1950
Seriennummer: 23785

Vorbemerkung:
Heroton gehört zu den exotischen westdeutschen Marken der frühen Nachkriegszeit, die nach kurzem Aufblühen bald wieder im Nichts verschwanden. Schon aus diesem Grunde ist ein Heroton-Radio, wenn man denn noch eins findet, ein echter Zeitzeuge einer untergegangenen Epoche.
Bei diesem Modell kommt noch ein außergewöhnliches Design hinzu. So eins wollte ich immer schon besitzen. Und zwar genau dieses. Das mit den weißen Drehknöpfen. Es wurde so nur ganz kurz angeboten.
Schließlich fand ich ein ansprechendes Angebot in einem bekannten Online-Auktionshaus und ich bekam tatsächlich den Zuschlag. Da ich es nicht persönlich abholen konnte, musste es an meine Adresse versendet werden. Ich fürchtete den Versand per Paketdienst. Bei unzureichender Verpackung – und das kam ziemlich häufig vor – konnten die Schäden irreparabel ausfallen, die damit das Gerät ins Nirwana schickten.
Dieses Modell war wegen seiner ungewöhnlich filigranen und sehr zerbrechlichen offenen Skalengestaltung besonders gefährdet. Mit gemischten Gefühlen öffnete ich das Paket. Meine Sorgen waren aber zum Glück unbegründet. Es kam unbeschadet bei mir an und war vom Versender sorgfältig verpackt worden.
Das Radiomodell:
Dieses seltene Heroton ist eindeutig aus dem Jahre 1950. Warum? Nur 1950 besaßen die Heroton-Modelle die elfenbeinfarbenen Drehknöpfe. Schon 1951 wurden die Geräte mit den üblichen dunklen Knöpfen ausgestattet.

„Heroton“ war lediglich der Markenname. Dahinter verbargen sich die Funktechnischen Werke Füssen (FWF), womit auch der Firmenstandort geklärt wäre.
Die Geschichte diese Produzenten glich einem kurzen Aufflackern. Das H 662 war tatsächlich eines der ersten Geräte der neuen Firma auf dem Markt. Es startete selbstbewusst sogleich als „6 Röhren – 6 Kreis – Großsuper“, wie die Rückwand dem neugierigen Betrachter stolz erklärt.

Man konnte es als Allstromer kaufen, betrieben also sowohl mit Gleich- als auch mit Wechselstrom und als reines Wechselstromgerät. Das „W“ in seinem Nehmen weist das hier vorgestellte Modell als letzteres aus.

1951 wurde es, wie schon verraten, mit dunklen Knöpfen ausgeliefert. Es wurden von der Firma noch ein paar Varianten und Phonoschränke in homöopathischen Stückzahlen hergestellt. 1952 kam zum Abschluss noch einmal ein komplett neues Gerät auf den Markt, bis sich noch im gleichen Jahr die Marke auch schon wieder aus dem Kreis der Anbieter verabschiedete.
Wie viele Geräte tatsächlich produziert und verkauft wurden, ist schwer nachzuvollziehen. Auch hier ist man mit der Seriennummer sicher nicht bei „1“ gestartet. Die bei diesem Gerät eingeschlagene Nummer „23785“ dürfte sehr wahrscheinlich nicht die tatsächliche Produktionszahl wiedergeben.

Auf dem Chassis fand ich über dem runden Stempel „F.W.F. geprüft“ das Datum „21. Oktober 1950“.
Ein anderes mir bekanntes H 662 W mit Stempel 7. Nov. 1950 hat die Seriennummer 24522. Versuchen wir einmal eine kleine Kalkulation: zwischen 21. Oktober 1950 und 07. November 1950 liegen 13 Arbeitstage. Warum? Der 21. Oktober 1950 war ein Samstag. Das beweist, dass damals auch am Samstag gearbeitet wurde. Zudem war der 01. Oktober 1950 ein Feiertag, der sicher eingehalten wurde. 07. November 1950 war ein Dienstag. Also kommen wir auf 13 Arbeitstage, die Samstage mitgerechnet.
Bei einer Differenz von 737 Geräten geteilt durch 13 Arbeitstagen haben wir eine Tagesproduktion von immerhin 56,69 Radios. Nehmen wir einen Monat mit 4 x 6 Arbeitstagen an, kommen wir auf eine ungefähre Monatsproduktion von immerhin ca. 1.361 Exemplaren. Hochgerechnet auf ein Jahr hätten wir also in etwa 16.320 Stück.
Das wäre nicht umwerfend viel, aber durchaus bemerkenswert. Natürlich wissen wir nicht, ob die Nachfrage und damit die Tagesproduktion immer gleich hoch war. Das dürfte eher nicht der Fall gewesen sein. Im besagten Zeitraum war sie aber schon beachtlich. Trotzdem bleiben weiterhin Zweifel, ob die Seriennummern tatsächlich bei „1“ angefangen haben. Das mir bekannte Radio mit der kleinsten Seriennummer hat die Ziffer 22013, leider ohne Datum.
Im Jahre 1950 Jahr gab es nur ganz wenige Radios, die bereits einen UKW-Empfangsteil serienmäßig eingebaut hatten. Trotz der Bezeichnung „Großsuper“ gehörte dieses Heroton noch nicht zu diesem elitären Kreis. Für eine so kleine Firma wäre das auch erstaunlich gewesen. Immerhin war es in gewissem Sinne schon für UKW vorbereitet, denn es hat hinten am Chassis einen Anschluss mit der Aufschrift. „UKW Anschluss“.

Hier hätte man also ein externes UKW-Empfangsteil vorschalten können. Erst 1951 war das Modell gegen Aufpreis auch als UKW-Empfänger erhältlich und bekam dafür als Belohnung den Namen „Fonosuper“.
Dieses hier kann das nicht, empfängt aber Langewelle, Mittelwelle und hat immerhin drei separat anzuwählende Kurzwellenbereiche.

Alle Einstellungen werden durch die drei vorderen Schalter angewählt. Die Gehäusegestaltung ist sehr ungewöhnlich und scheint sich an den Vorkriegs-Telefunkengeräten aus dem damaligen High-End-Bereich zu orientieren. Jedenfalls gibt es zwei schmale Skalenleisten, die sich mit etwas Abstand waagerecht vor der Stoffbespannung in die Breite erstrecken. Dazwischen, also noch vor dem Stoff, rutscht eine ebenfalls durchsichtige und nur oben und unten durch einen weißen Strich gekennzeichnete vertikale Leiste zur Sendererkennung entlang.
Dieser Innenbereich wird durch eine dicke Metall-Leiste eingerahmt. Rechts und links unten gibt es jeweils ein rundes Schaufenster. Rechts ist schwarz auf weiß der eingestellte Wellenbereich zu sehen und links blinzelt dem Betrachter das „Magische Auge“ entgegen. Bei erfolgreicher Sendereinpeilung zeigt dort das schöne, grün leuchtende Kleeblatt der verbauten EM 11 die Signalstärke der empfangenen Rundfunkstation an.
Die Flutlichtskala, deren Beschriftung an einigen Stellen durch den Zahn der Zeit leider etwas gelitten hat, kündigt im KW-Bereich recht optimistisch nette exotische Sendestationen an, wie „Reykjavik“, „Tanger“, „Brazzaville“ und „Panama“.
Das Gesamtergebnis der Gestaltung ergibt ein wunderbares individuelles Erscheinungsbild. Für einige der damaligen Kaufinteressenten vielleicht der ausschlaggebende Faktor für den Erwerb. Hier konnte sich der Ästhet mit Geld so kurz nach dem Krieg wieder einen echten Hingucker gönnen.

Nicht so ungewöhnlich wie das Äußere ist im Inneren die Röhrenbestückung. Es sind noch die aus der Vorkriegszeit bekannten ECH 11, EBF 11, EF 11 verbaut, als Röhrengleichrichter die AZ 11 und als Verstärkerröhre die EL 11. Die gab es in bauchiger und schmaler Form.

In meinem Gerät ist sie in ihrer schlanken Stabsform eingebaut. Ich habe es noch nicht gewagt, das Radio anzuschalten, was mangels Stromzuführungskabel momentan auch nicht möglich ist. Hier ist vorher noch eine umfängliche Restaurierungsarbeit erforderlich.
Das Gerät in seiner Zeit:
Ja, mir fällt selber auf, wieviel Radios aus dem Jahre 1950 sich in meiner Sammlung befinden. Das bietet schon fast einen Marktüberblick, was es 1950 alles in der Bundesrepublik und in der DDR zu kaufen gab.
Es war eine Zeit, in der sich die einzelnen Radiohersteller noch um eigenständiges Produktdesign bemühten und es auch noch keinen „Platzhirsch“ gab, der die später recht einheitliche und damit eben auch etwas langweilige Formgestaltung vorgab und dem alle anderen Rehe brav folgten.
Vielleicht ist es diese Faszination, die das Herstellungsjahr 1950 so interessant macht. Noch dazu der historische Hintergrund. Viele Glückritter versuchten, sich einen Platz am neu errichteten freien Wirtschaftsmarkt in der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland zu erobern. In dieser Zeit war das sowohl im Westen als auch in Ostdeutschland noch eine Perspektive (z.B. Ares, Blohm).
Diese wiedergeborene, nachapokalyptische Aufbruchsstimmung von unternehmerisch veranlagten Menschen der Gesellschaft, wurde in der DDR kurze Zeit später ideologiebedingt durch Enteignung und sogar durch Inhaftierung der privaten Initiatoren nachhaltig bekämpft. Ein beliebter Vorwand war der Vorwurf der „Steuerhinterziehung“, der universal einsetzbar war.
Im marktwirtschaftlich orientierten Westen gab es deutlich mehr Freiheiten und auch unternehmerische Sicherheiten. Allerdings durfte niemand hoffen, dass einem der „freie Markt“ etwas schenkte. Der Konkurrenzkampf unter den Anbietern war unerbittlich. Bald zeigte sich, dass es nur wenigen Produzenten gelang, sich hier durchzusetzen. Gerade Neugründungen hatten es schwer und wurden bald von den ehemaligen Großkonzernen, von denen sich einige schneller regenerieren konnten, als es noch 1950 schien, verdrängt.
1950 aber war die Zukunft noch ungewiss. Deutschland, seine Infrastruktur und alte Gewissheiten lagen am Boden. Die Karten wurden gerade neu gemischt. Alles war möglich. Viele Gründer hatten große Zukunftspläne und zögerten nicht, eine sich ihnen bietende Chance zu ergreifen. Am Ende aber mussten die meisten mehr oder weniger hart erfahren, dass sie sich am umkämpften Radiomarkt gegen die finanzstarken Großproduzenten nicht durchsetzen konnten.
Die einzige bemerkenswerte Ausnahme war Max Grundig, der nach einem unerwarteten und dann auch noch kometenhaften Aufstieg seine Bastelbude zu einem Marktführer aufschwingen konnte, der sich schließlich zu einem weltumspannenden Großkonzern mit Umsätzen im Milliarden-Bereich entwickelte (Grundig 4035W). Am Ende war er es, der zu den ganz Großen seiner Zunft gehörte.
Die Firma Funktechnische Werke Füssen (FWF) gehörte mit ihrer Marke Heroton nicht zu diesen Glücklichen. Noch einmal fusionierte sie mit einem Konkurrenten namens „Apparatebau Backnang“ und dann schloss sich auch schon wieder das Buch der Firmengeschichte. Eher eine Kurzgeschichte als ein Serienroman.
Wer 1950 zugriff und sich einen Heroton H 662 W zulegte, zahlte dem freundlichen Radiohändler für dieses 14 kg schwere und 60 cm breite Großgerät 335,- neue DM.
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