1955
Seriennummer: 107 02499

Vorbemerkung:
Dieses Radio war Teil der Spandau-Sammlung, die ich Mitte der 90er Jahre in Berlin übernahm (z.B. Grundig 396W). Es gehörte zu den wenigen Exemplaren, die sogar noch problemlos spielten. Ich benutzte es einige Zeit und stellte es dann in meinem damaligen Büro zu Hause als Schaustück aufs Regal. Ab und zu durfte es noch zu Demonstrationszwecken den Raum beschallen.
Eigentlich verrückt, dass ich dieses Radio nach vielen Jahren um 2010 wieder verkaufte. Verrückt deshalb, weil es nicht nur auf allen Wellenbereichen problemlos spielte, sondern dabei einen wunderbaren, warmen und voluminösen Klang verbreitete. Aber so richtig passte es nicht in meine Sammlung und ich benötigte auch wieder etwas Platz.
Das Radiomodell:
Es lohnt sich, bei diesem Mittelklasse-Radio, das bis 1956 im Angebot war, etwas näher hin zu schauen.

Ja, es hat das übliche Einheitsdesign seiner Epoche.
Wir befinden uns im Jahr seines Erscheinens, also 1955. Hier zeigt sich, wie weit fortgeschritten die Radiotechnik in der Bundesrepublik Mitte der 50ger Jahre bereits war.
Der starke Sound dieses preiswerten Radios verblüfft auch heute noch. Erstaunlich, wie ein nur 51cm breites Radio der Mittelklasse einen solchen Klang produzieren kann.

Dieses Exemplar dürfte aus der Anfangszeit seiner Modell-Produktion zu stammen. Darauf deuten zwei Dinge hin.
Einmal die Seriennummer. Die „107“ findet sich bei jedem dieser Geräte. Es folgt dann eine fünfstellige Ziffer. Dieses hier liegt bei 02499. Durchaus möglich, dass dies die bereits gefertigten Exemplare umfasst. Vielleicht begann die Zählung aber auch bereits mit einer anderen Ziffer, z.B. 00100. Kaum ein Hersteller begann seine Produktion bei Seriennummer 00001. Jedenfalls habe ich im Netz nur ein Exemplar mit einer niedrigeren Zahl gefunden, nämlich 01770 mit Stempel im Gehäuse „5. Juli 1955“. Die höheren Zahlen liegen bei 16448.
Das ist durchaus realistisch, denn auch jetzt zeigt sich noch bei den zahlreichen überlebenden Exemplaren, dass dieses Modell ein großer Erfolg für die Firma Löwe-Opta war und in bedeutenden Produktionszahlen gefertigt wurde.
Das zweite Indiz liefert der von Löwe diesem Modell beigefügte Wellenplan.

Neben den aufschlussreichen Frequenzen und Sendern dieser Epoche, verrät er uns auch den gültigen Zeitrahmen, nämlich „Stand vom 01. Mai 1955“. Also dürfte auch dieses Modell im Frühling / Sommer 1955 ausgeliefert worden sein.

Der Name „Magnet Plastik“ hätte heute wohl keine verkaufsfördernde Wirkung. Besonders das Wort „Plastik“ macht nach moderner Begriffsdeutung keinen besonders wertigen Eindruck. Zwar wurde im Bereich der Tasten und der Klangregelung nicht mit Kunststoff gespart, jedoch wollte Loewe mit „Plastik“ etwas ganz Anderes ausdrücken.
1954 hatte der Konkurrent Grundig die Branche mit seinem „3D“-Klang gehörig aufgerüttelt. Durch seitliche Lautsprecher sollte bei Radios ein Raumklang entstehen, der so nie zuvor gehört worden sei. (Grundig 3045W 3D). Die anderen Hersteller gerieten dadurch in Zugzwang. So schnell es ging kamen diese nun auch mit Radios auf den Markt, die ebenfalls seitliche Lautsprecher besaßen. Wie auch dieses Modell. Nun wollte man aber nicht auch noch Werbung für einen Konkurrenten machen, indem man einfach den von Grundig geprägten Begriff „3D“ von diesem übernahm. Also dachten sich die Loewe-Werber für dieses Modell eine eigene neue Bezeichnung aus um kamen dabei auf „Plastik“.
Damit war also nicht das Material gemeint, sondern es sollte vermittelt werden, wie „plastisch“ der Sound durch die Rundumbestrahlung des Wohnzimmers den werten Kunden erscheinen möge.
Über die Optik haben wurde schon gesprochen. Es sieht recht hübsch aus, entspricht aber voll und ganz dem zum Verwechseln ähnlichen Gestaltungsbild von deutschen Radios aus Mitte/Ende der 50er Jahre. Einzig die mit goldenen seitlichen Streifen verzierten Tasten simulieren einen Hauch von Individualität.
Immerhin hat es neben den beiden Drehschaltern vor der Skalenscheibe noch zwei Rändelrädchen rechts und links zur Klangregulierung. Es machte sich schon bezahlt, in diese Schaltung zu investieren. Die Regelung erlaubt die getrennte Anpassung der Höhen und Tiefen. Sicher ist auch das ein Grund für den schönen Radioklang dieses Modells.

Die Röhrenbestückung nähert sich ebenfalls dem in dieser Zeit üblichen Standard an.
Wir haben hier die EF 89, ECC85, ECH81, EABC80 und die kräftige EL84 als Endröhre.
Einzig das „Magische Auge“ lässt einen staunen. Warum Löwe hier die uralte EM4 verwendete, bleibt unbeantwortet. Sicher, sie liefert ein wunderbares Leuchtbild bei der Feldstärkenanzeige und auch bei diesem Gerät funktionierte sie noch einwandfrei und hell.

Aber diese Röhre wurde bereits 1938/39 vorgestellt und besitzt nach uralter Sitte acht Außenkontakte. Sie steckt also in einem Topfsockel. So etwas wurde in dieser Epoche eigentlich nicht mehrt verbaut.
Für die gute Wiedergabe sorgen 8 AM und 9 FM-Kreise. Der AM Bereich ist allerdings auf LW und MW beschränkt. Ein Kurzwellenempfang ist nicht möglich.
Die meisten Kunden wollten 1955 lieber einen guten UKW-Empfänger und das ist dieses Radio auf jeden Fall. Über die Tasten konnte dann auch noch auf einen Tonabnehmer umgeschaltet werden.
Auch die Skalenscheibe bietet keine Überraschungen. Es zeigt sich auch bei Loewe ein klarer West-Trend bei den im MW-Bereich aufgelisteten Sendern.
Das Gerät in seiner Zeit:
Wie bereits gesagt, war dieses Radio, ein großer Erfolg für Loewe. Ein Grund war sicher auch der moderate Preis von 259.- DM. Dafür bekam man ein qualitativ hochwertiges Radio mit gutem Preis/Leistungsverhältnis. Und vielen Deutschen ging es inzwischen auch schon wieder deutlich besser als noch einige Jahre zuvor. Die Kaufkraft war im Westen deutlich gestiegen. Immer mehr hatten dort nach Einführung der „sozialen Marktwirtschaft“ ein gutes Auskommen und damit Geld zum Konsumieren übrig.
Auf der Anbieterseite wurde damit der Konkurrenzkampf unter den Produzenten von begehrten Waren, wie Rundfunkempfängern, deutlich härter. Es war nun kein Angebotsmarkt mehr, sondern ein Nachfragemarkt. Viele kleine Firmen und „Start-Ups“ aus der unmittelbaren Nachkriegszeit konnten da schon nicht mehr mithalten und verschwanden nach und nach sang- und klanglos von der Bildfläche. Die großen, schon vor dem Krieg bekannten Traditionsunternehmen, zu denen auch Loewe-Opta gehörte (Loewe-Opta 3751W) hatten da deutlich bessere Chancen. Aber auch sie mussten kämpfen.
Die Erfolgsbemühungen sind schön zu sehen bei dem „Feedback-Bogen“ der dem Käufer dieses Magnet Plastik mitgegeben wurde und der neben dem Wellenplan noch in der kleinen Tasche der Rückwand vorhanden war.
Formvollendet wurde der Käufer im höflichen Sprachduktus der Zeit begrüßt:
„Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr! Sollten Sie ein wenig Zeit haben, so möchten wir Sie bitten, uns fünf Minuten für eine völlig unverbindliche Beantwortung nachfolgender Fragen zu widmen.“
Danach folgt eine, heute würde man sagen, Marketing-Erhebung der Vertriebsabteilung. Der Name des Geräts wurde bereits werksseitig in die Postkarte, die nicht frankiert werden musste, eingetragen. Es folgen dann Fragen zu UKW, zum Erscheinungsbild des Geräts, ein wenig Eigenwerbung mit Blick auf eine 30järige Firmenerfahrung.
Dann aber auch nach der Zufriedenheit mit dem Apparat und ob die Käufer das Gerät „… Ihren besten Bekannten mit gutem Gewissen…“ empfehlen würden.
Wichtig für die Vertriebs-Kollegen war natürlich auch die Werbung, die noch ohne Internet und überwiegend auch ohne Fernsehen auskommen musste.
„Sind Sie auf Ihr Löwe-Opta-Gerät aufmerksam geworden durch:“ Dann folgen verschiedene Optionen, unter anderem „Zeitungsinsertion“, Illustrierten-Insertion“, „Schaufenster-Dekoration“.
Und was passierte 1955 sonst noch Bedeutendes?
Ziemlich genau zum Zeitpunkt, als dieses Radio beim Löwe-Händler im Schaufenster stand, wurde Westdeutschland langsam wieder in die westliche Staatengemeinschaft aufgenommen. Im Mai 1955 wurde, zumindest offiziell, die Besatzung der Bundesrepublik Deutschland aufgehoben.
Die unmittelbaren Auswirkungen auf die Bevölkerung waren jedoch recht gering. Die im Deutschlandvertrag festgestellte „Souveränität“ war dann durch die Alliierten Vorbehaltsrechte doch nur sehr eingeschränkt auszuüben. Die ausländischen Soldaten, sowie deren Militärstützpunkte und Radiosender blieben im Land. Alleine die Alliierten „Kommissare“ nannten sich jetzt „Botschafter“.
Größeren Einfluss auf das Leben der männlichen Bevölkerungsteile hatte der NATO-Beitritt der Bundesrepublik, ebenfalls im Mai 1955. Denn jetzt begann die vorher für undenkbar gehaltene militärische Wiederaufrüstung mit der Gründung der Bundeswehr und der Einberufung von zunächst Freiwilligen neuen Soldaten.
Die Einführung der Wehrpflicht für Männer erfolgte mit dem im Juli 1956 eingeführten Wehrpflichtgesetz. Das förderte natürlich nicht die Beziehungen zu den Ländern auf der anderen Seite des noch nicht ganz eisernen Vorhangs. Denn nun gründeten die Ortblockstaaten ihrerseits ein Militärbündnis, den Warschauer Pakt, dem nun auch die DDR angehörte. Und das, obwohl vom letzten Krieg noch immer nicht alle deutschen Gefangenen wieder in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Beide Teile des noch verbliebenen Rest Deutschlands standen sich jetzt auch noch feindlich gegenüber. Eine Wiedervereinigung Deutschlands rückte damit in ganz weite Ferne.
Da hörte man doch lieber Musik im Radio.
Zumindest die US-Amerikanischen Soldatensender scheuten sich nicht, für ihre in Westdeutschland stationierten Truppen die heißesten Songs zu spielen. Damit rissen sie viele junge Deutsche mit, die nun ebenfalls vom Rock & Roll-Fieber befallen wurden. Maßgeblichen Anteil daran hatte zweifellos Bill Haley mit seinem unsterblichen Hit „Rock Around The Clock“, der 1955 die Charts dominierte.
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