1950
Seriennummer: 28950

Vorbemerkung:
Den Omni-Selektor erwarb ich kurz nach der Jahrtausendwende von einer Berliner Familie, die gerade einen Nachlass der verstorbenen Großmutter sortierte. Zum Vorschein kam dabei dieses alte Röhrenradio.
Auf den ersten Blick ist es ein langweiliges Gerät. Immerhin ist es eines der Marke Körting. Von diesem Hersteller hatte ich damals noch kein Exemplar in meiner Sammlung. Und es war recht preisgünstig. Also fuhr ich hin und kam mit dem Gerät wieder zurück.
Das Innenleben sah noch schön unverbastelt aus. Ich fand im Gehäuse den aufgeklebten Schaltplan. Auf den Filtern klebten sogar noch die Körting-Originalsiegel.

Nach dem Erwerb mottete ich das Radio erst einmal provisorisch im Keller ein. Dort fiel es in einem Tiefschlaf. Und wie das so ist mit Provisorien, vergingen plötzlich und unerwartet Jahrzehnte.
Nach etwas über 20 Jahren erinnerte ich mich wieder an seine Existenz und wagte einen näheren Blick.
Das Radiomodell:
Es ist also ein Körting. Dieser hört auf den seltsamen Namen „Omni-Selektor“. Man kann also allgegenwärtig wählen. Das macht man hier noch ohne Tasten. Ansonsten nimmt dieses Radio gestalterisch den Mainstream der kommenden 50er Jahre bereits vorweg.

Sonst lassen sich keine Besonderheiten oder Eigenständigkeiten erkennen. Optisch ist der Körting sicher kein Highlight.
Bei näherem Hinschauen erkennt man den Wellen-„Selektor“, der sich rechts vorne befindet, und der von der Skalenscheibe mit runden Schaufensterchen umgeben ist, in denen die verschiedenen Wellenbereiche auftauchen.

Wir befinden uns zeitlich in den Anfängen des UKW-Empfangs. Noch nicht viele Geräte haben schon einen solchen Tuner eingebaut (wie z.B. Graetz 154W). Einige kann man mit UKW-Nachrüstsätzen aufwerten. Unser Körting hat den Tuner bereits serienmäßig an Bord und gehört damit zur technischen Elite in der jungen Bundesrepublik Deutschland.
Die Demodulation erfolgt mittels Diskriminator. UKW wird in der Welleneinstellung hier mit „UK“ abgekürzt. Daneben gibt es noch Mittelwelle „M“, Kurze Welle „K“, Lange Welle „L“ und „TA“ für Tonabnehmer, falls also zum Beispiel ein Plattenspieler angeschlossen werden soll. Es besteht auch die Möglichkeit einen weiteren Lausprecher an einem Eingang auf der Rückseite anzudocken.

Mit dem hinteren Drehknopf auf der linken Seite bedient man die Klangblende, hier sehr anschaulich mit „Hell“ und „Dunkel“ beschrieben. Das vordere Potentiometer regelt die Lautstärke („Laut/Leise“).
Ein sonst eher seltener Sender befindet sich auf der Glasskala: „Washfrd“.
Das bedeutet „Washford“ und war – oder ist immer noch – ein Mittelwellensender im Südwesten Großbritanniens. Keine besonders gesuchte Station im Nachkriegsdeutschland. Vielleicht ein symbolisches Entgegenkommen für die britische Besatzungsarmee?

Auch fällt auf, dass UKW noch nicht so recht etabliert war. Den Großteil nehmen die Sender der Lang-, Mittel-, und Kurzwellenbereiche ein. Ganz unten, gerade noch sichtbar, findet sich eine letzte dünne Zeile für UKW.

Die Röhrenbestückung orientiert sich komplett an den Rimlock-Modellen der 40ger Serie, wobei die Gleichrichtung eine AZ41 übernimmt.
Ausnahme ist das „Magische Auge“. Hier arbeitet (leider) eine EM 34. Leider deshalb, weil es sie neu nicht mehr gibt und auch keine brauchbaren Ersatzröhren im Ausland bestellt werden können. Ungebrauchte Originalexemplare aus altem Bestand werden inzwischen wie Diamanten gehandelt.

Insgesamt haben wir hier ein technisch ziemlich aufwändiges Modell der Spitzenklasse. Man könnte sagen: ein „Wolf im Schaftspelz“.
Nur eine Handvoll Geräte konnten serienmäßig 1950 bereits das gerade erst eingeführte Sendeformat UKW empfangen (dazu weitere Infos beim Graetz 154W). Das optisch unscheinbare Radio hat nicht weniger als acht Röhren, 6 AM und 8 FM-Kreise.

Eine weitere Besonderheit ist die Modellbezeichnung „251W“. Diese ist im Register der Körting Modelle nicht aufgelistet. Dort gibt es nur den „51W“. Die „2“ davor scheint vom Werk nachträglich auf die Rückwand gebracht worden zu sein. Worin der genaue Unterschied liegt, konnte ich nicht feststellen. Die Röhrenbestückung entspricht dem Model „51W“. Auch der Schaltplan spricht vom „51W“. Dieses Geheimnis konnte ich leider noch nicht lüften. Vielleicht gibt es so etwas wie eine zweite Serie.
Schade, dass die zukunftsweisende Fortschrittstechnik einer so traditionellen Fima in einem solch schlichten Gehäuse versteckt wurde.
Das Gerät in seiner Zeit:
Nichts beschreibt die Zeitumstände besser als die abenteuerliche Geschichte der Marke Körting selbst.
Es war eine deutsche Traditionsfirma, die bereits Anfang der 30er Jahre eigene Radioempfänger baute. Schon Mitte der 20er Jahre hatten die beiden Gründer, Herr Dr. Dietz und Herr Ritter, Trafos und andere Radiobauteile entwickelt. Ihr Stammsitz war Leipzig, wo die Produkte unter dem Firmenamen Körting vermarktet wurden.
Zum Ende der 30er Jahre hatten sie es geschafft, den Gipfel in Sachen Radiotechnik zu erklimmen. Mit dem Gerät Transmare hat die Firma Körting der Welt gezeigt, was technisch möglich war. Es war sozusagen der Mercedes, nein, um zeitgenössisch zu bleiben, der Maybach unter den Empfängern.
Er hatte 20 Tasten für 20 programmierbare Sendestationen, die auf Knopfdruck per Motorantrieb gefunden wurden und zusätzlich eine automatische Feinabstimmung. Mit 12 Röhren erreichte er eine bis dahin nicht für möglich gehaltene Eingangsleistung und war – was das Holzgehäuse betrifft – solide gearbeitet wie ein wertvolles Möbelstück. Das sollte es trotz aller High-Tech-Ausstattung auch sein. Eines, das man nicht übersehen konnte. Gewaltige 64 cm. breit und mehr als einen halben Meter hoch. Dazu 760 Reichsmark teuer. Die wenigen Besitzer hatten sicher einen angemessen großen Salon. Käufer fanden sich unter Wirtschaftsbossen und Prominenten. Körting hatte spätestens jetzt ein unschlagbares Image.
Dann kam der Krieg und stellte alles bisher Gewesene auf den Kopf. Unter den Nationalsozialisten war ein freies Wirtschaften nicht mehr möglich. Viele mussten zwangsweise auf Kriegsproduktion umstellen und fertigten nur noch Produkte, die für Kriegs- bzw. Wehrmachtszwecke geeignet waren. Dennoch schaffte es Inhaber Oswald Ritter auch im Krieg noch eine Zeitlang, Rundfunkempfänger für den zivilen Gebrauch herstellen zu dürfen. In bestimmter Weise war er mit dem so genannten Volksempfänger sogar dazu gezwungen (Körting VE 301).
Nach Ende des Krieges fand sich das zertrümmerte Leipzig in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) wieder. Der Sozialismus wurde jetzt zügig errichtet. Herr Ritter, wie noch so viele andere Macher, ließ sich aber nicht beirren und versuchte sofort wieder eine Produktion von elektronischen Geräten aufzubauen.
Eigeninitiative war im sozialistischen neuen Deutschland allerdings nicht gerne gesehen. Selbständiges Wirtschaften aus Sicht der neuen Machthaber gar geradezu kriminell. Das spürten die ersten Unternehmenspioniere in der DDR, wie die SBZ seit 1949 hieß.
Die erste staatliche Enteignungswelle traf viele im Aufbau befindliche Unternehmungen, die gerade im Aufblühen waren. Die Realisten unter den Vorausschauenden setzten sich schon früh nach und nach heimlich in Richtung Westen ab. Einige, die von der ersten Enteignungswelle verschont blieben, harrten noch bis Anfang der 50ger Jahre aus. Ein Fehler, den viele bereut haben mochten. Denn Optimismus schützte nicht vor der zweiten großen Enteignungswelle. Nur dass diesmal sogar Verhaftung, Internierung und die Ermordung drohten.
Hierzu lohnt sich ein Blick auf die Geschichte einiger meiner seltenen Ostgeräte (Ares Romanze, Blohm A56W). Untergegangene kurzlebige Marken, die noch von den ersten aufblühenden Unternehmensgründern in der jungen DDR geschaffen wurden.
Herr Ritter wurde nach einigen hoffnungsvollen Anfängen bereits Anfang 1948 enteignet. Dies bedeutete – nach all den technischen und wirtschaftlichen Erfolgen der Vorkriegszeit – am Ende den totalen finanziellen Ruin. Er war nun völlig mittellos. Und das im bereits fortgeschrittenen Alter von 70 Jahren, in dem man sich eigentlich auf seinem Erreichten ausruhen möchte.
Anstatt zu resignieren und sich teilnahmslos in sein unabwendbares Schicksal zu fügen, schmiedete Ritter neue Pläne. Er sammelte seine besten und treuesten Mitarbeiter um sich, die den Krieg überlebt hatten und flüchtete 1949 in den Westen. Hier besaß er nichts außer seinem berühmten Firmennamen „Körting“. Und der hatte immer noch einen Klang wie Gold.
Daher bekam er schnell die Unterstützung der Bayerischen Landesregierung. Mit frischer Finanzkraft zog die Truppe 1949 nun statt in einen kommunistischen Gulag in ein bayerisches Anwesen ein, nämlich in das alte Schloss Niedernfels in Marquartstein. So nobel es auch klingen mochte, für eine vernünftige Radioproduktion waren die Räumlichkeiten jedoch denkbar ungeeignet.
Trotz aller Widrigkeiten begann nun wieder eine Produktion von Radioempfängern unter dem alt bekannten Namen „Körting“. Nun eben nicht mehr in Leipzig, sondern in der inzwischen neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Oswald Ritter gelang das Kunststück, kurzfristig im Rahmen der Flüchtlingsförderung und sicher auch mit Blick auf den zu erwartenden Erfolg der Marke „Körting“, einen Kredit in Höhe von beachtlichen 5 Millionen DM zur Errichtung einer nagelneuen Radiofabrik in Grassau am Chiemsee zu erhalten. Die Produktion in dem 26.000 qm großen neuen Firmengelände dürfte 1952 begonnen haben.
Alles bestens, möchte man denken, aber so war es nicht. Die Körting-Geräte aus dem Schloss verkauften sich nur schleppend. Ritter wollte es wohl allen recht machen und bot eine unüberschaubare Fülle unterschiedlichster Geräte in kleiner Stückzahl an. Eine rationale Produktion dürfte so nicht möglich gewesen sein.
Jedenfalls trat Oswald Ritter schon ein Jahr nach Eröffnung der neuen Fabrikhallen in Grassau im Jahre 1953 als Gesellschafter zurück und ein von der Bank beauftragter Sanierer übernahm nun das Ruder. Ritter verließ 1955 ganz die Firma und verstarb vier Jahre später 1959.
Die Firma Körting musste zur Rettung einen Kooperationsvertrag mit dem Versandhaus Neckermann schließen. Unter dem „Neckermann“- Label findet man noch einige alte Geräte, in denen Körting-Technik drinsteckt.
Nun zu unserem Gerät. Ein Blick auf den im Inneren gefundenen Schaltplan verrät uns Folgendes: dort steht als Firmenbezeichnung „Körting Niedernfels“ Das Schaltbild wurde gezeichnet am 23.10.1950. Die Zeichnung geprüft am 07.11.1950.
Hier handelt es sich also um eines der seltenen Modelle, die kurz nach der Flucht noch im Schloss hergestellt wurden. Vielleicht sogar noch 1950. Die Seriennummer lautet 28950. Im Netz fand ich ein Gerät mit der Seriennummer 27101 und eins mit 27174. Es ist schwer, hieraus eine spezifische Produktionszahl abzuleiten.
Jedenfalls ist es 1950, also genau in dieser abenteuerlichen Übergangszeit, konstruiert worden und dürfte spätestens Anfang 1951 in den Verkauf gekommen sein.
Warum wurden die frühen Nachkriegs-Körtings von der Kundschaft verschmäht? In unserem Falle dürfte das etwas langweilige Äußere vielleicht eine Rolle gespielt haben. Wer vermutet unter dieser unscheinbaren Gestaltung im simplen Gehäuse schon ein aufwändiges Acht-Röhren-Gerät, sogar schon mit brauchbarem UKW-Empfang?
Und die geforderten 385 DM musste man 1950/51, also etwa fünf Jahre nach Kriegsende und kurz nach Einführung der neuen D-Mark, für ein nicht unmittelbar lebensnotwendiges Konsumprodukt erst einmal zusammen bekommen.
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