Philips Aachen Super D62

1939

Seriennummer: 364018/8A03

Vorbemerkung:

„Sind noch die Röhren drin? Ich meine, ist im Gehäuse noch die Technik vorhanden?“, wollte ich am Telefon wissen.

Als ich am gleichen Morgen der frühen „Nullerjahre“ ein Berliner Anzeigenblatt aufschlug und unter „Sonstiges“ das Angebot eines Philips Aachen D62 für 35.-Euro sah, traute ich meinen Augen nicht. Selbst als Ersatzteilspender oder nur als Gehäuse wäre es diesen Preis wert gewesen.

„Ist alles noch drin.“, bekam ich als Antwort. „In Ordnung. Ich kaufe es!“

„Das muss aber bei mir abgeholt werden. Versenden tue ich es nicht.“

„Kein Problem, allerdings schaffe ich das heute nicht mehr und anschließend bin ich für zwei Wochen weg.“

„Macht nichts. Sie sind der Erste, der mir gesagt hat, dass er es kauft. Ich reserviere Ihnen das Radio.“

Natürlich war mir sofort klar, dass dieses Geschäft damit unglücklich gescheitert war. Der gute Mann würde überrannt werden mit besseren Angeboten und niemals würde er in diesem Ansturm sein Wort halten. Auch ich als Interessent könnte den Deal nach zwei Wochen einfach vergessen haben. Was zählt schon das Wort eines Unbekannten am Telefon in Berlin?

Natürlich ärgerte ich mich über diese verpasste Chance. Mit wenig Hoffnung meldete ich mich nach den besagten zwei Wochen trotzdem wieder bei dem Verkäufer.

„Natürlich ist das Radio noch da. Ich hatte doch gesagt, dass ich es für Sie reserviere.“

Also führte mich mein Weg in den Ostteil der Stadt, der vormals unmittelbar hinter der Berliner Mauer lag. Ich bog von der Kochstraße in Kreuzberg in die Charlottenstraße ein, vorbei an meinem ehemaligen Büro im letzten Westberliner Haus vor der Mauer. Gleich dahinter stand früher ein Wachtturn der DDR-Grenzschützer, die immer neugierig mit ihren Ferngläsern über die Mauer in Richtung „Westen“ schauten.

Nun war der Weg frei. Hinter den großen Wohnhochhäusern, die ich noch aus der Mauerzeit hinter dem Eisernen Vorhang aufragen sah, gab es noch ein paar niedrigere Plattenbauten. Hier lag mein Ziel.

Der ältere Herr öffnete die Tür, und da stand es vor mir im Hausflur. Das Philips Aachen Super D62 aus der Vorkriegszeit. Leider fehlte einer der vorderen Drehknöpfe und ich ersetzte ihn später mit einem ähnlichen Exemplar. Aber sonst sah es noch tadellos aus.

Der Verkäufer gestand mir, dass nach unserem Telefonat die Hölle los war. Die Anrufe bei ihm wegen dieses Radios hörten nicht mehr auf. Man habe ihm dreistellige Summen geboten. Einer hatte sogar einen rückfrankierten Karton geschickt, in dem er das Radio hätte versenden können.

„Aber Sie waren der Erste, der angerufen und gesagt hat, dass er es kaufen möchte. Und dabei bleibt es auch!“

Es gab sie also noch vereinzelt. Menschen, die zu ihrem Wort standen und sich weder mit Sprüchen noch mit Geld korrumpieren ließen.

Das Radiomodell:

Wer sich für alte Röhrenradios begeistert, der kommt an diesem ganz besonderen Philips Modell nicht vorbei. Ende der 30er Jahre zeigten alle namhaften Radiohersteller mit ihren Spitzenprodukten ihre innovativen Fähigkeiten. Diese Modelle waren die „Technologieträger“ und Aushängeschilder der damaligen Zeit.

Für die anspruchsvollsten Kunden zogen sie alle Register. Und das waren eine ganze Menge. Dieses Niveau wurde nach dem Krieg erst viel später wieder erreicht.

Zu diesen Spitzengeräten zählt zweifellos dieses Aachen Super D62 von Philips, einer der führenden europäischen Radiohersteller.

Der rechte Drehknopf ist das Original. Den linken habe ich zunächst provisorisch angebaut.

Es war 1939 das zweitgrößte Radio, das Philips auf dem deutschen Radiomarkt für verwöhnte Kunden anbot.

Schon bei der Gehäusegestaltung wurde nicht gespart. Die Holzverarbeitung ist über alle Zweifel erhaben. Wunderschön heben sich die beiden Farbtöne des edlen Furniers kontrastiv gegen einander ab. Philips ging bei der Formgestaltung seiner Empfänger immer schon eigene Wege. Hier wurden keine Designmuster kopiert, sondern selber Trends geschaffen. So gibt es auch bei diesem Gerät keine zitierten Vorbilder.

Sofort fallen die Tasten an der Front ins Auge. Wie wir an dem Graetz 51 WT aus dem selben Jahr schon feststellen konnten, gab es auch schon in der Vorkriegszeit in Deutschland Radios mit Wähltasten.

Diese Tastengalerie wurde von den Marketing-Strategen der Fima Philips „Blitztasten“ genannt.

Wer sich die Technik dahinter ansieht, erblickt die komplizierte Mechanik, die mittels Tauchkondensator im Hintergrund dafür zuständig ist, dass der Hörer vorne ganz bequem sechs programmierte Sender seiner Wahl direkt ansteuern kann.

Tauch- oder Schiebekondensatoren funktionieren etwas anders, als die üblichen Drehkondensatoren. Bei diesem Prinzip werden zur Kapazitätsveränderung die Platten linear hinein- bzw. herausgezogen. Wer nun eine der sechs eingestellten Tasten drückt, dem hilft im Hintergrund ein komplexes mechanisches Gestänge bei der Justierung des Schiebekondensators in die jeweils gewünschte Stellung.

Möchte man einen bestimmten Sender „einprogrammieren“, dann stellt man ihn zunächst per Hand ganz normal ein. Danach arretiert man mit einer Feststellschaube die Taste, damit sich die Mechanik an die Stellung des Schiebekondensators „erinnert“. Schaltet man nun eine andere Taste, dann springt durch eine Feder der Tauchkondensator in die nächste voreingestellte Position. Dabei ist sogar der Wellenbereich, also Kurzwelle oder Mittelwelle, gleich mit umgeschaltet.

Wen das 1939 schon verblüfft hat, den dürfte das nächst größere Spitzengerät Aachen Super D63 glatt umgehauen haben. Denn hier wurden tatsächlich bereits mittels Motosteuerung die Sender angewählt.

Die mechanische Tastenkonstruktion war bei dem hier vorgestellten Modell dennoch ungleich komplizierter als beim Spitzenmodell. Bei einem elektronischen Sendersuchlauf, waren die vielen Hebel, Seilzüge und komplexen Führungen, die hier vorhanden sein müssen, überflüssig. Die aufwändige Tastenlösung bot Philips ausschließlich bei diesem Aachen D62 an.

Empfangen kann es alle damals üblichen Wellenbereiche, also Langwelle, Kurzwelle und Mittelwelle. Sieben Kreise sorgen für einen sauberen Empfang.

Wie der Name „Super“ schon verrät, ist es kein Geradeausempfänger, sondern bereits ein Überlagerungsempfänger. Zudem besitzt es eine Hochfrequenz Vorstufe.

Soweit die Tasten nicht verwendet werden, erfolgt die Senderabstimmung weiterhin per Hand (im Gegensatz zum Motormodell D63). Der Sendezeiger ist dabei beleuchtet.

Es hat eine umschaltbare, zweistufige Bandbreitenregelung als weiteres Extra. Im Niederfrequenzbereich ist eine Gegenkopplung geschaltet, was zu einer spürbar besseren Klangausbeute führt.

Für die Umsetzung sorgen in der Originalausführung sechs Röhren, als da wären die EF13, ECH11, AF3, ABL1, die Gleichrichterröhre AZ1 und als Feldstärkenanzeige eine EFM11, die gleichzeitig als Niederfrequenz-Vorverstärker dient.

Ganz rechts ist der nachträglich eingebaute Selengleichrichter mit seinen typischen Rippen zu sehen.

Beim Blick hinter die Rückwand zeigt sich, dass hier schon Veränderungen vorgenommen wurden. Die dicke Gleichrichterröhre AZ1 wurde durch einen Selengleichrichter ersetzt. Hier wurden auch schon so einige Röhren während der DDR-Zeit gewechselt.

Vorne im Bild: die originale EF13 von Valvo, dahinter steckt die ECH11 aus DDR-Fertigung

Die ECH11 hat die Aufschrift „VEB RFT“. Eingebaut ist zudem eine CF4 und CL4 aus DDR-Produktion, beide aus dem Jahr 1955. Teil der originalen Werksbestückung ist immer noch die schwarze Stahlröhre EF13 von Valvo.

Interessant ist auch der Stecker des Stromzuleitungskabels am Radioanschluss. Zum Öffnen der Rückwand muss dieser erst abgezogen werden. Ein ähnliches System hatte auch SABA bei seinen frühen Nachkriegsgeräten verwendet.

Mit diesem Hebel auf der Rückwand konnte man den Lautsprecher im Radio stummschalten

Jetzt stellt sich die Frage, warum Philips dieses Modell „D62“ getauft hat. Auch wenn es überaus innovativ war, sollte hier keineswegs das Zukunftsjahr 1962 bemüht werden.

Da Philips in unterschiedlichsten Ländern produzierte, hatte man zur besseren Zuordnung den Modellen eine Länderkennung vorweg gestellt. Das „D“ steht also für „Deutschland“.

Dann folgt die Einordnung in die Firmenhierarchie von Philips. Die „6“ zeigt, dass es ganz oben, also bei den Spitzengeräten angesiedelt war.

Die „2“ ist wieder etwas kryptisch. Philips hatte einen eigenen Schlüssel für die Produktionsjahre. Dieses Modell wurde von 1939 bis 1940 angeboten. Diese Saison wurde hauseigen mit der Ziffer „2“ gekennzeichnet.

In Summe haben wir damit „Super D62“

Keramikfigur, Künstler: Hans Kraemer

Philips verwendete bei den komplexen Chassis-Nummern in der Vorkriegszeit vorweg gerne hohe Ziffernblöcke, also 100.000, 200.000 oder 300.000 schon für das erste gebaute Exemplar.

Das deutet darauf hin, dass dieses Gerät mit seiner hohen Ziffer 364018 ziemlich sicher schon später, also im Jahre 1940 hergestellt wurde. Das heißt, bereits mitten im begonnenen Zweiten Weltkrieg.

Den letzten Beweis für diese Annahme liefert der weitere Code der Seriennummer. Nach der Ziffer folgt ein Schrägstrich und dann die Kombination „8A03“.

Aufgeschlüsselt können wir folgende Geheimnisse lüften:

Die „8“ bezeichnet die technische und optische Ausgestaltung. Dadurch wird beschrieben, dass es ein Tischmodell (im Gegensatz zu einer Musiktruhe) mit aufwändigem Edelholzgehäuse ist.

Das „A“ verrät uns die genaue Produktionsstätte. Es heißt nicht nur Aachen, es wurde auch im dortigen Werk in der Jägerstraße hergestellt.

Und nun wird es wieder richtig interessant. Mit den letzten beiden Ziffern hatte Philips in der Vorkriegszeit den Produktionsmonat dokumentiert. In diesem Falle also „März“. Da es etwa ab Mitte des Jahres 1939 erstmalig angeboten wurde, und die 03 den Produktionsmonat bezeichnet, also den 3. Monat im Jahr, können wir jetzt definitiv das Baujahr bestimmen.

Unsere Vermutung war also richtig. Gefertigt wurde dieses Radio in der Philips-Fabrik Aachen im März 1940.  

Das Gerät in seiner Zeit:

Philips gehörte zu den größten Global-Playern der Rundfunkindustrie. Pionier und Weltkonzern in einem. Kaum eine Firma aus der Rundfunktechnik war umtriebiger als Philips.

Alles begann in den Niederlanden, wo sich in Eindhoven die Konzernzentrale befand. Schon sehr früh wurden Tochterunternehmen in fast allen europäischen Staaten errichtet. Neben Deutschland war Philips vertreten in Dänemark (näheres bei Sonate BDK503A) , Österreich, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Belgien, Italien, Spanien und in der Schweiz. Zudem gab es auch auf anderen Kontinenten Philips-Produktionsstätten. In Australien, Brasilien, Argentinien und in den USA. Dort nannte man sich „North American Philips Company (Norelco)“.

Der Start in Deutschland war steinig, denn gerade der Konkurrent Telefunken, der viele Patente hielt, hatte ein brennendes Interesse daran, den ungeliebten starken Konkurrenten vom heimatlichen Markt fernzuhalten.

1934 aber hatte es Philips nach einigem Hin- und Her dann doch geschafft, in Deutschland Radios produzieren zu dürfen. Seitdem galt Philips, mit seiner Radiofabrik im Reich, als deutscher Radiohersteller.

Wie wir oben feststellten, wurde das hier beschriebene D62 bereits in der Kriegszeit 1940 hergestellt. Philips konnte sogar noch später, 1941, mit dem 203U „Kommisbrot“ ein nagelneues Radio präsentieren. Es wurde als Kleinempfänger der Ursprung für die späteren Kultradios der Philetta-Serie (z.B. Philetta BD273U).

Als dieses Radio im März 1940 das Aachner Philips-Produktionswerk verließ, war der Zweite Weltkrieg bereits im Gange. Zu diesem Zeitpunkt hatte Polen vor den Deutschen Truppen schon kapituliert.

Vorher, am 08. November 1939, überlebte der Reichsführer den Attentatsversuch auf ihn im Bürgerbräukeller.

Der Angriffskrieg Russlands auf Finnland war beendet. Finnland unterzeichnete am 12. März 1940 im Moskau den Friedensvertrag und musste Gebietsabtretungen an Russland hinnehmen.

Nach einem Treffen zwischen Hitler und Mussolini am 18. März 1940 am Brenner, erklärte Italien seine Bereitschaft, auf Seiten Deutschlands in den Krieg einzutreten.

Auch für die Radiohörer hatten sich die Zeiten geändert. Eine freie Senderwahl war nicht mehr gestattet. Seit Kriegsausbruch durften keine Auslandssender wie der britische BBC oder Radio Moskau mehr gehört werden, auch wenn die Rundfunkempfänger das technisch weiterhin ermöglichten.

Die Rechtsgrundlage für die Verfolgung war die „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“. Dadurch gab es im Deutschen Reich als neues Delikt das „Rundfunkverbrechen“.

Die Strafen bei Zuwiderhandlungen waren drastisch. Auf das „absichtliche“ Hören stand Gefängnis oder Zuchthaus. Auf das Weitererzählen der dort gehörten Nachrichten stand sogar die Todesstrafe. Am gefährlichsten waren manche Nachbarn, Geheimdienstspitzel oder andere Denunzianten.

Mein Vater konnte darüber noch als Augenzeuge berichten. Als kleiner Junge wagten es seine Eltern, trotz der erheblichen Gefahren, BBC einzujustieren. Der Ton am Apparat wurde ganz leise gedreht, die Türen fest verschlossen und die Vorhänge zugezogen. Alle rückten nahe an den Radiolautsprecher heran. Ein konspirativer Zirkel. Man konnte nicht vorsichtig genug sein. Alle lauschten gespannt dem Trommelwirbel des englischen Senders, mit dem die Sendungen immer begannen und den Worten des Sprechers, der manchmal einen eigenartigen Akzent hatte.

Natürlich wurden die deutschsprachigen Sendungen der deutschen Kriegsgegner zu eigenen Kampfzwecken verwendet. Aber es war doch aufschlussreich, einmal andere Kommentare über die militärische Lage zu hören.

Die gleichgeschalteten staatlichen Radiosendungen des deutschen Regimes mit ihren Jubelnachrichten der Nazi-Propaganda, hatten für den wachsamen Hörer nur sehr begrenzten Informationswert.

An allen ab Mitte 1941 neu ausgelieferten Radioempfängern wurde für den neuen Besitzer ein Warn-Zettel angebracht.

Darauf stand:

„Denke daran: Das Abhören ausländischer Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes. Es wird auf Befehl des Führers mit schweren Zuchthausstrafen geahndet“.

Wer, wie der Erwerber dieses Aachen Super D62, diesen Zettel noch nicht ab Werk an seinem Radio vorfand, durfte diesen bei einem Besuch des zuständigen Blockwarts entgegennehmen, der den staatlichen Auftrag hatte, das Flugblatt an alle Haushalte zu verteilen.

Zurück zur Liste der Radios