Philips Philetta BD 273 U

1957

Seriennummer: W66727A

Vorbemerkung:

Auch dieses Philips Radio war Teil der bereits mehrfach erwähnten Spandau-Sammlung (Grundig 396W).

Nachdem ich mit all diesen Radios nach Hause kam, fand meine damalige Freundin gerade dieses Modell, das ich zunächst nicht mitgenommen hatte, besonders „putzig“. Also fuhr ich nochmal hin und nahm auch noch dieses kleine Gerät mit.

Es gehörte zu der Minderheit der Röhrenradios dieser Sammlung, die noch funktionierten.

Das Radiomodell:

Gibt es eigentlich ein Radio, dass den Esprit der 50er-Rock n Roll Ära noch besser repräsentieren kann, als dieses Philips-Radio?

Wäre es ein Musik-Star, dann ganz sicher Elvis Presley. Wäre es weiblich, dann nur Marilyn Monroe. Wäre es ein Auto, dann ganz klar ein Chevrolet Bel Air. Und zwar das Modell gleichen Jahrgangs, nämlich aus 1957, mit seinen chrombesetzten Heckflossen.

Die ganze Gestaltung atmet den Geist dieser Epoche. Pastellfarben, Nierentische, Milchbars. Überall dort macht es einen passenden Eindruck mit seinem dunkelroten Gehäuse und der Verkleidung vor der Schallwand aus durchsichtigem Kunststoff.

Der Clou ist das Nachtdesign. Dann wird das Kunststoffgitter als Flutlichtskala indirekt beleuchtet und strahlt im weichen Licht der Skalenlämpchen wie ein Autokino.

Und genau wie die amerikanischen Straßenkreuzer dieser Zeit, die mindestens einmal jährlich eine optische Auffrischung ihres kreativen Designs erfuhren, wurden auch die Philettas fast jedes Jahr in ein neu gestaltetes Kleid gehüllt.

Dabei kannte die Formensprache praktisch keine Grenzen. Jeder Jahrgang sah anders aus. Angefangen mit der 1949 vorgestellten Variante, die sich ein wenig an das „Kommisbrot“ aus 1941 anlehnte, das mit bürgerlichem Namen „Aachen-Super Philetta 203U“ hieß. Anlehnung insofern, als dass diese „Ur-Philetta“ das erste kleine Miniradio von Philips in diesem Format war.

Gestalterisch gingen alle folgenden Philetta-Modelle eigene Wege. Das 1949er Gerät hatte eine aufgesetzte Flutlichtskala als ungewöhnliches Merkmal. Danach wurden die Modelle wieder etwas konventioneller, ohne aber ihre Eigenständigkeit zu verlieren.

Es gibt Enthusiasten, die nur Philettas sammeln. Langweilig ist das nicht, denn jede Version spricht eine andere Designsprache.

Von allen Modellen, die sämtlich als Philettas vermarktet wurden, finde ich dieses hier am gelungensten. Als unverfälschter Botschafter der wilden späten 50er Jahre.

Leider fehlt bei diesem Gerät der unter den Tasten angebrachte Philetta-Schriftzug. Dieser war angeklebt und der Kleber verliert im Laufe der Jahrzehnte seine Haftfähigkeit. Ein häufig bei diesem Modell anzutreffendes Manko.

Ansonsten ist es gut in Schuss und spielte zuletzt auch moderne Songs auf dem Nachttisch im Schlafzimmer. Allerdings darf man sich vom Klang nicht allzu viel versprechen. Wie sollte ein voluminöser Sound auch geformt werden, bei diesem nur knapp 29cm breiten Gehäuse und einem entsprechend limitierten Lautsprechermaß.

Ein weiterer Punkt ist seine Hitzeentwicklung. Da wären wir dann auch schon bei der Technik angelangt.

Erstaunlicherweise handelt es sich bei dieser Philetta um ein Allstromgerät. Man konnte es also in Wechsel- und Gleichstromnetzen betreiben. Im Jahre 1957 war in Westdeutschland das Wechselstromnetz aber schon konsolidiert. Die enorme Hitzeentwicklung ist dem Allstromprinzip geschuldet.

Immerhin sechs Röhren kümmern sich um die Arbeit. Es sind alles „U“-Röhren wie bei Allstromgeräten üblich. UCC85, UCH81, UY85, UF89, UABC80 und als Endröhre die UL84. Bei diesem Prinzip werden die Röhrenheizungen direkt in Reihe an das Stromnetz angeschlossen.

Die Modellbezeichnung folgt bei Philips einer, zum Teil verschlüsselten, eigenen Systematik. Was bedeutet BD 273 U?

Der erste Buchstabe „B“ steht bei Philips für „Tischmodell“ (z.B. im Gegensatz zu Autoradio oder Musiktruhe).

Der zweite Buchstabe ist einfacher zu verstehen. Er bezeichnet das Land des Philips-Werks. Das „D“ steht also für Deutschland. Dieses Philetta-Modell wurde demnach in Deutschland gefertigt.

Jetzt zur ersten Ziffer: die „2“ zeigt die Preisklasse an. Philips vergab zu diesem Zeitpunkt Ziffern von 1 bis 9. Die „2“ liegt also im unteren Preissegment.

Dann folgt das Jahr des Markteintritts 1957, angezeigt durch die mittlere Ziffer „7“.

Die letzte Zahl „3“ ist ein interner Hinweis auf die Schaltungs- und Ausstattungsvariante innerhalb der Modellserie.

Schließlich folgt noch das „U“. Dieser Buchstabe steht für die Betriebsart. In diesem Falle also für Allstrom (vermutlich in Anlehnung an die verwendete Röhrensorte, also U-Röhren).

Auch die Seriennummer (W66727A) kann uns weiteren Aufschluss geben. Sie beginnt mit einem „W“.  Das Informiert uns darüber, dass dieses Radio im Philips-Werk Wetzlar hergestellt wurde.

Wie in dieser Zeit zu erwarten, können alle Wellenbereich empfangen werden. Also LW, MW, KW und auch UKW. Und das mit 6 AM und immerhin 11 FM Kreisen.

Die Bedienung gibt keine Rätsel auf und entspricht der gängigen Gestaltung mit den beiden Drehschaltern vor der Skalenscheibe und der Tastenreihe.

Der Kunde konnte aus verschiedenen Versionen wählen. Es gab dieses Modell auch in weißer Farbe. Bei dieser Variante hatten auch die Drehschalter eine andere Form. Die Messingplättchen waren kleiner und die ebenfalls weißen Schalter hatten einen Metallrand.

Die Philettas und besonders dieses Modell, das von 1957 bis 1958 im Programm blieb, wurden in enormen Stückzahlen gebaut. Neben der ansprechenden Form spielte dabei sicher auch der günstige Preis von 199,- DM für das nur knapp 18,5 cm hohe Gerät eine Rolle.

Auch jetzt findet man viele Angebote für das historische Gerät im Netz. Allerdings haben die Preise zuletzt deutlich angezogen. Dieses Modell hat inzwischen zweifellos einen gewissen Kultstatus erreicht.

Das Gerät in seiner Zeit:

Die späten 50er Jahre waren eine optimistische Epoche. Die Wirtschaft in Westdeutschland hatte ihr Wunder entfaltet und jedes Jahr ging es der bundesrepublikanischen Bevölkerung wieder ein bisschen besser als im Vorjahr.

Die Vorliebe für Musik aber teilte die Gesellschaft. Vielen Jugendlichen waren die süßlich biederen Schlager zu spießig. Konservativen Erwachsenen aber war der aufkommende Rock n Roll zu verwegen. Einige aus der jungen Generation revoltierten gegen die oft verhasste, strenge Zucht und Ordnung, die große Teile der etablierten Gesellschaft immer noch unnachgiebig einforderten. Eine Revolte der Jugendlichen gegen die Enge der Nachkriegsetikette sollte es ja auch sein.

Noch strenger ging es in der DDR zu. Die sozialistische Führungselite kämpfte verbissen gegen die aus ihrer Sicht „dekadente und zersetzende kapitalistische Musikkultur“ an. 

Im Westen Deutschlands waren die Hits des Jahres entweder sehnsüchtig schmachtend, gesungen von beliebten Stars wie Peter Alexander und Catarina Valente, oder eben wild, wenn man der jungen Vorliebe für die US-Rhythmen folgte.

Das besonders durch die amerikanischen Soldatensender geschürte Rock n Roll-Fieber sprang sogar auf deutschsprachige Künstler wie Peter Kraus über. 1957 rockte er mit seinen elastischen Beinen seine Songs „Teddybär“ und „Susi Rock“. Und die „halbstarke“ westdeutsche Jugend rockte mit.

Also los! Platz genommen am Nierentisch, den Strohhalm in den Milchshake gesteckt, die UKW-Taste der Philetta gedrückt und die Musik des UKW-Senders American Forces Network (AFN) noch ein wenig lauter aufgedreht!   

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