1952
Seriennummer: 437115

Vorbemerkung:
Als ich nach der Jahrtausendwende bei einer Online-Auktion den Zuschlag für den Erwerb dieses angebotenen Körting Amelior erhielt, wusste ich noch nicht, was da auf mich zukommen sollte. Nach der Freude über den Bietererfolg begann bereits das Drama.
Aber zurück zur ersten Begegnung. Als das Foto des Amelior in meinem Computer aufpoppte, hatte ich mich augenblicklich in das wunderbare Holzgehäuse verliebt. So gewaltig, so eindrucksvoll und solide, hinterließ es bei mir einen tiefen Eindruck.
Dieses Gerät mit einer Breite von 61 cm und einer Tiefe von nicht weniger als knapp 31 cm konnte niemand übersehen. Gleichzeitig war die Holzgestaltung – trotz der grundsätzlich konservativen Erscheinung – doch noch individuell ausgefallen. Das Gehäuse wirkt hochwertig verarbeitet und Körting versprach mit diesem Modell wieder ganz eigene technische Lösungen.
Gleichzeitig war es ein rares Stück, dass nur extrem selten einmal angeboten wurde. Und ich hatte glücklich den Zuschlag erhalten. Vorsorglich erklärte ich dem Verkäufer, wie wichtig eine gute Verpackung für den Versand ist. Ein Bruch der Skalenscheibe war in der Regel das Ende des Radios.
Als der Paketbote mir das klirrende Paket vor die Füße stellte, ahnte ich bereits, was passiert war. Unglaublich, aber der Verkäufer hatte das Radio praktisch überhaupt nicht verpackt, sondern das Gehäuse lediglich mit etwas Pappe umkleidet und so in den Versand gegeben. Das musste einfach schiefgehen. Und klar, die Skalenscheibe war zertrümmert und das Radio damit praktisch wertlos geworden.

Bei einem in Massen hergestellten Grundig hätte sich vielleicht eine Chance auf einen Ersatz aus einem „Schlachtgerät“ ergeben. Aber die Skalenscheibe für einen super seltenen Körting Amelior? Praktisch aussichtslos. Der Verkäufer hatte sicher ein schlechtes Gewissen, denn er erstattete mir anstandslos den Kaufpreis ohne jede Diskussion. Aber das machte es für mich auch nicht besser.
Was dann geschah, grenzte an ein Wunder. Ich schilderte meine dramatische Episode mit gebrochenem Herzen einem Radio-Bastler-Forum. Kurz darauf meldete sich ein freundliches Mitglied mit der Nachricht, er habe gerade einen Körting Amelior auseinandergenommen und könne mir für einen symbolischen Betrag gerne die Skalenscheibe als Ersatz zusenden. Der Radio-Gott hatte mein Klagen erhört. Also sah ich es als meine Pflicht an, die Herausforderung einer vollständigen Restaurierung anzunehmen.
Das Radiomodell:
Das Körting Amelior gehört zu den großen und technisch anspruchsvollen Empfängern seines Jahrgangs.
Erstmals 1952 vorgestellt, blieb es bis 1953 im Programm der Firma Körting. In diesem Gerät fand ich im Gehäuse einen Stempelaufdruck mit dem Datum „25. Nov. 1952“. Das älteste Datum auf den Kondensatoren lautete „11.52“. Es ist also mit ziemlicher Sicherheit im November 1952 gebaut worden.

Ausstattet war es mit allem, was der gehobene Kunde für einen Kaufpreis von 396,- DM erwarten konnte. Für den guten Empfang aller Wellenbereiche, also LW, KW, MW und UKW standen 9 AM und 11 FM Kreise zur Verfügung.

Insgesamt brachte Körting bei diesem Modell 8 Röhren in Arbeit. Interessant zu sehen, dass sich hier langsam ein Wandel von der 4er-Rimlock-Serie zu den neuen 8er-Röhren vollzog. Wobei hier immer noch an einigen alten Vorkriegsexemplaren festgehalten wurde.
Diese sind die beliebte EM11 als Feldstärkenanzeige mit ihrem schönen Kleeblatt und die Endröhre EL11. Rimlock-Röhren sind EF41, EAF41, EB41 und die Gleichrichterröhre AZ41. Dann wären da noch die EF80 und die ECH81.
Dieses Radio war in seinem Vorleben offensichtlich in intensivem Gebrauch. Innen hatte sich Staub in ungeheurer Menge angesammelt und die Metallteile waren mit einer klebrigen dunklen Schicht überzogen. Nach Messen aller Röhren zeigte sich, dass viele komplett ausgemergelt waren und ersetzt werden mussten. Das verschlissene Stromzuleitungskabel musste ich auch erneuern und natürlich auch alle Skalenbirnchen.

Zudem zeigten sich einige mechanische Probleme. Das Potentiometer hat eine Mehrfachfunktion und ist kein Standardteil. Körting hatte im Inneren der Potentiometerwelle eine weitere Funktion zur Klangregelung eingebaut, die gleichzeitig auch der variablen Bandbreiteneinstellung dient. Das war ein Seilzug, der aus dem Inneren der Potentiometerverkleidung herauskam. Und genau dieser Seilzug war gerissen.
Der Bastlerkollege mit dem ausgeschlachteten Amelior half mir auch in diesem Falle und verschickte mir das Potentiometer aus seinem Gerät, dessen Seilzug für den Ausbau aber ebenfalls gekappt werden musste. In der Zwischenzeit gelang es mir aber das Ursprungsteil wieder zu befestigen und, nach einem kleinen Umbau, war die Betätigung der Bandbreitenverstellung und auch der Klangregelung damit wieder möglich.
Die weiteren beweglichen Teile waren verharzt und auch die Seilzugrollen für die Senderverstellung waren fest und rostig. Vom Kathoden-Elko der Endpentode hing ein loser Draht herab. Das alles machte ich wieder gangbar und tauschte sämtliche Elektrolyt- und Teerkondensatoren. Bei einigen drückte sich schon das Teer aus der Hülle. Allein diese Arbeit hatte mich einige Zeit gekostet, denn es waren insgesamt knapp 30 Elemente, die durch neue Bauteile ersetzt werden mussten.
Nachdem ich alle notwendigen passiven elektronischen Bauteile getauscht hatte, wagte ich eine erste vorsichtige Inbetriebnahme mittels Regel-Trenntrafo. Amelior spielte wieder. Wer weiß nach wie langer Zeit. Aber das Ergebnis war unbefriedigend. Der Ton hatte stakte Verzerrungen, es produzierte Heulgeräusche aus dem Lautsprecher. Der Netztransformator brummte und schnarrte laut und das „Magische Auge“, also die EM11 war komplett ohne Funktion.
Hier lag also noch einmal richtig viel Arbeit vor mir.
Ich spendierte dem Radio eine nagelneue (und leider teure) Gleichrichterröhre AZ41. Danach hatte ich schon einmal die richtige Soll-Betriebsspannung erreicht. Nach dem Tausch der EM11 (gegen eine gute gebrauchte) und der EF80 (gegen eine noch ungebrauchte der Firma RSD) war kein Heulen mehr zu hören und auch der Klang hatte sich spürbar verbessert.
Die Verzerrungen und das Trafo-Brummen waren ebenfalls verschwunden. Die Strom- und Spannungswerte waren nach diesen Arbeiten wieder alle im vorgeschriebenen Bereich. Auch der Dauertest verlief am Ende erfolgreich.

Es war nun wieder funktionstüchtig und spielte wieder. Der Klang lag auf einem akzeptablen Niveau, ohne jedoch wirklich eindrucksvoll zu sein. Den Vergleich mit dem zeitgleich gebauten und ähnlich gut ausgestatteten, damals nur 14 DM teureren und ebenfalls restaurierten AEG 1062WU würde es klanglich verlieren.
Dazu muss man natürlich anerkennen, dass wir es hier allgemein mit dem technischen Entwicklungstand von 1952 zu tun haben. Schon ein bis zwei Jahre später, also mit dem 1953/54er Jahrgang, gab es aus meiner Sicht und im Vergleich mit meinen Radios aus Westdeutscher Produktion, nochmals einen echten Qualitätssprung nach vorne (z.B.: Grundig 4035W).
Das hier beschriebene Körting Gerät besitzt immerhin schon eine Trennung zwischen dem permanentdynamischen Hauptlautsprecher und dem Eckigen Elektrostaten, der für die Höhenwiedergabe zuständig ist.

Interessanterweise habe ich auch schon einen Amelior mit einem magnetischen Hochtonlausprecher gesehen. Ich denke aber, die Standardausführung war die mit dem elektrostatischen Hochtöner, wie auch hier eingebaut.

Die werkseitig angebrachte Webeplakette „25 Jahre Körting“ war immer noch an der linken Seite vor der Schallwand vorhanden.

Die Skalenscheibe verrät eine eindeutige Westausrichtung als Tribut an die neue Zeit. Außer „Berlin“ ist als einziger DDR-Sender lediglich Leipzig zu finden.
Dafür sind Alliierten-Sender umfangreich vertreten. Für England finden sich „BBC“, „BBC Europa“, „BFN“, der britische Soldatensender, „London“, „Burghead“, eine Sendestation in Schottland, „Moors. Edge“ aus West Yorkshire, und „Daventry“. Auch die US-Amerikanischen Armeeangehörigen in Westdeutschland sind mit ihren Sendern „AFN“, also „American Forces Network“, berücksichtigt und dann noch einmal mit „AFN-Frankfurt“ und „AFN-München“.
Schön ist die Art und Weise, wie die Klangveränderung auf der Skalenscheibe dargestellt wird. Hier läuft ein Zeiger von unten nach oben hinter einer sich nach oben verjüngenden Grafik. Oben und unten mit einem Notenschlüssel versehen und unten noch mit der Beschriftung „Hochton“. Damit konnte man die Höhenwiedergabe erweitern.

Dabei ist und bleibt es ein sehr interessantes Gerät. Auch bei Betrachtung des Schaltplans sieht man, dass Körting hier ganz eigene Wege ging. Es war zunächst nicht einfach, den Weg des Signals zur Endröhre nachzuvollziehen. Der Schaltplan war zum Glück auf der Bodenplatte aufgeklebt.
Im Inneren fand sich auch noch die Röhren-Garantieurkunde. Auf die Einlösung der Garantie hatte ich verzichtet.

Das Gerät in seiner Zeit:
Die abenteuerliche Firmengeschichte von Körting habe ich bereits beim Model Körting Omniselektor 251W beschrieben.
Vor diesem Hintergrund wird klar, dass dieses Modell im Oktober 1952 bereits im brandneuen Körting-Werk in Grassau am Chiemsee in einer 26.000 qm großen Werkshalle entstanden sein dürfte.
Allerdings war kurz danach auch schon wieder Schluss mit dem unternehmerischen Neuanfang, denn Körting war bereits kurz darauf, 1953, insolvent und ein von der Gläubigerbank beauftragter Sanierer übernahm das Ruder.
1952, also gerade einmal drei Jahre nach Gründung der beiden deutschen Staaten Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik, war der kommende Weg noch keineswegs vorgezeichnet. Zwar bemühten sich alle Deutschen nach Kräften wieder auf die Beine zu kommen, aber die Umstände so kurz nach dem Krieg waren alles andere als einfach.
Das musste auch die Firma Körting erfahren. Obwohl ein gut eingeführtes Traditionsunternehmen in der Radiobranche, konnte die Firma nicht von der sich langsam erholenden westdeutschen Marktwirtschaft profitieren. Die Gesetze des Marktes bedeuteten eben auch Konkurrenzkampf. Und dieser Kampf um Marktanteile und Kunden wurde unerbittlich ausgefochten. Managementfehler konnte sich niemand leisten und das Recht des Stärkeren galt auch und besonders in der aufstrebenden Industrie der westdeutschen Wiederaufbauzeit.
Die junge Bundesrepublik war noch nicht endgültig gefestigt. Und das sowohl im wirtschaftlichen, sozialen und politischen Sinne. Das Saarland befand sich immer noch, abgetrennt von Reststaat, unter französischer Kontrolle und in diesem Jahr wurde erst das Bundesland Baden-Württemberg gegründet.
1952 bekam Westdeutschland von den Briten auch seine Insel Helgoland zurück. Es schien, als wollte die britische Besatzungsarmee Helgoland nach Ende des Zweiten Weltkriegs komplett sprengen. Die Deutschen Bewohner wurden umgesiedelt. 6.700 Tonnen Bombenlast wurden auf den Felsen abgeworfen, bzw. dort zur Explosion gebracht. Die Zündung der dort angebrachten Sprengstoffe ging als größte nichtnukleare Detonation der Menschheit in die Geschichte ein.
Dennoch: der alte Felsen hielt stand. Wenn auch ziemlich ramponiert. Am 01. März 1952 wurde dort wieder die Deutsche Flagge gehisst. Die vorher „evakuierten“ Einwohner Helgolands durften zurück auf ihre komplett zerstörte Insel kommen und noch im selben Jahr pilgerten, nach einem intensiven Wiederaufbau, schon wieder die ersten Badegäste an den dortigen Strand.
Konnte man auch auf der Nordseeinsel Helgoland Radio hören?
Nach 1947 wurde durch die britischen Zerstörungen die letzten noch erhaltenen Funk-Infrastrukturen komplett vernichtet. Aber mit dem Wiederaufbau und der Rückkehr der Helgoländer wurde ab 1952 auch die Funktechnik neu gebaut. Helgoland wurde schließlich an den Norddeutschen Rundfunk angekoppelt, dessen Sendungen nun auch dort im Radio – vielleicht mit einem neuen Körting Amelior – zu hören waren.
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