Philips Saturn 653/4E/3D

1955

Seriennummer: Type: BD 653 A-03 ~ Nr.: W22462A

Vorbemerkung:

Also, Radios habe ich ja nun mehr als genug. Allerdings kann ich es mir von Zeit zu Zeit nicht ganz verwehren, in die lokalen Kleinanzeigen zu spähen. Dort wurde Oktober 2022 dieses Radio angeboten. Nicht, dass ich es brauchte. Aber 30 EUR war keine überwältigende Investition und der kleine Ort vor dem großen Köln lag am nächsten Tag ohnehin auf meiner Route.

Und so stand das Radio dann auch in erstaunlich gutem Zustand schließlich in meinem Kofferraum.

Familienerstbesitz von der Oma und nicht durch unzählige dubiose Flohmarkthände gegangen. Das merkte man. Und nach Abnahme der Rückwand zeigte sich ein wunderbares mäßig verstaubtes Technikensemble ohne erkennbare Verbastelungen oder üblem Teileraub. Selbst die Röhrenbestückung war noch einheitlich und dürfte die Werksausstattung mit den originalen Valvo-Röhren gewesen sein.

Das Radiomodell:

Hier haben wir einen, zumindest optisch, typischen Vertreter der Mitte-50er-Jahre. Allerdings einen sehr edlen und gewaltig großen Statthalter von hochwertigen Empfängern.

Schon die äußeren Dimensionen, lassen keine Zweifel an seiner Zugehörigkeit zur gehobenen Angebotsklasse aufkommen. Gewaltige 68cm in der Breite und 41,5 cm in der Höhe sind ein Statement im Raum.

Philips stand traditionell für einen Konzern, der gerne eigene Wege ging. Das traf nicht alleine auf die Technik, sondern eben auch auf die Gestaltung zu. Bei diesem Radio hatte sich Philips aber optisch auf die in dieser Zeit in Deutschland gängige Formensprache eingelassen. Das Radiodesign war in Deutschland irgendwie vereinheitlicht worden. Ein Radio hatte nun rechts und links einen Einstellknopf zu haben, direkt auf die unten angebrachte Skalenscheibe aufgesetzt. Darüber dann die Lautsprecherbespannung.

Und seit Mitte der 50ger Jahre musste es bei den höherwertigen Geräten noch „3D“ sein. Die dritte Dimension wurde durch jeweils einen weiteren Lautsprecher in den Seitenwänden erzeugt. Die „Raumklang-Idee“ stammte ausnahmsweise nicht von Philips, sondern von seinem Konkurrenten Grundig (nähere Informationen dazu beim Grundig 3045W 3D).

Dieses Phillips Radio hat insgesamt vier Lautsprecher. Einen Haupt- und einen separaten Höhenlautsprecher unter dem vorderen Bespann-Stoff, sowie jeweils die beiden zusätzlichen Seitenlautsprecher. Optisch also absoluter “Mainstream“ der betreffenden Zeit. Aber insgesamt doch schön gegliedert.

Die Skala sieht schick aufgeräumt aus. Als nette kleine Details, die eine kleine Brise optische Individualität versprechen, gibt es unten auf jeder Seite jeweils ein Rändelrad.

Das Linke ist in der Vertikalen unterteilt und bedient jeweils die Höhen und die Bass-Einstellung. Dann schiebt sich für jeden Bereich ein schwarzer Balken im Sichtfeld hin und her.

Philips nennt die Ferritantenne wie oben beschriftet „Ferroceptor“

Das Rechte ist ungetrennt und zur Verstellung der inneren Ferritantenne bestimmt.

Eine weitere Besonderheit ergibt sich noch auf der Rückseite. Dort befindet sich ein Umschalthebel für den Betrieb der internen Gerätelautsprecher. Der experimentierfreudige Musikliebhaber kann dort noch die Wahl eines externen separaten Einzellautsprechers einstellen.

Auffällig ist die komplexe Seriennummer auf dem Chassis. Die Bezeichnung „BD 653 A-03 ~ Nr.: W22462A“ klingt erste einmal nach einem zufällig erzeugten Verschlüsselungscode. Dem ist nicht so. Auch hier hat bei Philips alles eine bestimmte Bedeutung.

Fangen wir an mit der Dekryptierung:

„B“ steht für den umständlich gewählten Begriff „Bandrundfunkgerät“. Damit ist nichts anderes als ein Rundfunkempfänger gemeint, der Frequenzbänder in hörbare Töne umwandelt. Im Volksmund auch gerne „Radio“ genannt. Der Buchsrabe steht aber auch für ein Modell zum Aufstellen im Schrank oder auf einer Vitrine (im Gegensatz zu Autoradios oder Musikschränken).

Das „D“ ist die Länderkennung. Es steht in diesem Falle für Deutschland. Es ist also ein Modell von Philips Deutschland.

Anschließend folgt eine dreistellige Ziffer, die teilweise einzeln gelesen werden muss. Die „6“ zeigt die Preisklasse in der Philips-Modellhierarchie an. In unserem Falle steht sie für ein Modell der gehobenen Preisklasse.

Die „53“ steht für die Generation innerhalb dieser Modellreihe.

Anschließend lesen wir das „A“ für die Stromversorgung. Hier haben wir es mit einem reinen Wechselstromgerät zu tun, also „A“ für „AC“.

Die „03“ ist ein Philips-spezifisch vergebener Code für die jeweilige, manchmal auch länderangepasste, Entwicklungs- und Ausstattungsvariante.

Weiter geht es mit dem Rest der Seriennummer.

Ganz am Anfang wird uns verraten, in welchem Werk dieses Radio zusammengebaut wurde. Das „A“ für Aachen haben wir bereits beim Philips Aachen D62 kennengelernt. Philips betrieb in Deutschland aber auch noch ein Werk in Wetzlar. Und genau dafür steht das „W“ in der hiesigen Seriennummer.

Dann kommt die eigentliche fünfstellige Seriennummer. Wir wissen allerdings nicht, wann der Zähler für die hergestellten Radios zu arbeiten begann. Philips startete gerne bei höheren Ziffern, um nicht bei 00001 anzufangen und bei möglichen Defekten für vermeintliche „Kinderkrankheiten“ unangenehme Kundenklagen entgegennehmen zu müssen.

Der letzte Bestandteil des Codes, „A“, bezeichnet die technische Entwicklungsstufe. Dabei steht das „A“ für die erste ab Werk freigegebene Version. Vor diesem Hintergrund könnte dieses Radio schon im ersten Jahr, also 1955, gefertigt worden sein. Das Radiomodell wurde noch bis ins Jahr 1956 hinein angeboten.

Und damit kommen wir zu den technischen Besonderheiten, ohne die es kein Philips wäre.

Blick in den hochwertigen „Maschinenraum“. Wir sehen vier vollwertige Lautsprecher.

Phillips hat hier seine Philosophie von den „eisenlosen Endstufen“ ausgelebt. Will heißen: es gibt keinen Ausgangstrafo für die Lautsprecher. Diese sind entsprechend hochohmig ausgelegt, verzeihen aber keine technischen Probleme und sind durch hohe Spannungen erheblichen Gefahren ausgesetzt. Vielen hat es bei durchgeschlagenen Kondensatoren schon das Leben gekostet.

Auch an den Seiten arbeiten große permanent-dynamische Speaker

Aufwändig ist auch die Ausgestaltung des „3D“-Prinzips. In dieser Zeit wurden aus Kostengründen bei vielen Herstellern oft günstiger zu fertigende Elektrostaten für die seitliche Beschallung gewählt. Nicht so bei diesem Gerät. Hier arbeiten auch an den Seiten vollwertige große permanent-dynamische Schallwandler.

Dann sind da noch die vier Endstufenröhren.

Eine komplexe Angelegenheit, die auf ein hohes Geräteniveau schließen lassen. Wir finden hier zweimal EL41 im Rimlock-Format und zwei UL41. Die letzteren sind prinzipiell typische Röhren, die in Allstrommodellen zu finden sind. Sie benötigen eine Heizspannung von 45V.

Was diese Allstomröhren in einem Wechselstromgerät zu suchen haben, erkläre ich weiter unten.

Jetzt entschlüsselt sich uns auch die Zahlen- und Buchstabenkombination im Namen „653/4E/3D“. „4E“ sind also diese vier Endröhren und „3D“ haben wir schon oben behandelt: der dreidimensionale Klangraum.

Die Endstufenkombination ist schon eine ungewöhnliche Lösung. Typisch Philips, würde ich sagen.

Versuchen wir, die dahinterstehende Idee zu verstehen.

Es gibt zwei getrennte Endstufenkanäle. In beiden arbeitet jeweils ein Paar Röhren. Diese sind die ungleichen Varianten EL41 und UL41, die verdonnert wurden, zusammenarbeiten zu müssen. Beide haben getrennte Aufgaben, sind aber schaltungstechnisch in Gleichstrom-Reihe angeordnet.

Dabei gibt es eine obere und eine untere Röhre. Wie üblich gelangt das Audiosignal an das Steuergitter der EL41. Kommt eine Halbwelle an, sinkt an ihrer Anode die Spannung. Soweit zum auch bei anderen Verstärkerschaltungen üblichen Ergebnis.

Hier aber ist die Anode direkt mit der Katode der „darüber liegenden“ UL 41 verbunden. Dadurch entsteht dort ein entgegengesetzter Effekt. Technisch nennt man das deshalb eine „Push-Pull“-Gegentakt-Schaltung.

Das wechselnde Signal liegt genau da, wo die Anode der „unteren“ EL41 auf die Kathode der „oberen“ UL 41 trifft. Dort messen wir eine Spannung von ca. 130V. An der Schnittstelle wartet ein elektrolytischer Tonkondensator auf seine Tätigkeit, um das Tonsignal als Gleichstromsignal unmittelbar, also ohne Ausgangstrafo, an die Lautsprecher weiterzuleiten. Um das zu überleben, benötigen die Lausprecher eine sehr hohe Impedanz von 800 Ohm.

Was soll das Ganze?     

Es war ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer perfekten Klangwiedergabe. Zunächst einmal wollte man Höhen und Tiefen getrennt voneinander bearbeiten und damit ihren spezifischen Bedürfnissen gerecht werden. Deshalb zwei unterschiedliche Endstufen. Dann wollte man den perfekten glasklaren Sound unverfälscht an den Hörer weiterleiten, und zwar ohne die Grenzen, die der Ausgangstrafo setzt. Der trägt häufig ungewollt zu einem etwas dumpfen Klang bei.

Durch das gewählte Schaltungsdesign wurde also drei Dinge erreicht:

Jeweils eine getrennte Endstufe für Höhen und Tiefen.

Dann eine kraftvolle Gegentaktendstufe, die durch das „Push-Pull-Prinzip ohne eine phasenverschiebende zusätzliche Umkehrröre auskommt. Diese war bei üblichen Gegentaktendstufen der Zeit notwendig.

Und schließlich eine Übertragung ohne einen klangverschlechternden Trafo unmittelbar an den Schallwandler.

Bei dieser Konfiguration musste auf die UL41 als „oberer“ Teil des Röhrenpaares zurückgegriffen werden, weil die Kathode bei dieser Schaltung auf halber Betriebsspannung liegt. Das muss die Röhre aushalten können. Nur die UL41 war damals in der Lage, die Spannung zwischen Kathode und dem Heizfaden in ihrem Inneren adäquat zu isolieren.

Die Gesamtleistung liegt laut Typenschild bei beeindruckenden 90 Watt.

Für den AM-Bereich stehen 8 Kreise zur Verfügung und im FM-Bereich, also für UKW, 11 Kreise.

Der hohe Preis des eindrucksvollen Empfängers in Höhe von 445 DM hatte also durchaus seine Berechtigung.

Das Gerät in seiner Zeit:

Solche technischen Geräte sind immer auch Botschafter ihrer Zeit. Sie spiegelten im höheren Preissegment den Stand des technisch möglichen wieder. Der Fortschritt lief im Zeitraffer. Alles wurde immer besser und die vielen deutschen Firmen lieferten sich ein Wettrennen um die beste Lösung.

Dem Normalverbraucher waren Konstruktionsaufwand und Entwicklungsleistung überwiegend egal. Er hörte nur auf das Ergebnis. Den Klang, die Empfangsleistung und natürlich wirkte auf ihn die Optik. Diese Faktoren mussten stimmen. Ein Radio war schließlich nicht nur ein Stück High-Tech. Es war eben auch ein Möbelstück und musste sich optimal in den eigenen Wohn- und Repräsentationsstil des Haushalts einpassen.

Wir schreiben also das Jahr 1955. Das oft zitierte „Wirtschaftswunder“ Westdeutschlands fing langsam an, sich deutlich zu regen.

Bitte nicht vergessen: die totale Zerstörung Deutschlands in einem durch Verwüstung gekennzeichneten Europa, lag gerade erst zehn Jahre zurück. Noch vor neun Jahren verhungerten Menschen im kalten Winter 1946 und erst mit Präsentation dieses Gerätes kamen soeben einige der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus sowjetischer Lagerhaft erstmals wieder in die gewandelte und inzwischen geteilte Heimat zurück. Oft noch mit ihren zerlumpten Wehrmachtsuniformen am Leib. Körperlich und psychisch geschunden. Für sie war der Krieg erst jetzt zu Ende. In den Erinnerungen einiger traumatisierter Soldaten endete er vielleicht nie.

Andere Menschen wiederum hatten schon ihr Glück gemacht, in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland. Einige hatten sich auf wundersame Weise ideologisch über Nacht gewandelt. Andere gründeten neue Familien, Nachwuchs stellte sich ein oder auch schon ein gewisser beruflicher oder unternehmerischer Erfolg.

Wieder andere waren hartnäckig dabei, sich ihren Platz in der neuen Welt noch zu erkämpfen. Die vielen Vertriebenen zum Beispiel, die es in den Westen geschafft hatten, die aber alles, selbst ihre Heimat, verloren hatten. Nicht immer wurden alle Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen.

Es war also eine Zeit im Aufbruch, in rastloser Unruhe, wo elende und erfolgreiche Schicksale sich trafen. Wo aber auch schon wieder ein gesundes Maß an Optimismus keimte.

Ein Gerät wie dieses aufwändige Phillips-Radio wäre sonst niemals auf den Markt gekommen. Es war zweifellos ein Objekt der Begierde. Die Erfüllung dieses Wunsches konnten sich aber nur diejenigen erfüllen, die auf der Erfolgsstraße schon ein gutes Stück zurückgelegt hatten.

Das durchschnittliche Jahresgehalt in Deutschland lag 1955 laut amtlicher Statistik bei 4.548 DM. Also 379 DM im Monat. Brutto. Die Steuer ging noch ab. Diese war damals aber noch nicht so exorbitant hoch wie heutzutage.

Das sagt natürlich immer noch nichts über die Verteilung der Gehälter aus. Nehmen wir daher einen durchschnittlichen Arbeitnehmer, verheiratet, zwei Kinder. Der Prototyp des 50er-Jahre-Familienklischees.

Sein Gehalt war im Vergleich zum Vorjahr gerade um 20 DM auf 470 DM brutto gestiegen. Es gibt seit ein paar Jahren keinen Hunger mehr in Deutschland. Lebensmittel kann man sich jetzt leisten. Allerdings schlagen sie mit rund 180 DM im Monat zu Buche. Dann war da noch die Miete, hinzu kamen die Kosten für Strom und Heizung, Waschmittel, Kleidung, ein paar Spielsachen für die Kinder und Transportkosten für den Weg zur Arbeit.

Netto liegen wir vielleicht bei 390 DM, minus 180 DM fürs Essen. Bleiben noch 210 für den ganzen Rest. Vielleicht blieben noch 50 -100 DM im Monat übrig, bei sparsamer Lebensführung. Wenn überhaupt. Und hier haben wir es schon mit einem Angestellten zu tun.

Viele Arbeiter lagen noch darunter. Ingenieure und Akademiker sicher darüber. Erfolgreiche Unternehmer deutlich darüber. Insgesamt waren 445 DM – nur für ein Radio – in jedem Falle ein ziemlicher Batzen Geld. Das musste man sich schon leisten können. Vielleicht hatte man ein Jahr darauf gespart.

Und dabei gab es so viele Wünsche. In den kühnsten Träumen besaß man einmal sogar ein Auto. Das Standard-Fahrzeug der 50ger und frühen 60ger war sicher der Volkswagen „Käfer“. Ein schöner Wirtschaftsindikator. Der kostete 1955 im Listenpreis 3.790 DM in der einfachen Standardausführung. Für die meisten noch immer eine unerreichbare Illusion.

Oder wollten wir auf eines der skurrilen Kleinstfahrzeuge sparen, die nun auf den Markt kamen? Wie wäre es mit einem Messerschmitt Kabinenroller? Immerhin produzierte die Firma 1955 11.909 Exemplare davon. Das beste Jahr für diese rollende Flugzeugkanzel. Allerdings gingen viele davon auch in den Export.

Kaufpreis in Deutschland 1955: 2.700 DM. Das entsprach im Umrechnungskurs ungefähr sechs Stück dieses Phillips-Radios.

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