1939
Seriennummer: 140136

Vorbemerkung:
Die Aussicht auf einen Graetz 51 WT motivierte mich zu einer abenteuerlichen Fahrt.
Annonciert wurde es Ende in den 1990ger Jahren im neu geschaffenen Bundesland Brandenburg. Also setzte ich meinen altersschwachen Citroen AX mit Tigerfell-Schonbezügen auf die Spur und versuchte, mich mittels Landkarten und eigenen Notizen im ländlichen Randgebiet zu Polen zu orientieren.
Bald wechselte ich von der asphaltierten Landstraße auf eine mit dicken Kopfsteinpflastern versehene Nebenstraße. Die Schlaglöcher hatten die Dimension von Vulkankratern. Das weiche Fahrwerk meines kleinen Autos gab alles. Trotzdem befürchtete ich einen baldigen Achsbruch.
An einer Weggabelung überkamen mich Zweifel, ob ich diesen Abzweig wirklich nehmen durfte. War das noch eine offizielle Straße? Ein Sperrschild konnte ich nicht entdecken. Nun wandelte sich der Pfad in eine Staubstraße, die erst durch einen dichten Wald, dann an endlosen Feldern entlangführte. Ich war froh über den heißen Sommertag. So konnte ich wenigstens nicht im Matsch steckenbleiben. Viel ansehnlicher war die lange Staubfahne, die sich hinter meinem Fahrzeug hinauf zum blauen Himmel erhob. Dann überstand ich auch noch die Attacke einer rasenden Wildschwein-Rotte, die sich zunächst stur auf Rammkurs befand, am Ende aber doch noch einmal abdrehte.
Nach einer Biegung hinter einem Wäldchen erschien das ersehnte Ortsschild. War es wirklich eine Siedlung? Die ersten Häuser waren schon lange in sich zusammengefallen. Aus einem Dachstuhl wuchsen bereits dicke Bäume. Andere Gebäude bestanden nur noch aus überwucherten Grundmauern.
Dann stoppte ich vor einem ehemaligen Bauernhof. Ehemalig deshalb, weil bereits einige Gebäudeteile schlaff in sich zusammengesunken waren. Das große hölzerne Tor war nur angelehnt. Vorsichtig betrat ich dieses gespenstische Szenario und wurde von einem schüchtern wirkenden, hageren Bewohner begrüßt.
Das Gerät, also dieser Graetz, war praktisch nur noch Schrott. Enttäuscht betrachtete ich das schmutzige, völlig verwahrloste Gebilde, das einmal ein Radio gewesen sein sollte. Selbst die Schalter waren schon nicht einmal mehr einheitlich.

Was sollte ich machen? Jetzt war ich schon bis ans Ende der mir hier bekannten Welt gefahren. Also nahm ich das Radio doch noch mit.
Damit es sich lohne, konnte ich mir noch ein weiteres Gerät aus seiner gruseligen Elektroniksammlung aussuchen. Es war noch das Beste aus dieser makabreren Kollektion, auch wenn es ebenfalls aussah, als hätte er es in einem der umliegenden Häuserruinen gefunden. Es war das Stassfurt 4 E 67, das nur bei genauem Hinsehen noch eben als Radio erkennbar war.
Zu Hause kamen beide nach grober Reinigung erst einmal in mein Depot, wo sie einige Jahrzehnte schlummerten. Erst für die Gestaltung dieser Seite habe ich mir das Graetz näher angeschaut und zumindest optisch wiederhergerichtet.

Das Radiomodell:
Bei diesem Modell haben wir es mit einem echten Leckerbissen zu tun.
Die „51“ im Namen führt zunächst auf die falsche Spur. Nein, es ist nicht aus dem Modelljahr 51. Die Ziffernfolge der Gerätebezeichnungen von Graetz konnte ich nicht entschlüsseln. 1935 bis etwa 1937 hatte die zweistellige Ziffer ein „3“ als erste Zahl. Dann, 1936 bis 1938/1939 eine „4“ und die „50ger“ kamen 1939 bis etwa 1941/42 in Gebrauch. „51“ steht also nicht für das Erscheinungsjahr. Dieses Radio kam 1939 auf dem Markt und wurde bis 1940 angeboten.
Das „W“ steht für „Wechselstrom“ und „T“ für „Tastensuper“.

Damit kommen wir auch schon zu der Besonderheit dieses Modells. Tasten gab es tatsächlich auch schon bei deutschen Vorkriegsgeräten, kurz vor dem Krieg. Das waren die Spitzenprodukte der jeweiligen Marken. Heute würde man von „Technologieträgern“ reden. Bei diesen Spitzengeräten zeigte man, was die jeweilige Firma technisch in Lage war, anbieten zu können. Aufgrund der enormen Preise, waren die Modelle nur einem sehr ausgesuchten solventen Käuferkreis als Konsumenten zugänglich.

Das hier präsentierte 51 WT war das Spitzenprodukt der Marke Graetz im Jahre 1939. Es hatte als Besonderheit insgesamt acht Tasten an seiner Front, mit denen die Lieblingssender der Hörer fest einprogrammiert werden können.

Die geschieht durch das Öffnen einer Klappe unter den Tasten und dann mittels kleiner Drehschrauben. Man hat anschließend die Möglichkeit, mittels der Tasten sechs Mittelwellen und zwei Langwellensender direkt anzuwählen. Neben Lange und Mittelwelle empfängt das Radio auch noch Kurzwelle über insgesamt sechs AM-Kreise.
Über den Tasten konnte ich noch die zuletzt eingestellten Sender ablesen. Zu sehen sind dort „Köln“, „München“, „Berlin“, „Stuttgart“ und „Kalundborg“. Bei Betätigung der Tasten, sind diese Fensterchen bei angeschaltetem Radiobetrieb sogar beleuchtet. Besonders beliebt schien der „Deutschlandsender“ gewesen zu sein, denn diese Taste ist leider abgebrochen.
Hier soll es auch eine Sparschaltung gegeben haben, mit den der Verbrauch wertvoller elektrischer Energie in der heraufziehenden Krisenzeit reduziert werden konnte. Durch die Aktivierung der Sparschaltung wurde die Leistung von 55W auf 32W herabgesetzt.

Ob dies im Zusammenhang mit dem links verbauten Drehknopf steht, glaube ich eher nicht. Dort war ein Fremdknopf installiert mit der Aufschrift „Sparschaltung aktiviert“.
Vielleicht war es aber auch eine Vorschrift während des Krieges, dass solche Radios eine feste Sparschaltung besitzen mussten. Hierzu fehlen mir verlässliche Informationen. Eine eingebaute „Sparschaltung“, gab es von Graetz auch nach dem Krieg (Graetz 154W), die per Zugschalter aktiviert werden konnte. Das allerdings freiwillig.
Jedenfalls habe ich in meinem Ersatzteilfundus noch sein Exemplar des korrekten Schaltknopf gefunden und wieder an seinem richtigen Platz angebaut.

Bei der Aufarbeitung des Gehäuses staunte ich wieder über die außergewöhnliche handwerkliche Qualität der Holzverarbeitung und über die verwendeten hochwertigen Materialien. Auch jetzt noch, nach wirklich wenig liebevoller Behandlung und wenig sorgfältigen Lagerungsbedingungen, konnte ich dem Holz nach Tiefenreinigung und entsprechender Aufarbeitung einen Großteil seiner wunderbaren Wirkung wieder entlocken. Und das, ohne dass eine Neufurnierung oder ein Abschleifen mit Nachlackierung erforderlich wurde. Er trägt immer noch die originale Werkslackierung.

Die Gehäusegestaltung setzt erkennbar auf eine wuchtige Wirkung. Dieses Modell ist ein Statement im Raum. Dabei verwendet sie die zeittypische Aufteilung der Front. Lausprecherbespannung links und Skalenscheibe rechts. Diese ist beeindruckend groß und so finden auch eine große Zahl an Sendern auf ihr Platz.

Die dort vermerkten deutschen Sender sind, im Gegensatz zu den ausländischen Sendern, in Frakturschrift angezeigt.
Bei der Übersicht ist zu beachten, dass bereits seit 1938 Österreich Teil des Deutschen Reichs wurde, das von da an „Großdeutsches Reich“ hieß. Deshalb sind auch die Sendeanstalten der Städte Wien oder Linz in der deutschen Schrift angeordnet. Auch „Prag“ und Bystritz sind in Fraktur-Buchstaben zu lesen. Der Grund dürfte das Münchener Abkommen sein, in dem Deutschland die Abtretung des Sudentenlands zugesprochen wurde. Am 01. Oktober 1938 folgte daraufhin der deutsche Einmarsch ins Sudentenland. Anschließend forderte der Reichsführer die Zerschlagung der Rest-Tschechei.
Die damalige Politik dürfte sich in der Senderskala verewigt haben.

Das 51 WT kostete seinerzeit die stolze Summe von 317.- Reichsmark. Es wurde preislich nur noch übertrumpft vom 51 GWT, also das selbe Gerät als Alltrömer. Dann belief sich der Verkaufspreis auf 329.- Reichsmark.

Ein Blick hinter die Rückwand beschert eine unerwartete Überraschung. Zuerst suchen wir den Trafo. Dann finden wir einen Urdox (weitere Infos: was ist ein Urdox?). Was macht der in einem Wechselstromgerät?

Nach weiterer Untersuchung musste ich feststellen, dass es im Inneren jedenfalls technisch nicht das versprochene 51 WT ist. Hier zeigt sich vielmehr eine Allstrom-Technik. Also das 51 GWT?

Das Chassis sieht jedenfalls werksgefertigt aus. Auch die Chassis-Aufnahmen am Boden entsprechen dem werksgetreuen Graetz-Modell. In der DDR wurde immer schon viel gebastelt. Aber dass hier jemand ein Wechselstromgerät in einen Allstromer verwandelt hat, erscheint mir doch etwas unwahrscheinlich.
Auch die Röhrenbestückung mit der CL4 als Endröhre deutet auf das 51 GWT hin. Die beiden anderen Röhren EBF11 und EFM11 wurden in beiden Varianten verbaut. Allerdings vermisse ich die CY1, für die ich auch keinen Röhrensockel finden konnte.
Hier wurde auf jeden Fall gebastelt. Eine Erklärung für mich könnte sein, dass versehentlich oder als Ersatz, die Rückwand eines 51 WT eingesetzt wurde. Allerdings fand ich in der unmittelbaren Nachkriegsliteratur auch Anleitungen, wie ein Wechselstromgerät in einen Allstomer umgebaut werden kann.
Wie auch immer: dieses Radio birgt ein Geheimnis, das noch nicht gelüftet wurde.

Das Radio in seiner Zeit:
Wir oben schon kurz angedeutet, befand sich die politische Lage bereits seit mehr als 1938 in Wallung. Es wurden Gebietsrevisionen durchgeführt, die sich auch in den Skalenscheiben der zeitgenössischen Röhrenradios wie diesem hier spiegeln.
1939 überschlugen sich die Ereignisse.
Es ist das Jahr, in dem die Friedenszeit mit dem Angriff deutscher Truppen auf Polen am 01. September endete. Dem folgten Kriegserklärungen seitens Frankreichs und Großbritanniens an Deutschland bereits am Folgetag. Nach schnellem Vormarsch der Wehrmacht war Polen am 01. Oktober 1939 besiegt. Am 30. November 1939 unternahm die Sowjetunion einen Luftangriff auf Helsinki und begann seinen Angriff auf Finnland an seiner Ortgrenze an der Karelischen Landenge.
Es war der Anfang einer blutigen, zerstörerischen Zeit. Die täglichen Kriegsmeldungen wurden sicher auch mit diesem, damals nagelneuen, Radio verfolgt.
Irgendwie hat dieses Graetz Radio den Weg bis in die nachfolgende Friedensepoche gefunden.
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