1951
Seriennummer: 60645

Vorbemerkung:
Es gibt wenig Radios, bei denen ich mich nicht mehr erinnere, von wo aus sie mir zugelaufen sind. Dieses besondere Exemplar gehört dazu. Habe ich es von einem Flohmarkt? Ich glaube es war eine Kleinanzeige. Aber was auch immer es war, es kam für einige Zeit in meine Sammlung. Und das, obwohl ich eigentlich weder Pressstoff Radios noch Allstromer bevorzuge.
Aber dieser kleine Empfänger ist es ist definitiv Wert, hier vorgestellt zu werden. Denn er ist, in gewisser Weise, ein technischer Exot. Ein Produkt der damaligen Zeitumstände in der jungen DDR. Und dazu noch ziemlich gut erhalten und auch noch spielbereit.

Das Radiomodell:
„Was ist das denn?“, möchte man meinen, wenn die Rückwand abgenommen wurde. „Da ist ja gar nichts drin!“

Tja, und es spielt doch. Und sogar auf Kurz-, Mittel und Langewelle. Und das funktioniert mit nur einer einzigen Röhre. Es ist ein Geradeausempfänger mit Rückkopplung und einem AM-Kreis, wie in alten Zeiten. Kaum zu glauben, dass zum Zeitpunkt des DDR-Markteintritts dieses knuffigen Radios im Westen schon die ersten UKW-Empfänger in den Handel kamen.
Aber egal. Es ging schließlich darum, mit dem geringsten Materialaufwand den größtmöglichen Effekt zu erzielen. Und dieses Ziel wurde mit dieser Konstruktion eines Einkreisempfängers zweifellos genial umgesetzt.
Die Senderabstimmung erfolgt über in Reihe geschaltete Schwingkreisspulen, die mit dem Seilzug der Senderskala überbrückt werden. Die Senderabstimmung funktioniert also rein induktiv. Deshalb finden wir im Inneren auch keinen Drehkondensator. Hier wird der Ferritkern zur Sendeabstimmung durch die Spulen geschoben. Eine simple, aber effiziente und kostensparende Lösung.
Die einsame Röhre UEL 51 wurde extra neu entwickelt. Es ist eine spezielle Verbundröhre. Eine sehr spezielle.
Sie vereint in einem Glaskörper praktisch alle Funktionen, die ein Röhrenradio für seinen Betrieb benötigt.
Zwei Hauptaufgaben sind dabei zu Unterscheiden. Zunächst haben wir die Eingangstetrode. Also die erste Vorverstärkung der eingefangenen Sendesignale, die Rückkopplung, über die das Signal wieder an den Eingang zurückgebracht und damit verstärkt wird. Vorher natürlich noch die Gleichrichtung und Demodulation, also das Herausfiltern der relevanten Tonsignale, die dann weiterverarbeitet werden können.
Danach erfolgt die Weiterleitung zum zweiten System in dieser Röhre. Jetzt sind wir im Niederfrequenzbereich. Hier wird das „fertig zubereitete“ und vorverstärkte Tonsignal aufgenommen um es für die Ausstrahlung durch den Lautsprecher vorzubereiten. Wir befinden uns also im Endstufenbereich. Die End-Verstärkungsleistung wird mit rund 4 Watt angegeben.

Wie bereits erwähnt, haben wir es mit einem Allstromgerät zu tun, was die bekannten Nachteile mit sich bringt.
Bemerkenswert ist die starke Aufheizung der UEL51. Bei späteren Modellen wurde sogar eine Art Kühler eingebaut, in Form eines Lüftungslochs im Gehäuse hinter der Stoffbespannung. Dort wurde ein Segment der Schallwand aus Pressstoff unmittelbar hinter Röhre weggelassen. Das konnte ich bei meinem sehr frühen Exemplar allerdings nicht entdecken. Hier ist die Schallwand noch durchgehend geschlossen. Zur Wärmeableitung wurde oberhalb der besagten Röhre eine Abschirmung angebracht, auf der ein Warnhinweis den neugierigen Schrauber ermahnt, diese „Pappe“ nicht zu entfernen.
Ein frühes Nachkriegs-Gleichstrom-Radio. Da stellt sich die Frage: hat es einen Urdox? (Nähere Informationen zum Urdox hier).
Es könnte einen haben. Einige Exemplare sind mit Urdoxen ausgestattet worden. Dieses hier allerdings nicht. Die Aufgabe löst vorliegend ein Flachgleichrichter in Kombination mit einem festen Drahtwiderstand. Der ist, von hinten betrachtet, links aufrecht auf der Plattform neben der Röhre angebracht. Dadurch wird, auch ohne einen Urdox, die Netzspannung wirksam auf die für die Röhre benötigten 62 Volt Heizspannung reduziert.
Ein weiterer Beweis für den Materialmangel dieser Epoche ist die Lautsprecheraufhängung. Auch die ist aus Pressstoff gefertigt. Ein weiterer Tribut an den eklatanten Mangel an Metallen in der DDR. Daher wurden auch die „Trabbis“ mit einer Kunststoff- statt mit einer Blechkarosserie versehen.

Das kleine 1U11 ist ein legendäres Gerät aus der Aufbauzeit der DDR, das in der einschlägigen Sammlerliteratur ausführliche Erwähnung findet. Im frühen sozialistischen Deutschland war es weit verbreitet. Man könnte fast sagen, es war eine Art Nachfolger des Volksempfängers.
Wegen seines Aufbaus und seiner so eng mit der DDR verbundenen Geschichte, ist es inzwischen zu einem besonders gesuchten Liebhaberobjekt für Freunde historischer Radios geworden.

Der Zustand des hier beschriebenen Exemplars ist verblüffend original und extrem gut erhalten. Das Gehäuse ist makellos mit originaler Rückwand, keine Kratzer oder Ausbrüche. Die Skalenscheibe ebenfalls. Die Schrift perfekt lesbar, keine Verwischungen. Auch der Lautsprecherstoff ist noch schön.
Ein nettes Designmerkmal ist die Skala, die dort vor der Stoffbespannung eingeschoben ist.

Die Sender der westlichen Besatzungstruppen oder West-Berlins, also RIAS-Berlin, BFBS (British Forces Broadcasting Service) oder AFN (American Forces Network) werden von ihr allerdings stillschweigend ignoriert.

Die äußerliche Gesamtgestaltung des Apparats ist sehr ansprechend und streng symmetrisch. Trotz seiner überschaubaren Größe von knapp 40 cm Breite und einer Tiefe von nur 28 cm, strahlt es Frische und Kreativität aus. Ein netter musikalischer Begleiter, der sich aus dem Einerlei der Radios deutlich heraushebt.

Das Lämpchen in der Mitte ist nicht etwa eine Feldstärkenanzeige. Ein „Magisches Auge“ hat es natürlich nicht, bei nur einer Röhre. Aber mondän und geheimnisvoll leuchtet das Birnchen bei Netzbetrieb hinter der durchsichtigen Skalenscheibe.
Der Netzschalter befindet sich unten links als Kipphebel. Dort sind auch die Buchsen für die Antenneneingänge versteckt.
Alte Bastelarbeiten konnte ich nicht entdecken. Soweit ich es beurteilen kann, ist die Technik im Originalzustand, noch mit den alten Hydra-Werk-Kondensatoren. Auch das makellose stoffummantelte Netzkabel und der Stecker sind noch original. Der Stecker passt, trotz der antiken Form, in eine moderne Steckdose.
Und wie klingt ein Radio mit nur einer Röhre?
Mein 1U11 funktionierte tatsächlich noch einwandfrei. Und das gar nicht einmal so schlecht.
In Berlins Mitte konnte ich damals mit einer simplen Wurfantenne mit Bananen-Stecker einige Sender klangrein ansteuern.
Verblüffend vor dem Hintergrund der sehr reduzierten elektronischen Komponenten war der klare und kräftige Klang. Hi-Fi-Standard kann man verständlicherweise nicht erwarten. Aber für den täglichen Hausgebrauch recht es komplett aus, wenn der Hörer keine besonderen Ansprüche hatte.
Dieses kleine Modell war stark nachgefragt. Kein Wunder. Es funktionierte, wie ich selber feststellen konnte, so wie es sollte. Die gerade einmal 96 Ostmark waren auch keine große Hürde für den Erwerb.
Das Gerät in seiner Zeit:
Das ist eine schwierige Geschichte. Schwierig deshalb, weil im Osten Deutschlands nach dem Krieg die Wirtschaft ins Sozialistische übersetzt wurde.
Also versuchen wir etwas Ordnung in die vielfältige RFT-Suppe zu bekommen. „RFT“ war kein Markenname, sondern ein Warenzeichen der DDR für eine ganze Elektronikbranche. Um die Wurzeln dieses besonderen Radios zu finden, müssen wir also tiefer graben.
Der Hauptstrang dieser Wurzel führt uns zurück in die glorreichen technischen Zeiten der Vorkriegsepoche, nämlich zum Stammhaus der Firma Körting. Ein weiterer Zweig leitet uns zudem in das alte Werk der ebenfalls berühmten Firma Loewe-Opta.
Unmittelbar nach dem Krieg wurde im Osten besonders viel demontiert, aber auch schon wieder einiges aufgebaut. Zumindest in Ansätzen.
1947 bildete sich in der Ostzone ein „Zonen-Rundfunk-Ausschuss“. Die ehemals großen Unternehmen Körting, Mende und Imperial, deren Werke nun in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) lagen, wurden aufgefordert, Radio-Prototypen zu entwickeln und diese dann dem Ausschuss zur Prüfung vorzustellen. Das ließ die Hoffnung aufkeimen, auch im Sozialismus weiter wirtschaftlich arbeiten zu dürfen.
Es kam dann tatsächlich zur geforderten Entwicklung und danach zur Begutachtung der Ergebnisse. Der Ausschuss entschied sich am Ende für das von Körting entwickelte Modell.
Ein Jahr später kam es, wie es im Sozialismus immer kommen musste. Unter dem Vorwand der Volksfeindschaft wurde Körting nur ein Jahr später, 1948, vollständig enteignet. Sein gesamtes Vermögen wurde beschlagnahmt und auch das neu entwickelte Radiogerät „volkseigen“ einkassiert (weitere Infos zum Schicksal Körtings findet Ihr beim Körting Onmiselektor).
Glücklicherweise gelang Körting und einigen seiner engen Mitarbeiter die Flucht in den Westen. Sein Leipziger Stammhaus wurde in „VEB Funkwerk Leipzig“ umbenannt. Mit der Belegschaft, die nicht entkommen konnte oder auch freiwillig zurückblieb, wurde anschließend das Radio zu Ende entwickelt, um das es hier geht. Das 1U11. Dieses Gerät wurde zunächst im alten Körting Betrieb in Leipzig gebaut und kurz darauf, gemäß Wirtschaftsplan der DDR, ebenfalls in anderen enteigneten Betrieben, wie zum Beispiel bei Stern-Radio-Stassfurt.
Hauptproduzent in der DDR war für dieses Modell aber das Werk, aus dem auch das hier vorgestellte Radio „geschlüpft“ ist, nämlich „Phonetika Radio Berlin“, das später zu „Stern-Radio Berlin“ wurde.
Dieser Betrieb gehörte zuvor der Firma Loewe-Opta und befand sich in Berlin-Weißensee. Auch für Loewe war dieses Werk nach dem Krieg verloren, da es im Ostteil Berlins lag (weitere Infos zum Schicksal von Loewe findet ihr beim Loewe Opta 3751W Rheingold).
Vor 1948 sollen auch nach Kriegsende noch Radios und Komponenten unter dem alten Markennamen Loewe-Opta gefertigt worden sein. Spätestens 1948 war damit Schluss. Das Werk erhielt nun den neuen Namen „Phonetika Radio GmbH“.
1950 erfolgte dann auch hier die Enteignung und nun hieß die Unternehmung „VEB Phonetika Radio Berlin“. Erst im Laufe des Jahres 1951 beschloss die Staatsführung die weitere Umbenennung in „Stern-Radio Berlin“.
Was sagt uns das? Die Rückwand gibt die Antwort und uns einen Hinweis auf das Produktionsjahr dieses Radios.

Dort steht „RFT 1U11 VEB Phonetika Radio VVBB Elektroindustrie Berlin-Weißensee“
Also fällt es in die Zeit zwischen 1950 und Anfang 1951 und wurde im ehemaligen Loewe-Opta Werk gebaut. Damit ist es eines der ersten 1U11, die in der DDR gefertigt wurden.
Darauf deutet auch die Seriennummer 60645 hin, die im Gehäuseinneren aufgestempelt war.
Die Anfangszahl soll lediglich eine interne Bedeutung gehabt haben. Damit bliebe noch die Ziffer „0645“. Sollte das zutreffen, dann wäre dieses hier eines der allerersten Geräte dieses Typs überhaupt.
Die genaue Stückzahl lässt sich nicht mehr mit Sicherheit herleiten. Schätzungen gehen davon aus, dass alle beteiligten Produktionsstätten bis 1954 um die 60.000 bis 80.000 Exemplare dieses Modells gebaut haben.
Also tatsächlich ein echter „Volksempfänger“ des Ostens.
Den Urzustand der Erstauflage dieses einzigartigen Rundfunkempfängers kennt Ihr nun.
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