alle. Wie es gelang, den Mende durch all die Zerstörungen des Kriegs praktisch ohne Kratzer zu retten, bleibt wohl auf immer ein Geheimnis. Jedenfalls dürften so einige Reden und vielleicht – damals illegal und lebensgefährlich – auch einige deutschsprachige Nachrichten vom „Feindsender“ BBC aus seinem alten Lautsprecher zu vernehmen gewesen sein. Wie sich der Ton angehört haben muss, weiß ich jetzt.

Was passierte mit der Firma Mende nach Kriegsende?

Die Fabrik hatte zwar den Feuersturm des Bombenterrors auf Dresden im Industrieviertel erstaunlicherweise überstanden. Nach dem Einmarsch der Roten Armee wurde jedoch sofort mit der kompletten Demontage aller Anlagen begonnen. Martin Mende, der Firmengründer, wurde noch im Sommer 1945 verhaftet.

Trotzdem versuchte ein Teil der alten Belegschaft wieder etwas zu produzieren. Mit improvisierten Mitteln begann man Spielzeuge, Scharniere und andere Kleinteile zu fertigen. Daraus wurden dann bis 1947 auch wieder einfache Radios, die aber direkt an die Besatzer, die Belegschaft oder an Bauern gingen, im Tausch gegen Lebensmittel. Noch hieß der Betrieb „Radio Mende & Co. Dresden“. Nach der staatlichen Inbesitznahme wurde daraus dann das VEB Funkwerk Dresden.

Martin Mende hatte drastisch erfahren, dass im neuen Deutschland unter kommunistischer Führung als Unternehmer kein Glück, Erfolg oder gar Geld zu gewinnen war, sondern eher Internierung und Enteignung. Als er aus der Haft wieder entlassen wurde, gab er alles auf, flüchtete und fand im wirtschaftsfreundlicheren Westdeutschland willkommene Aufnahme. Mit dabei waren frühere leitende Mitarbeiter, wie der ehemalige Chefkonstrukteur. Später kamen weitere ehemalige Firmenangehörige nach, soweit sie es schafften, sich in den Westen abzusetzen.

In Bremen gründete Mende 1948 sein Unternehmen neu. Entsprechend der neuen geografischen Ausrichtung, jetzt unter dem Namen „Nord-Mende“. Wie bekannt, führte er es zu eindrucksvollem Erfolg.

Interessant ist der Vergleich des Vorkriegsgeräts mit dem kurz nach dem Krieg 1950 in Bremen gefertigten „Nordmende“ 258W, der die gleiche gestalterische Grundform wie der M 185GW hatte, aber im Vergleich deutlich schlichter dastand. Ein Tribut an die Not der Nachkriegszeit.

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