1941
Seriennummer: keine erkennbar

Vorbemerkung:
Ehrlich, eigentlich bin ich ganz gut im Fach der Industriearchäologie. Schon vor vielen Jahren konnte ich den Kaufpreis meines 41ger ERRES KY 417 und einen Schaltplan des skurrilen Batterie Murphy TB 221 ermitteln. Aber das hier ist wirklich ein schwieriges Rätsel.
Erst nach Jahrzehnten und einem immer weiter gefüllten Internet konnte ich zumindest eine Spur finden.

Zurück zum Anfang: Kurz nach der Jahrtausendwende besuchte ich wieder einen Berliner Flohmarkt. Natürlich ohne Kaufabsicht und natürlich am Ende wieder mit einem Radio unter dem Arm. Der Händler bot es mir für 10 damals nagelneue Euro an. Wie konnte ich da nein sagen?
Aber was war das? Everight? Ein englischer Name mit einer Rückwand in deutscher und französischer Sprache und einer Skala nur in Französisch.
Werde ich schon herausbekommen, dachte ich damals in meinem Optimismus. Als Zugabe war ein alter Koffer dabei, in den das kleine Holzradio genau hineinpasst.

Er schien mir ein originales Zubehör zu sein. Vielleicht um es besser transportieren zu können. Leider ohne Aufschrift oder Emblem. Innen roch er nach Radio. Also musste dies tatsächlich das ursprüngliche Zuhause dieses kleinen Empfängers gewesen sein. Das Behältnis hat außen etwas gelitten. Nicht dass es wirklich ramponiert wäre, man sieht aber, dass so einige Jahrzehnte daran vorbeigeschrammt sind. Während all dieser Jahre hatte das Radio offenbar in seinem Inneren die vielen Ereignisse da draußen in der Welt einfach verschlafen.
Das Radiomodell:

Zu Hause hatte ich dann erst einmal den Neuzugang inspiziert. Das Gerät war praktisch in einem Neuzustand, ohne erkennbare Gebrauchsspuren. Deshalb kamen mir erste Zweifel, ob dies wirklich ein historisches Röhrenradio war, das ich so im Vorbeigehen erstanden hatte. Das war alles zu glatt, zu sauber, wie gerade erst produziert. Keinerlei Patina, nichts, was auch nur im Entferntesten an eine lange zurückliegende Historie erinnern könnte. So stellte sich vielleicht ein kleiner Junge ein altes Radio vor.
Ich musste über mich selber lachen. Wenn ich jetzt ein japanisches Retroradio vor mir hatte, und einen aktuellen Transistoraufbau im Inneren vorgefunden hätte – naja, diese Schmach würde ich Freunden aus der Szene nur in betrunkenem Zustand weitererzählen.
Aber nein, es waren Röhren drin und zwar ziemlich altertümliche mit breitem Sockel.

6E8MG, eine Oszillator-Röhre, die 1938 eingeführt wurde, 6M7, eine Pentode zur Hochfrequenz und Zwischenfrequenzregelung, erstmalig 1940 aufgetaucht, 6Q7MG, eine Niederfrequenz-Zweifachdiode und Triode, vermutlich von 1935, 25L6 als Endröhre, ab 1936 in Gebrauch und als Röhrengleichrichter eine 25Z6 aus etwa 1936.
Der gute äußere Zustand setzte sich auch im Inneren fort: alles schien komplett zu sein, nicht einmal Staub fand all die Jahre einen Weg hinein. Das Netzkabel ist aus Stoff, ebenfalls wie neu. Das alles und ein Vergleich der Skala mit meinen Vorkriegsgeräten lässt auf ein Kriegs- oder Vorkriegsgerät schließen. Auch die Röhrenbestückung weist darauf hin.

Das herauszufinden erschien zunächst recht einfach. Es gibt einen Markennamen, eine Modelbezeichnung, einen Herstellernamen, einen Ortsnamen und viele Hinweise auf dem professionell gefertigten Empfänger vorne und auf der Rückwand.
Marke: Everight, mit Emblem in Form eines Notenschlüssels in der Mitte der Skala aufgebracht und das selbe noch einmal auf der Rückwand.

Dort steht: „Everight“ im Markenschriftzug und: H. BUSSENIUS – PARIS. Aha, also ein französisches Gerät. Die Skala ist in französischer Sprache gehalten und die Wellenbereiche mit den Begriffen GO / PO / OC gekennzeichnet.
G.O. bedeutet „Grandes Ondes“, also Langwelle, P.O. „Petites Ondes“, Mittelwelle und „Ondes Courtes“, „O.C.“ sind Kurzwellen. Der Wellenumschalter befindet sich übrigens kurioserweise auf der Rückseite. Es gibt auch eine Modellbezeichnung, nämlich: B 541. Also kein Problem sollte man meinen.
Im gesamten Internet konnte ich damals jedoch nicht den geringsten Hinweis zu den hier genannten Begriffen finden. Also schaute ich in einem großen virtuellen Radiomuseum alle 1055 französischen Radiomarken durch: nichts! Dann die schweizer, österreichischen, ungarischen Modelle usw: nichts!
Aber es wird noch kurioser:
Die Rückwand hat eine französische und gleichzeitig eine deutsche (!) Beschriftung.
Dort steht:
„Vorsicht! Allstromempfaenger 100-120V. Type B.541
1. Bei 130 oder 220 V. Widerstandsschnur für diese Spannungen zwischen Apparatschnur und Steckdose schalten.
2. Antennendraht ausrollen und ausstrecken.
3.Niemals eine Erde an den Apparat schalten“
Und das dann nochmal in Französisch.
Vielleicht ein französisches Gerät, dass während der deutschen Besatzungszeit gebaut wurde? Das war meine damalige Vermutung.

Etwa 20 Jahre später versuchte ich es noch einmal im Internet. Siehe da, nun ist ein zweites Gerät aufgetaucht, das im besagten Internet-Radiomuseum abgebildet ist, wenn auch keine weiteren Hinweise zum Produzenten zu finden sind. Auf einem Bild ist auch der kleine Koffer zu sehen, was bestätigt, dass er zusammen mit dem Radio geliefert wurde, denn er sieht genauso aus wie meiner.
Außer dem Model B 541 scheint auch kein anderes Erzeugnis von Bussenius jemals unter dem Namen Everight gefertigt worden zu sein. Doch auch jetzt noch bleibt das Internet erstaunlich still. Eine Seite aus Litauen bezieht sich auf das besagte Online-Radiomuseum, hat aber noch ein anderes Bild gepostet, mit abgeschraubter Unterseite. Dort offenbart sich ein Geheimnis. Nämlich eine handgeschriebene Seriennummer. Es ist nicht einfach zu lesen auf dem Foto, aber ich glaube dort steht „No – 047“.
Daraufhin habe ich auch bei meinem Gerät die Unterseite inspiziert. Leider ohne Erfolg. Dort war nichts zu finden. Auch am Chassis konnte ich keine Seriennummer entdecken.
Im aktuellen Internet war eine englischsprachige Auslandsseite zu finden, wo dieses Model von Everight gelistet ist. Hier wurde es mit „1941“ katalogisiert. Diese berichtet über eine Fertigung von „Bussenius im besetzten Paris im Jahre 1941“. Das deckt sich mit meiner Vermutung von damals. Das würde einiges erklären. Auch die verwendeten Röhren scheinen diese Einordnung zu bestätigen.
Nun gibt auch die Modellbezeichnung „541“ einen Sinn: 5 Röhren, Jahrgang 41.
Das Gerät in seiner Zeit:

Tatsächlich war Frankreich während des zweiten Weltkriegs über vier Jahre, vom 14. Juni 1940 bis 25. August 1944, deutsch besetzt.
Radio Paris wurde im Rahmen der französischen Zusammenarbeit mit den NS-Besatzern von der Vichy-Regierung betrieben und diente während dieser Zeit insbesondere der Verbreitung von deutscher Propaganda. Es war eine kriegsstrategische Antwort auf den britischen Sender BBC, der das gleiche auf der anderen Seite des Kanals machte. Französische Kommentatoren riefen in den Nachrichtensendern zeitweilig sogar zur Zerstörung des Vereinigten Königreichs auf. Der Krieg mit Worten.
Im Gegensatz zu Deutschland gab es in Frankreich kaum große dominierende Radioproduzenten. Vielmehr versuchten sich viele mehr oder weniger professionelle Tüftler an eigenen Produkten in kleiner Serie oder sogar Einzelmodellen.
Möglich machte das eine Reihe von Teileproduzenten, die Komponenten für die Radioproduktion vertrieben. So waren auch kleine Betriebe und Bastelbuden in der Lage, eigene Radios herzustellen. Man brauchte nur noch einen Schreiner oder den Bezug von passenden Holzgehäusen und voilá, schon hatte man einen Radioempfänger auf dem Markt.
Oftmals hatte man sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich einen Markennamen auszudenken. Etwas qualitativ bessere Unternehmungen hatten sich mehr angestrengt. Dazu gehört zweifellos das hier vorgestellte Everight.

Immerhin gibt es eine reguläre und maschinell hergestellte Rückwand mit Modellbezeichnung und einen Markennamen. Auch das Holzgehäuse macht einen wertigen und professionell hergestellten Eindruck.
Bei dieser ungeheuren Vielfalt der französischen Produzenten ist es ungemein schwer, verlässliche Informationen zu ermitteln.
Dass es sich bei dem hier vorgestellten Modell um ein Allstromgerät handelt, das für 110V ausgelegt war, kann man zeitgenössisch als landestypisch ansehen. Selbst nach dem Krieg gab es noch viele Stromnetze in Frankreich, die 110V Spannung aufwiesen. Diese Radios haben keinen Transformator und die Röhren müssen die Heizung über einen Vorwiderstand erhalten, was nicht besonders effizient ist. Auf der Rückseite wird ausdrücklich und in deutscher Sprache darauf hingewiesen, es niemals an eine 220V Steckdose anzuschließen. Dazu ist ein spezielles Zwischenkabel erforderlich. Damit dürfte dann ein weiterer Vorwiderstand zwischengeschaltet werden, der weiter Leistung „verbrennt“. Das alles macht den Betrieb solcher Geräte nicht nur ineffizient, sondern auch noch ausgesprochen teuer, denn der Stromverbrauch dürfte dann beeindruckende Höhen erreichen, ohne einen signifikanten Gegenwert zu bieten.
Während der deutschen Besatzungszeit mussten viele französische Radiohersteller weiter Radios bauen. Entweder für den Export als vorgeblich deutsche Hersteller oder auch, vielleicht in etwas geringerem Umfang, für den heimischen Markt der deutschen Besatzer. Denn dort war der Bedarf an Rundfunkgeräten trotz oder gerade wegen des Krieges weiterhin groß. Die Herstellung von zivilen Produkten musste wegen des hohen Materialbedarfs jedoch stark eingeschränkt werden. Viele deutsche Radiohersteller waren gezwungen, nun elektronische Bausteile für die Rüstungsindustrie zu bauen und dafür ihre Radioherstellung aufzugeben. Dies wurde – zumindest ein wenig – durch die Hersteller der besetzten Länder versucht auszugleichen (hierzu auch Erres KY 417).
Vieles deutet also darauf hin, dass auch Bussenius Paris dazu verpflichtet wurde, sogenannte „Besatzungsradios“ für Angehörige der deutschen Wehrmacht herzustellen. Sollten sie in den Export gegangen sein, dann allerdings nur mit Zusatzkomponenten, die dann auch nicht besonders wirtschaftlich betrieben werden konnten. Das lässt darauf schließen, dass Bussenius mit seinem Everight in Paris überwiegend oder vielleicht sogar ausschließlich für die Angehörigen der deutschen Besatzungsarmee in Frankreich baute.
Wie fand dieses Radio seinen Weg in die damalige Reichhauptstadt Berlin?
Natürlich ist dieses Szenario rein spekulativ, aber es könnte sich durchaus so zugetragen haben:
ein deutscher Offizier hatte es 1941 während der Besatzungszeit in Paris privilegiert erworben. Im Rahmen seiner Stationierung in Frankreich konnte er es dort für den eigenen Bedarf und passend zum dortigen Stromnetz einige Zeit verwenden. Als ihn dann der Stellungsbefehl für einen Einsatz an der Ostfront erreichte, nahm er es mit nach Deutschland und ließ es, auf seinem Weg nach Osten, bei seiner Liebsten in Berlin.
Diese konnte in Deutschland aus besagten Gründen wegen der falschen Stromspannung nicht viel damit anfangen und stellte es, kaum gebraucht und gut geschützt in dem kleinen Koffer, erst einmal auf dem Dachboden ab, wo es dann vergessen wurde. Denn ihr junger Ehemann kam nicht zurück. Als die alte Dame hochbetagt starb, fand der Nachlassverwalter es bei der Wohnungsauflösung in seinem Koffer auf dem Dachboden.
Von dort fand es den Weg zu einem Berliner Flohmarkt und wurde einem neugierigen Sonntagsbummler angeboten, der eigentlich gar kein Radio kaufen wollte.

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