Mende 198 WL

1936

Seriennummer: 43208

Vorbemerkung:

An einem sonnigen Samstag fuhr ich durch einen kleinen Ort in der Nähe des hübschen Städtchens Rheinbach, der für seinen Obstanbau bekannt ist. Schon meine Eltern hatten bereits vor meiner Geburt dort ihren Apfelvorrat eingekauft und im Laufe der vielen Jahre mindestens drei Generationen dieser Apfelbauerfamilie kennengelernt. Wenn ich in meinen frühesten Kindheitserinnerungen krame, kann ich mich noch schwach daran erinnern.

Das es mich so lange Zeit später, nach einem Leben in weiter Entfernung, im Februar 2023 wieder hierher verschlagen sollte, fand ich ziemlich kurios. Schuld war eine interessante Annonce in den regionalen Kleinanzeigen.

Ich fuhr also die verwinkelte Hauptstraße des Dörfchens entlang und bog dann in eine schmale Gasse ein. Das Navigationsgerät zeigte mir die Zielflagge. Ich war beschäftigt, in einer winzigen Nische mein Auto zu parken, was in dieser Enge gar nicht so einfach war. Vor dem kleinen Häuschen mit offenem Garagentor fand ich das inzwischen schon vertraute Szenario. Dort stapelte sich alles. Kartons, Holz, irgendwelche Kisten in Regalen, Fahrräder, aber garantiert kein Auto. Es entwickelte ich zu einem „Running-Gag“, dass Garagen hier zu allem verwendet werden, vom erweiterten Keller bis zum Partyraum, aber Autos waren eher nicht darin zu finden.

Dort wurde gewerkelt und nach kurzer Begrüßung zeigte der stämmige Verkäufer auf das Radio. Ich war freudig überrascht, denn es sah optisch wirklich noch schick aus.

„Ein altes Erbstück?“, wollte ich wissen. „Nein, ich hatte es mal als Schaustück gekauft. Es stand als Deko-Objekt im Wohnzimmer. Wir waren im Steam-Punk-Stil eingerichtet, aber meine Frau und ich wollten jetzt mal ein anderes Einrichtungsmotto. Da passt das Radio jetzt nicht mehr rein.“

Er erzählte dann noch, dass er in der Mittelalterszene aktiv sei und bei Ritterspielen auf Burgfesten auftrete, was auch die Rüstung und das Langschwert an der Garagenwand erklärte. Ob er das gemeinsame Wohnzimmer jetzt als Mittelalterverließ einrichten wollte, weiß ich nicht.

Ohne blutigen Kampf ließ er sich von den geforderten 40 Euro auf 30 Euro herunterhandeln und wir wurden uns schnell einig, wie mittelalterliche Kaufleute am Markttag. Damit hatte ich eines der ältesten Radios meiner Sammlung erworben. Bis heute bin ich mit nicht ganz sicher, ob er wirklich wusste, was für ein historisches Gerät dort in seinem Steam-Punk-Wohnzimmer stand.

Das Radiomodell:

Dieses museale Modell von Mende war ein gewaltiger Erfolg. Es dürfte in großen Stückzahlen hergestellt worden sein, denn es sind auch heute noch immer wieder Exemplare dieses Typs zu finden.

Der Grund für den kommerziellen Durchbruch dürfte das schöne Gehäuse und der recht günstige Preis von 198,- RM gewesen sein. Mit Röhren. Das war damals noch ein Kriterium. Der Röhrensatz alleine wurde ansonsten mit 38,50 RM berechnet.

Für den geforderten Preis bekam man 1936 bei Mende schon ein recht stattliches Gerät. Auch dieses Exemplar in meinem Regal strahlt die solide Vorkriegsqualität in Fertigung und Ausführung auch heute noch glanzvoll aus. Auch wenn es ein Modell im eher unteren Preissegment war, lässt einen auch jetzt noch die perfekte handwerkliche Fertigung staunen, insbesondere das wunderschön gearbeitete Gehäuse. Kein Klappern oder Scheppern, nichts ist aus den Fugen geraten.

55 cm breit und dabei 30,5 cm hoch ist es. Auch ohne Hang zum Steam-Punk ein Schmuckstück in jedem Wohnzimmer.

Die Gestaltung orientiert sich an der damaligen Mode. Nach den aufrechten „Kathedralen-Radios“, die höher als breit waren, schwenkte die anschließend bevorzugte Form ins Gegenteil. Nun baute man lieber flach und dafür in die Breite. Dazu musste man Lautsprecher und Skalenscheibe von der übereinanderliegenden Anordnung nun nebeneinander in die Horizontale bringen.

Wir sehen hier: Lautsprecherbespannung links. Skalenscheibe rechts.

Ein Wiedererkennungsmerkmal hat sich Mende bei der Gestaltung der Senderanordnung ausgedacht. Diese sind nicht einfach nebeneinander oder in einem Kreis angeordnet, sondern bilden eine Art Pyramide. Das gab es meines Wissens nach so nur bei Mende und auch nur für kurze Zeit.

Der Blick auf die dort vermerkten Sender zeigt den damals aktuellen Stand der geografischen und politischen Verhältnisse des später untergegangenen Deutschen Reichs. Hier finden wir im Außenring die LW-Sender von damals deutschen Städten wie Danzig, Breslau, Thorn, Gleiwitz und Königsberg. Im Innern finden sich die rot markierten Sender der Mittelwelle.

Unter der skalenscheibe sind insgesamt drei Drehschalter angeordnet, im Unterschied zu seinem Nachfolger von 1938 (Mende M 185). Das Modell aus 1938 besitzt eine symmetrische Schalteranordnung und als Erweiterung auch noch eine Empfangsmöglichkeit für Kurze Wellen.

Schauen wir uns die Technik des Mende 198 WL an:

Der Name verrät uns mit seinem „W“, dass es ein Wechselstromgerät ist. Dieses Modell gab es auch als Allstromer. Dann lautet die Bezeichnung 198 GW (also Gleichstrom/Wechselstrom) und kostete gleich deutlich mehr, nämlich 245,-Reichmark. Die Bezeichnung der Wechselstromausführung hat einen direkten Bezug zum Preis. Der Mende 198 kostete, na, erraten? Ja, 198.- RM.

Dieses Modell ist kein Überlagerungsempfänger, sondern noch ein simpler Geradeausempfänger also mit Audion und einer variablen Rückkopplung. Er begnügt sich dabei mit 2 AM-Kreisen. Damit konnten die Wellenbereich Mittelwelle und Langewelle empfangen werden. Nicht gerade luxuriös, aber damals hörten die meisten Kunden bevorzugt Mittelwelle.

Die Arbeit leisten insgesamt vier Röhren. Aus heutiger Sicht entdecken wir hier eine wahrhaft historische Technikausstattung.

Beginnen wir mit der RENS 1294. Dies ist eine HF Pentode für die Hochfrequenzverstärkung. Bei Erscheinen dieses Modells war sie bereits seit einigen Jahren im Gebrauch. Erstmals wurde sie 1933 gesichtet und dann bis Kriegsende 1945 in nicht weniger als ca. 300.000 Exemplaren hergestellt.

Weiter geht es mit der AB 2. Diese kam ein Jahr später, also 1934 auf den Markt und ist eine Duodiode. Sie dient als AM Detektor.

Dann haben wir noch die RGN 1064, ein Zweiwege-Gleichrichter. Ebenfalls eine historische Erscheinung, die bis ins Jahr 1932 zurückgeht und gerne auch in den berühmt /berüchtigten Volksempfängern verwendet wurde (Generelles zu Volksempfängern beim Körting VE 301 Dyn GW). Die RGN 1064 hat keine Außenkontakte, sondern unten vier Pins. Sie lief mit einer Heizspannung von 4 Volt. Ihre Nachfolgerin war die AZ 11, die zum Teil noch bis in die 50er Jahre Verwendung fand.

Die Endröhre AL 4, sitzt hingegen wieder in einem Außenkontaktsockel. Sie ist mit Erscheinen dieses Radios 1936 brandneu von Telefunken auf den Markt gebracht worden und das Vorgängermodell der bekannten EL 11.

Auf der Rückseite sehen wir zwei Anschlussmöglichkeiten. Einmal eine Buchse für einen zweiten Lautsprecher und dann noch die Option, einen Tonabnehmer, also einen Plattenspieler anzuschließen und über den Niederfrequenzteil des Radios wiederzugeben.

Im Programm von Mende nahm das Radio einen Platz im preisgünstigen Bereich ein. Allerdings gab es 1936 noch ein Modell darunter. Das Mende 139 WL mit nur drei Röhren einem AM Kreis war zum Preis von, wie der Name schon verrät, 139,- RM zu haben.

Mende baute 1938 aber auch echte Großsuper im Luxusbereich. Zum Beispiel den „Großsuper 340 WL“ für, klar, 340,- RM. Nur die GW-Modelle weichen alle etwas vom System der Namensgebung ab. „Großsuper 340 GW“ kostete 365,- RM.

Das hier beschriebene Modell war von 1936 bis 1937 im Programm der Firma Mende.

Keramikfigur Einzelstück, Künstler: Hans Kraemer

Im Netz habe ich die Seriennummern 12142, 14848 und 21591 gefunden. Mein Exemplar ist die Nummer 43208. Das beweist zweierlei. Einerseits zeigt es, in welch großer Stückzahl dieses Modell gefertigt wurde und zweitens, dass mein Radio bereits eine große Chassis-Nummer besitzt und sehr wahrscheinlich erst im zweiten Produktionsjahr, also 1937 gefertigt wurde.

Das Radio in seiner Zeit:

Mende gehörte zu den Pionieren der deutschen Radioindustrie. Schon 1923 wurde die „Radio H. Mende & Co“ in Dresden ins Leben gerufen.

Was nur Wenige wissen: Radiohören in Deutschland war zu diesem Zeitpunkt noch strengstens verboten. Die Deutsche Regierung traute ihren Bürgern nicht. Zwar gab es schon erste Firmen, wie Mende, die sich mit der Produktion von Detektor oder auch Röhrenempfängern beschäftigten. Aber diese Firmen bauten Geräte primär für den Export.

Andere Länder waren zu diesem Zeitpunkt deutlich liberaler zu ihren Angehörigen. Allerdings hielt das viele „Radiosportler“ auch in Deutschland nicht davon ab, sich aus angebotenen Teilen illegal selber einen Detektor-Empfänger und den dazu notwendigen Kopfhörer zu beschaffen. Heimlich gingen sie auf Sendersuche.

J. Lützelburger beklagte sich dann auch in der Zeitschrift „Kosmos“, Heft 9 von 1923: „Es klingt geradezu wie ein Märchen, wenn wir hören, wie weit sich in Amerika und in England der Radioverkehr im Privatleben eingebürgert hat, während in Deutschland und anderen Ländern bisher der private Radioverkehr amtlich untersagt war.“

Auch in England musste man vorher eine Radiolizenz einholen, was aber viele einfach ignorierten.

In dem Report von 1923 heißt es weiter:

„Solche Verhältnisse [gemeint ist das „Schwarzhören in England] werden die deutschen Radiofreunde vermeiden, und deshalb erwarten sie, dass ihnen eine Betätigung gestattet wird, die nur durch berechtigte Einschränkungen eingeengt wird. Es handelt sich dabei durchaus nicht um eine Spielerei und Bastelei, sondern um die Zulassung einer Einrichtung, die nicht bloß wichtigen praktischen Zwecken und einer nützlichen Unterhaltung dient, sondern auch weiten Kreisen die Möglichkeit gibt, sich in einer sehr anregenden Weise mit wissenschaftlichen Versuchen zu beschäftigen.“

Die erwarteten „berechtigten Einschränkungen“ fielen gemäß der deutschen Bürokratie nicht besonders freiheitlich aus. Nachdem das Radioverbot sich schlicht nicht durchsetzen konnte, weil sich einfach zu viele Bürger darüber hinwegsetzten, wollte man es ihnen zumindest so unbequem wie möglich machen.

Es musste zuerst ein „Radioführerschein“ bestanden und dann eine Lizenz erworben werden. Diese hieß „Genehmigung zum Betrieb einer Funkempfangsanlage für den Privatgebrauch“.

Erst jetzt durfte man einen Detektorempfänger selber zusammenbauen, wenn der potentielle Hörer allerdings zuvor noch eine Rundfunk-Teilnahmegebühr entrichtet hatte. Diese war mit 60 Reichsmark pro Jahr völlig überzogen hoch ausgefallen, weshalb sich auch diese Regelung am Ende nicht aufrechterhalten ließ. Viele Interessenten verzichteten dann lieber ganz auf das Radiohören, oder hörten eben „schwarz“.

Am Ende hatte sich die „störrische“ Bevölkerung gegen die staatliche Bevormundung durchgesetzt. Ende 1925 wurde die Pflicht zur Teilnahme an Kursen mit anschließender Prüfung aufgegeben und die neue Rundfunkgebühr fiel von 60,- Reichsmark auf realistischere 14,- Reichsmark jährlich.

Waren diese und noch weitere Hürden endlich genommen, ging es in den 30ger Jahren auch mit der deutschen Radioindustrie steil nach oben, denn es öffnete sich nun auch im Landesinneren ein riesiger Markt. 

Mende, einer der Ersten im Radiogeschäft, wurde zu einem Branchenriesen. Als das hier beschriebene Gerät in die Verkaufsläden kam, produzierte die Firma im Jahre 1936 bereits knapp 200.000 Radioempfänger. Etwa jedes dritte verkaufte Gerät im Reich war ein Mende. Im Produktionsjahr 1936 verließen etwa 100 Apparate pro Tag die Werkshallen. Wie es mit der Firma unter dramatischen Bedingungen weiterging, ist bei dem Mende M185 GW und bei dem Nordmende 258 W nachzulesen.

Politisch war 1936 einiges geschehen. Am 07. März marschierte die Wehrmacht in die entmilitarisierte Zone des Rheinlands ein. Zuvor, im März, wurde die allgemeine Wehrpflicht wiedereingeführt und in Spanien begann am 19. Juli 1936 der Bürgerkrieg.

Das größte mediale Ereignis waren aber zweifellos die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen vom 06. bis 16. Februar 1936 und gleichzeitig die Olympischen Sommerspiele vom 01. bis 16. August 1936 in der Reichshauptstadt Berlin. Ein Grund für viele sportbegeisterte Deutsche, sich nun auch ein Radio für die aktuelle Berichterstattung zuzulegen.

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