Nordmende 258 W

1950

Seriennummer: 22379

Vorbemerkung:

Um die Jahrtausendwende befiel mich erneut das Radiovirus und ich durchstöberte die Versteigerungsangebote im Internet. Das dort angebotene Nordmende-Radio fiel eindeutig in mein Beuteschema. Tastenlos und noch im antiken Stil der Vorkriegszeit. Lautsprecher links und Skala rechts. Ein wunderbares Ergänzungsstück zu meinen beiden Vorkriegs-Mende 198 WL und M185 GW.

Vor allem bestand die Möglichkeit, bei erfolgreichem Gebot das Objekt der Begierde persönlich in Berlin abholen zu können. Zu meiner Überraschung blieb das Gebot bei 36,85 EUR hängen. Tatsächlich hatte ich am Ende den Zuschlag zu diesem ungewöhnlich niedrigen Preis erhalten. Vielleicht lief gerade Fußball im Fernsehen. Oder sämtliche Mitbieter waren gleichzeitig zum Auktionsende auf Toilette. Wie auch immer. Also packte ich mir ein paar kleine Geldscheine in die Börse und machte mich auf zu der angegebenen Adresse.

Dass ich in einer dieser spießig langweiligen, kleinbürgerlichen Wohngegenden landete, die es auch in Berlin gibt, wunderte mich nicht. Es ging hier schließlich um ein altes Holzradio und nicht um einen Kernfusionsreaktor.

In einer engen Straße mit alten Reihenhäusern aus den 50ern parkte ich mein Auto vor dem angerosteten Eisenzaun. Der trennte den Vorgarten mit seinen Gartenzwergen und der grabähnlichen Bepflanzung des angegilbten Häuschens vom Bordstein. Ich öffnete das quietschende Gatter, ging die moosbewachsenen Steinplatten zur Haustür entlang und drückte den schwarzen Knopf der runden Bakelit-Klingel. Sofort ertönte ein schrilles Geläut. Das müsste selbst den schläfrigsten Opa in seinem Ohrensessel auffahren lassen, dachte ich mir.

Dann öffnete sich die Tür und es erschien ein schlanker junger Kerl im Drag-Queen-Outfit. Lackierte Fingernägel, knallroter Lippenstift, hochhackig in enger Tigerlook-Hose. Die übertrieben lockigen Haare hochgesteckt wie eine Fregatte. Geschminkte Augen mit überdimensionalen falschen Wimpern schauten mich neugierig an.

Er wohne alleine hier, verriet er mir gleich zu Beginn. Sicher war es mir nicht gelungen, meine Überraschung glaubhaft zu überspielen. Aber dieser Transvestit, den ich in diesem Ambiente nun wirklich nicht erwartet hatte, entsprach in keinster Weise meinen Vorstellungen von einem Radiobastler.

Soviel zu meinen Vorurteilen. Denn er kannte sich wirklich in der Materie der Elektrotechnik aus und der kleine Nordmende, den er selber wiederhergerichtet hatte, spielte einwandfrei und machte auch optisch einen fast perfekten Eindruck. Dass der Auktionspreis dabei so ungewöhnlich niedrig ausfiel, nahm er sportlich und quittierte es mit einem lasziven Augenaufschlag.

Auch wenn er so gar nicht dem hergebrachten Prototyp eines Elektronik-Nerds entsprach, hatte er noch weitere interessante technische Lösungen im Portfolio, die er mir begeistert zeigte. Den biederen Vorgartenzaun hatte er angezapft. Der diente nun als riesige Kurzwellenantenne. Die Empfangsleistung war in der Tat beeindruckend.

Er drückte mich zum Abschied und ich hatte nun den Nordmende unter dem Arm.

Das Radiomodell:

Schon die Gehäusegestaltung erzählt einen historischen Roman.

Hier hatte Mende versucht, an seine letzten großen Erfolge der Vorkriegsgeschichte seiner Firma anzuknüpfen. Es war ihm gelungen, aus der Sowjetisch besetzten Zone zu entkommen und hatte im Westen Deutschlands, besser gesagt im Nordwesten erst drei Jahre vor Erscheinen dieses Radios seine Firma neu gegründet (weitere Infos zur dramatischen Firmengeschichte unter den oben verlinkten Mende – Radios). Da er nun in Bremen ansässig war, nannte er eine Neugründung „Nordmende“. Dazu weiter unten mehr.

Jedenfalls ist augenscheinlich, dass er das Gestaltungskonzept seiner Vorkriegsradios in die neue Zeit zu übertragen versuchte. Das Wort „versuchte“ scheibe ich ganz bewusst. Denn hierbei wird deutlich, wie sehr sich die Zeiten durch den Weltkrieg geändert hatten.

Waren die Vorkriegsgeräte noch qualitativ extrem solide und hochwertig ausgefallen, so machen schon die deutlich geschrumpften Maße und die sehr einfache Ausführung der Gehäusegestaltung deutlich, dass die schlimmste Notzeit gerade eben erst zu Ende gegangen war.

Auf eines hatte Mende aber nicht verzichtet. Das war das stilisierte „M“ (für Mende) als Zierelement zwischen Lautsprecherstoff und Sendeskala. Dieses „M“ zierte bereits die Vorkriegsgeräte aus Dresden.

Auch sonst fällt die Gestaltung durch ihre Schlichtheit auf, die aber gerade hier einen besonderen Reiz hat. Das Gehäuse ist an seinen Enden abgerundet und die Gesamtgestaltung hinterlässt einen eigenständigen und stimmigen Eindruck.

Das alles passt zu der nun auf eine Breite von etwas über 50cm bei einer Höhe von 29 cm geschrumpften Gesamtgröße. Wie gesagt, wir schreiben das Jahr 1950 mit all seinen Unzulänglichkeiten und dem allseitigen Materialmangel.

Und doch ist es sehr hübsch geworden. Gerade dieses Modell war ein beachtlicher Erfolg für das noch junge Unternehmen. Auch heute noch sind viele dieser netten Empfänger vorhanden, die sicher in mehreren tausend Exemplaren gefertigt wurden.

Dieses Gerät hat die Seriennummer 22379. Die Seriennummern vieler anderer Exemplare, die ich im Netz fand, waren mit ihren Chassisnummern in den 20- und 30-tausenden. Die niedrigste Nummer war meines, die höchste lag bei 34745. Es ist also durchaus glaubhaft, dass zehntausende dieser Empfänger gebaut wurden.

Schauen wir also einmal näher hin. Warum heißt das Gerät 258 W?

Das „W“ steht für Wechselstrom, was zeigt, dass es auch eine Allstromausführung gab. Die hieß mit nachfolgenden Buchstaben „GW“ für Gleich- und Wechselstrom.

Woher aber kommt die krumme Ziffer „258“? Hier war Nordmende bei der Namensgebung für seine „Babys“ nicht wirklich kreativ. Die Ziffer ist nichts weiter als der Verkaufspreis. Das Modell war für 258,- DM in den Handel gekommen.

Was konnte man technisch dafür erwarten? Dieses Modell hat noch einen weiteren Zusatznamen, nämlich „Super“. Das war in diesem Falle kein Werbegag, sondern zeigte auf das Arbeitsprinzip eines Superheterodyn-Empfängers, also eines Überlagerungsempfängers, mit weitaus besseren Ergebnissen, wir ein simpler Geradausempfänger. Man hatte mit diesem Modell also die Notradios der unmittelbaren Nachkriegszeit bereits eindeutig überwunden.

Empfangen werden konnte MW, LW und drei gespreizte Kurzwellenbänder, sogar versehen mit einer Variablen Bandbreiteneinstellung.

Das gerade erst eingeführte UKW konnte diese Ausführung noch nicht verarbeiten. Das nannte man dann „UKW-Vorbereitet“. Die „Vorbereitung“ bestand darin, dass es möglich war, durch Zukauf eines Zusatzmoduls, das „E1“ hieß und ein UKW-Pendel-Tuner war, dann doch noch UKW zu hören. Diese Investition kostete dann noch einmal 35,- DM. Das Ergebnis dürfte durch das noch nicht sehr weiterentwickelte Verarbeitungsverfahren klanglich allerdings nicht über MW-Niveau hinausgebracht haben.

Den UKW-Pendler gab es auch schon ab Werk eingebaut. Dann hieß das Gerät „258 WU“ und bekam ein kleines Schildchen an einem Seil, das vor dem Lausprecherstoff baumelte. Damit wurde auf diese Besonderheit noch einmal ausdrücklich hingewiesen. Dieses Modell dürfte ziemlich selten gewesen sein, denn UKW war gerade erst eingeführt worden. Nun stimmte auch der Preis nicht mehr mit dem Namen überein, denn die UKW-Ausführung bekam man nur gegen Bezahlung von 293.- DM.

Das hier vorgestellte Modell kommt noch ohne UKW aus und arbeitet mit 8 AM-Kreisen und fünf Röhren. Verbaut sind die erst vor zwei bis drei Jahren vorgestellten Rimlock-Röhren der 40er-Serie.

Das sind die EF41, EAF42, ECH42 und als Endröhre die EL41. Das war 1950 recht modern und ganz aktuell. Nur die Anzeigeröhre EM4 war etwas altertümlich. Eine Außenkontaktsockel-Röhre, die bereits 1938 vorgestellt wurde.

Keramikfiguren: Einzelstücke vom Künstler Hans Kraemer

Mende hatte mit seiner neuen Firma 1950 bereits mehrere Modelle am Start. Eingeordnet in das Gesamtprogramm nahm dieses hier eine mittlere Stellung mit dem wohl besten Preis/Leistung-Verhältnis ein, was auch seinen kommerziellen Erfolg erklärt.

Für den solventen Liebhaber hatte das Unternehmen auch schon ein Spitzengerät im Angebot. Den „Großsuper 415 W. In einer Form, wie sie in den späten 50ern Standard wurde. Als Siebenröhren-Gerät wurde es schon serienmäßig mit einem UKW-Empfänger bestückt. Wieviel er gekostet hat, finden wir jetzt leicht heraus. Der 415 W kostete 415.- DM.

Das Gerät in seiner Zeit:

Die dramatische Vorgeschichte von Herrn Mende und schließlich seine Flucht in den Westen habe ich in den Ausführungen zu den beiden Vorkriegs-Mende schon kurz angerissen.

Die Stadt Bremen bot ihm und allen ehemaligen Mitarbeitern, denen die Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone in den Westen gelang, die Möglichkeit eines Neubeginns. Geblieben waren ihm 17 fähige Mitarbeiter und das bisher erworbene Know-How aus seinem ehemals großen Unternehmen.

Wie immer in der unmittelbaren Nachkriegszeit, war der Neuanfang 1947 recht improvisiert. Das Vorhaben, wieder erfolgreich Radiogeräte zu entwickeln und zu bauen, begann zuerst mit Aufräumarbeiten in einem zerbombten Fabrikgelände. In dieser Lokalität wurden noch zwei Jahre zuvor in Akkordarbeit Kampfflugzeuge montiert. Es waren die ehemaligen Focke-Wulf-Flugzeugwerke in Bremen-Hemelingen.

Danach waren die ersten Produkte noch recht primitiv ausgefallen. Sie waren abhängig vom Material, das gerade aufgetrieben werden konnte. Erste Radios entstanden schon im Jahr 1947, hatten als schmucklose Kästen das typische schichte Aussehen der damals üblichen Notradios. Sie eigneten sich eher für Tauschgeschäfte als für den Verkauf, denn die alte Reichsmark hatte keinen Wert mehr.

Das hier vorstellte Modell aus dem Jahre 1950, das noch bis 1951 gefertigt wurde, zeigt sehr schön den Übergang von den zusammengebastelten Notgeräten, hin zu deutlich fortschrittlicheren und gut durchkonstruierten Modellen, die wieder schön anzuschauen waren und in eine bessere Zukunft wiesen.

Was folgte, war tatsächlich ein beispielloser Aufstieg Nordmendes zu einem weltweit führenden Unternehmen der Elektronikbranche mit bald 2.500 Mitarbeitern. Diese glanzvolle Ära dauerte bis in die 70ger Jahre. Dann konnte Nordmende, wie auch viele andere deutsche Hersteller, dem in Richtung Asien geöffneten Markt nicht mehr standhalten.

Das Unternehmen, immer noch in Familienbesitz, wurde 1978 an das französische Unternehmen der Unterhaltungselektronik Thomson-Brandt verkauft. Nicht lange danach wurde die Geräteherstellung in Deutschland endgültig beendet.

Heute ist der Name „Nordmende“ nur noch Schall und Rauch. Ein gehandeltes Label, dass seinen Wert lediglich noch als inzwischen mehrmals verkauftes Namensrecht besitzt.

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